Polizei

Schauspieler Marek Erhardt war zwei Jahre „Undercover“

Der Schauspieler
Marek Erhardt
in der Fußgängerunterführung
unter der Schwanenwikbrücke

Der Schauspieler Marek Erhardt in der Fußgängerunterführung unter der Schwanenwikbrücke

Foto: Bertold Fabricius

Eigentlich sollten es nur ein paar Wochen Hospitanz bei der Polizei sein, mit denen sich Erhardt auf eine Rolle vorbereiten wollte.

Man hätte ihn auch beim Corfu Grill Imbiss am Schiffbeker Weg treffen können. Dann hätte Marek Erhardt wahrscheinlich wie immer Gyros bestellt, und vielleicht hätte er von all den Orten im Revier Billstedt erzählt, die er liebt. Dem Öjendorfer Park, dem Schiffbeker Weg selbst, an dem abends kriminaltechnisch „alles geht“ und der tagsüber in „heroischer Ruhe“ darniederliegt, und natürlich das Stadtgebiet von Horn. Dort hat Marek Erhardt die größten „seiner“ Fälle erlebt, an der Seite der Billstedter Zivilfahnder, die der Schauspieler und Enkel von Heinz Erhardt zwei Jahre lang begleitet hat. Eigentlich wollte er sich nur ein paar Wochen lang auf eine Rolle als ziviler Ermittler vorbereiten. Doch die kurze Zeit mit den Fahndern beeindruckte Erhardt so, dass er ein Buch über deren Arbeit schreiben wollte. So wurden aus der Hospitanz 250 Einsätze und ein Sachbuch, gefüllt mit Geschichten aus dem Alltag der Fahnder. Auf 264 Seiten beschreibt Erhardt in „Undercover“ seine Erlebnisse mit Einbrechern, Drogendealern, jugendlichen Intensivtätern und mit den Ermittlern selbst. Das Buch ist im Oktober erschienen, er hätte noch genug Material für ein zweites, sagt Erhardt. Am heutigen Donnerstag stellt er das Buch im Polizeimuseum vor, eine Lesung, die schnell ausverkauft war.

An diesem Morgen ist es aber noch zu früh für Gyros, Marek Erhardt schlägt ein Treffen in einem Bistro in Winterhude vor, seinem Stadtteil, in dem er niemals Zivilfahnder sein könnte, auch nicht Hospitant. Die Gefahr, bei einem Einsatz bei einem Bekannten in der Wohnung zu stehen, ist zu groß. Den häuslichen Gewalttäter am nächsten Tag auf dem Markt treffen? Geht nicht. Also Billstedt. Denn dort ist auch mehr los, zumindest für Zivilfahnder. Billstedt – das „härteste Revier der Stadt“, so steht es im Untertitel des Buches. Dass sich die Bewohner des Stadtteils von solchen Bezeichnungen angegriffen fühlen, ist Marek Erhardt klar. „Billstedt wird oft Unrecht getan, das stimmt. Aber Fakt ist, dass hier mehr passiert als in anderen Stadtteilen“, sagt der 45-Jährige. Knapp 8000 Straftaten wurden im vergangenen Jahr in Billstedt angezeigt.

Dass der Schauspieler erkannt wurde, blieb auch bei seinen Einsätzen in Billstedt nicht aus. Aber tatsächlich enttarnt wurde er selten. Dafür hat er eine Erklärung: „Stell dir vor, du triffst deinen Rewe-Kassierer im Strandurlaub. Du weißt, dass du ihn kennst, aber kannst ihn nicht verorten.“

Der Vergleich mit dem Rewe-Kassierer kommt nicht von ungefähr. „Ihr Kollege hat einen Nebenjob: Der arbeitet bei Sky an der Kasse“, klärte ein Tatverdächtiger bei einem Einsatz Kay-Gerhard Tegtmeyer auf, den Chef der Billstedter Zivilfahnder, von den Kollegen bei seinem Tarnnamen „Oskar“ genannt. Ein weiteres Erlebnis: Eine Frau, die gerade Opfer häuslicher Gewalt geworden war und der das Blut noch aus der Nase tropfte, habe ihn um ein Autogramm gebeten, sagt Erhardt. Die DVD-Box der Vorabendserie „Da kommt Kalle“ stand in ihrem Regal, Erhardt in der Hauptrolle als Polizist Oliver Kottke, auf Streife mit Hund Kalle. Dass er jahrelang in der Serie mitgespielt hat, dürfte Erhardt geholfen haben, sich bei der Arbeit mit den Fahndern im Hintergrund zu halten: „Den Fall löst der Köter, nicht du. Das muss dir als Schauspieler klar sein.“

Dass er neben dem Parson-Russell-Terrier quasi eine Statistenrolle spielt, ist Erhardt also lange bewusst. Aber dennoch: „Normalerweise bin ich es gewöhnt, dass sich Leute für meinen Beruf interessieren. Jetzt war es andersherum: Ich war der Statist, die Zivilfahnder waren für mich wie Stars. Nur, dass ich mir keine Autogramme geholt habe“, sagt Erhardt. Der Wechsel in die „zweite Reihe“ habe ihm gut getan: „Ein Buch wie „Undercover“ kann man nur schreiben, wenn man sich im Hintergrund hält und beobachtet.“

