Neuer Roman

„Am Tresen lauert die Gefahr“: Skurrile Typen vom Kiez

Die Autorin Sonja Baum posiert am Hans-Albers-Platz
auf St. Pauli. Dort spielt ihr
Kiezroman „Am Tresen lauert die Gefahr

Die Autorin Sonja Baum posiert am Hans-Albers-Platz auf St. Pauli. Dort spielt ihr Kiezroman „Am Tresen lauert die Gefahr

Foto: Roland Magunia

Sonja Baum aus Harvestehude ist eigentlich Biologin. Jetzt hat sie einen Roman mit interessanten Menschen vom Kiez geschrieben.

Hamburg.  Wenn der Schattenmann immer im Schatten sitzt und Der-nur-Kurze-trinkt nur Kurze trinkt, was sagt dann der Name Sonja Baum über seine Trägerin aus? Im Vergleich wohl nicht besonders viel, zumindest jedoch arbeitet Sonja Baum hinter einem Bartresen auf St. Pauli, und der ist aus Holz. Dort arbeitet sie, seitdem sie 14 Jahre alt ist. Eine Vita, die geradezu perfekt dafür erscheint, einen Roman über eine Kneipe auf dem Hans-Albers-Platz zu schreiben.

Wer dann in dem Klappentext von „Am Tresen lauert die Gefahr“ weiter liest, dass die Autorin drei Kinder von vier Vätern hat, könnte an eine sehr moderne Patchworkfamilie denken oder daran, dass diese Biografie vielleicht näher an Sonja Baums künstlerischer Fantasie liegt, als an der Wahrheit. Es mag tragisch erscheinen, aber das Pseudonym hat tatsächlich wenig mit der Beschaffenheit eines Bartresens im Rotlichtmilieu zu tun, dafür mehr mit dem Mädchennamen der Autorin. Den trug sie, als sie in dörflicher Umgebung in Niedersachsen aufwuchs – weit weg von St. Pauli. Unumwunden gibt Sonja Baum das auf Nachfrage zu, ein Grinsen kann sie dabei nicht unterdrücken.

Dass mit den drei Kindern stimmt, es gibt dazu aber nur einen Vater. Mit Mann, Sohn, 6, und zwei Töchtern, 4 und 1, lebt Sonja Baum in Harvestehude. Weil sich der schicke Wohnort und ihr Studium der Molekularbiologie aber nicht gut auf dem Klappentext des Kiezromans gemacht hätten, verlangten die Lektoren nach etwas anderem. „Menschen interessieren sich für Abgründe“, habe ihr Mann gesagt, und auch ihr Bekannter, der Hamburger Krimiautor Gunter Gerlach, sei der neuen Vita zugetragen gewesen. So entstand die Geschichte von Sonja Baum, und mit ihr kam die Zusage des Frankfurter michason & may-Verlages.

Dass es der Hans-Albers-Platz sein sollte, zu dem es die Gestalten in dem Buch Abend für Abend zieht, hat einen persönlichen Hintergrund, der um die Ecke spielt, und der tatsächlich wahr ist. „Das erste Date mit meinem Mann endete im Silbersack. Das sollte wohl ein Test sein: Erst waren wir schick essen, dann kam das Kontrastprogramm.“ Den Test hat die heute 36-Jährige bestanden, drei Kinder von einem Vater später sind die Barzeiten zwar erst einmal vorbei. Dafür steht der Tresen jetzt im eigenen Wohnzimmer an der Hallerstraße und daneben die Udo-Box, wie die familieneigene Jukebox in Anlehnung an die ersten Musikerfahrungen des sechs Jahre alten Sohnes nur genannt wird. Neben Udo Lindenberg ist darin selbstverständlich auch Hans Albers gut vertreten.

In Harrys Bar, dem Ort, an dem sich der Schattenmann und Der-nurKurze-trinkt und viele andere treffen, liegt über allem der Schleier des Unwirklichen, und der äußert sich nicht nur in dem grünlichen Schummerlicht, das halb einladend, halb giftig wirkt. Der Erzähler wartet auf eine Frau, die wirren Gestalten in der Bar lenken ihn von seinem Vorhaben ab. Irgendwann geht das dem Autor zu weit, er schaltet sich ein. Klingt surreal, abgehoben, witzig und nicht nach Molekularbiologie. „Stimmt. Das Studium war mein Anker im Leben. Ansonsten habe ich eine ziemlich entrückte Wahrnehmung“, sagt Sonja Baum und lacht. Der Barmann Harry sei die einzige Romanfigur, zu der es einen Bezug mit dem realen Leben gebe. Der ist allerdings auch recht vage. „Es gab so einen Freund von einem Freund, der manchmal abends mit uns mitgekommen ist. Wir haben keinen Kontakt zueinander, und ich weiß auch nicht, ob er sich wiedererkennen würde. Er hatte jedenfalls eine große Affinität zu Bars.“

Vor 15 Jahren machte sich Sonja Baum die ersten Notizen, aus denen später „Am Tresen lauert die Gefahr“ entstehen sollte. Eine Begegnung mit einer Nachbarin im Treppenhaus in der Hannoveraner Altstadt gab den Ausschlag, später wurden die Zeilen abstruser. „Das Schöne am Schreiben ist ja, dass man keinen Gesetzen folgen muss.“ Klingt nahezu nach dem Gegenteil der Molekularbiologie. „Das war dann wohl auch das Problem mit meinem Studium: Ich bin eher wie ein Künstler als wie ein Forscher an die Sache herangegangen.“

Also folgte ein zweites Studium, Wissenschaftsjournalismus. Auch nicht unbedingt künstlerisch, aber schon näher am Schreiben, ihrem Hobby. Sonja Baum verfasste jetzt Gedichte und Kurzgeschichten. Sie freute sich über Lacher und schluckte kurz, wenn das Publikum ihre Scherze nicht begriff, als sie ihre Texte bei Poetry-Slams in Kneipen vortrug – damals stand sie noch vor dem Tresen.