Studie

Hamburg steht vor dem Verkehrskollaps

Dicht gedrängt warten Reisende im Hauptbahnhof auf ihren Zug (hier 2010). Die Erweiterung des Hauptbahnhofs ist Teil des rotgrünen
Koalitionsvertrags

Dicht gedrängt warten Reisende im Hauptbahnhof auf ihren Zug (hier 2010). Die Erweiterung des Hauptbahnhofs ist Teil des rotgrünen Koalitionsvertrags

Foto: picture alliance

WeltwirtschaftsInstitut prognostiziert für 2020 Staus auf allen Autobahnen. Experten plädieren für Ausbau des Schienenverkehrs.

Hamburg.  Der Verkehr im Großraum Hamburg steht in fünf Jahren vor dem Kollaps. Das ist das Ergebnis einer Studie, die das Hamburgische WeltWirtschaftsInstitut (HWWI) im Auftrag von Unternehmer Positionen Nord, der Mittelstandsinitiative der HSH Nordbank, erstellt hat.

Die Autoren haben dafür eine ausführliche Analyse der bestehenden Verkehrsströme vorgenommen und unter Berücksichtigung vieler Faktoren, wie Wirtschaftswachstum und Hafenumschlag, eine Modellprognose für das Jahr 2020 entwickelt. Die Kernaussage der Studie, die dem Abendblatt exklusiv vorliegt, ist ernüchternd: „Bei unverändertem Verhalten der Verkehrsteilnehmer“, so die Autoren, würden in fünf Jahren „mit Ausnahme der A 1 Richtung Bremen alle Autobahnen in und um Hamburg in den Tagesstunden Auslastungen im Staubereich aufweisen.“ Dabei wurden im Bau befindliche Maßnahmen wie der Ausbau der A 7 zwischen Hamburg und Bordesholm bereits berücksichtigt.

Als meistbefahrene Autobahn stellte sich die A 1 südwestlich von Hamburg mit durchschnittlich 99.500 Fahrzeugen pro Tag heraus, davon 13.500 Lkw. Die Auslastung am Messpunkt Glüsingen (Landkreis Harburg) lag werktags bei 125 Prozent. Noch schlimmer war die Situation auf den inner-hamburgischen Bundesstraßen wie der B 4 in Höhe Elbbrücken, wo werktags im Schnitt 124.000 Fahrzeuge gezählt wurden, was einer Auslastung von 206 Prozent entspricht. Mit anderen Worten: Die Straße ist völlig überlastet.

Und es wird nicht besser. Das krasseste Beispiel: Wächst der Hafenumschlag nur um 4,1 Prozent pro Jahr, erwarten die HWWI-Autoren für die Autobahn 24 Richtung Berlin bis 2020 eine Zunahme des Lkw-Verkehrs gegenüber 2011 um 45,1 Prozent. Wächst der Hafen um 6,1 Prozent, müsste die A 24 sogar 58,5 Prozent mehr Lkw aufnehmen. Der Schienengüterverkehr in Richtung Osten würde in dem Fall sogar um bis zu 104 Prozent zunehmen. Zum Vergleich: 2014 wuchs der Hafen um 4,8 Prozent.

Grundsätzlich steht das Verkehrsnetz im Großraum Hamburg vor zwei großen Herausforderungen: Zum einen strömen werktags rund 320.000 Pendler in die Stadt, zu 45 Prozent mit dem Pkw, weitere 100.000 pendeln täglich ins Umland. Das sorgt für große „Belastungsspitzen“ morgens und abends, gegen die die Stadt selbst mit ausgebauten Autobahnen nicht ankommen werde, so die HWWI-Autoren. Sie plädieren daher für einen Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs, zum Beispiel attraktivere Park-and-ride-Anlagen und längere Pendlerzüge. Diese seien, vor allem in den Stoßzeiten, zu oft überfüllt.

Drei Viertel der Gütermenge aus dem Hafen werden per Lkw transportiert

Hinzu kommen die gigantischen Gütermengen, die aus dem Hafen heraus, beziehungsweise zu den Schiffen, transportiert werden müssen. Hier ist das größte Problem, dass von den rund zehn Millionen Containern, die im Jahr im Hafen umgeschlagen werden, rund 75 Prozent mit dem Lkw an- oder abreisen. Der Lkw werde „erstaunlich häufig auch bei Entfernungen von mehr als 200 Kilometern als Transportmittel genutzt“, heißt es in der Studie. Dagegen würden nur 2,2 Millionen Container mit der Bahn an- oder abtransportiert. Die Hälfte dieser Ladung verlässt Hamburg über Uelzen gen Süden. Daher empfehlen die Experten dringend, die Kapazitäten dieser Schienenverbindung auszubauen – sei es mit der sogenannten Y-Trasse im Dreieck Hamburg-Bremen-Hannover oder ei-ner Alternative.

Eine viel zu geringe Rolle spielt aus Sicht der Verkehrsexperten das Binnenschiff. Lediglich 5,8 der 145 Millionen Tonnen Güter, die im Hafen umgeschlagen wurden, seien 2013 von Hamburg aus per Binnenschiff versendet worden; 4,8 Millionen Tonnen kamen in der Stadt an. Die Menge wuchs von 2000 bis 2012 nur um zwei Prozent, gemessen an der zurückgelegten Strecke ging sie sogar um elf Prozent zurück.

Investitionen in Autobahnen sehen die Gutachter nicht als beste Lösung an

Abhilfe versprechen sich die HWWI-Experten zwar von neuen Autobahnen wie der A 20 (Westumfahrung Hamburgs) und der A 26 (Stade–Hamburg). Grundsätzlich sei der Autobahnausbau aber „ambivalent“. Denn überlastet seien die Pisten in der Regel nur zu den Hauptverkehrszeiten, während es tagsüber und nachts schon jetzt Überkapazitäten gebe. Zudem dürften die Belastungsspitzen auf den Autobahnen „phasenweise so groß sein, dass auch eine Erweiterung um eine Spur einen reibungslosen Verkehrsfluss nicht jederzeit gewährleisten könnte“.

Außer in die Schienenwege und den Nahverkehr sollte Hamburg daher auch in elektronische Verkehrsleitsysteme investieren. Auch „Geschwindigkeitsbegrenzungen auf den Autobahnen zu Hauptverkehrszeiten“ könnten deren Aufnahmefähigkeit erhöhen. Konkret empfehlen die Experten Tempolimits von 80 bis 90 Kilometern pro Stunde. Anstelle der kürzlich beschlossene generellen Pkw-Maut für Autobahnen plädieren die Autoren dagegen für eine variable Maut, die eine Nutzung der Infrastruktur zu Stoßzeiten verteuert.

„Wenn wir mit Unternehmen sprechen, zeigen die sich meist sehr realistisch und erwarten gar nicht, dass die Infrastruktur ständig ausgebaut wird“, sagt Marcus Kleiner, der Leiter der Abteilung Infrastruktur und Eisenbahn bei der HSH Nordbank. „Was sie aber erwarten, ist, dass die bestehenden Straßen, Schienen- und Wasserwege instandgehalten werden und neueste technische Lösungen zum Einsatz kommen, damit diese Infrastruktur auch möglichst effizient genutzt werden kann.“