Dort im Hintergrund hat er viel erlebt. Er hat Marihuana-Plantagen abgeerntet, Einbrecher ertappt und Dealer und Brandstifter gefasst. Und dann gibt es natürlich die Geschichte von dem kleinen Jungen, die Marek Erhardt gern erzählt, wohl, weil sie ihn am meisten berührt. Die Zivilfahnder nahmen den tobenden, betrunkenen Vater fest, Erhardt versuchte im Nebenzimmer, das Kind zu beruhigen. Mehrere Stunden warteten sie gemeinsam auf der Wache auf die Großeltern des Jungen, dann irgendwann kam die Frage: „Kann ich jetzt bei dir wohnen?“ Die Geschichte wird auch später bei Erhardts Ernennung zum Ehrenkommissar erzählt werden.

Bei diesem und ungezählten anderen Einsätzen hat sich Erhardt danach Fragen gestellt:Was wird aus den Leuten, wenn wir wieder weg sind? Aus Tätern und Opfern? Wie konnte es zur Tat kommen? Antworten hat er nicht bekommen. Gewöhnt hat er sich aber auch nicht daran. „Dafür war ich zu kurz dabei, denke ich. Das Schreiben am Buch hat mir aber zwei Erkenntnisse geliefert. Erstens: Nein, ich habe die Täter auch jetzt nicht verstanden. Und zweitens: Ich will sie nicht verstehen.“

Die Zeit bei den Zivilfahndern hat Marek Erhardt auch noch mit einer weiteren Erkenntnis zurückgelassen. „Ich würde sofort den Job wechseln – wenn ich keine Verpflichtungen hätte.“ Eine Bedingung würde er allerdings an Polizeipräsident Ralf Martin Meyer stellen: „Er müsste mir zusichern, dass ich für immer in genau dieser Truppe bleiben darf“, sagt Erhardt und lacht, nach dem Motto: Wäre schön, wird nicht passieren, weiß ich ja.

Bis auf „Oskar“ bleiben alleanderen Polizisten anonym

Dabei hatte es Erhardt zunächst gar nicht so leicht. „Es war sogar wahnsinnig schwer, in die Gemeinschaft der Zivilfahnder aufgenommen zu werden. Ich glaube, sie haben mich zuerst getestet. Das große Vertrauen zwischen Oskar und mir hat aber wohl geholfen.“ Wer das Buch liest und mit Marek Erhardt spricht, kann sich diesen Anfang kaum vorstellen. Nach zwei Jahren Hospitanz ist Marek Erhardt „Päckchen“ geworden. Ein scherzhaft gemeinter Spitzname, den die Zivilfahnder ausgesucht haben. Das „Päckchen“ war immer dabei, durfte aber nicht in Gefahr gebracht werden.

Heute sind Marek und die Zivilfahnder wie Freunde, sagt er. „Ich telefoniere jeden zweiten Tag mit Oskar, mehr als mit meiner Mutter“, sagt Erhardt, der für seine Schilderung der Polizeiarbeit viel Lob von Fahndern bekommen hat. Auf Amazon sind mehrere der 18 Kommentare zu seinem Buch augenscheinlich von Polizisten geschrieben worden, bis auf eine Ausnahme vergeben alle Kommentatoren fünf Sterne für die Geschichte über das „härteste Revier Hamburgs“.

Und was steht nicht in dem Buch? Erhardt sagt, das Manuskript sei ohne eine einzige Anmerkung aus der Korrektur der Polizei zurückgekommen. Einiges hat er, klar, von vornherein ausgelassen. „Privates über die Beamten, was man zwangsläufig in einer Zwölf-Stunden-Nachtschicht mitbekommt, habe ich nicht geschrieben, und natürlich auch nicht deren Identität.“

Bis auf „Oskar“, Kay-Gerhard Tegt­meyer. Oskar arbeitet seit Jahren in Billstedt, auf den Straßen dort ist er sowieso bekannt. Nach Erscheinen von „Undercover“ vielleicht noch mehr. „Hey, Tegtmeyer, warum komm’ ich nicht in deinem Buch vor?“ – eine typische Frage, die der Fahnder von den Jugendlichen auf der Straße zu hören bekam. Die jungen Straftäter, mit denen Oskar berufsmäßig teilweise schon seit Jahren zu tun hat, fühlen sich wohl fast beleidigt, wenn sie keine Erwähnung finden. Viele von ihnen messen sich selbst an der Schwere ihrer Straftaten – und werden daran gemessen.

Schwer zu verstehen, wie junge Leute zu Straftätern werden, sagt Marek Erhardt. „Bei Einsätzen in Wohnungen habe ich mir die Eltern der jungen Leute angeguckt. Oft handelte es sich um absolut rechtschaffene Menschen“, sagt Erhardt. Die Probleme fänden die Jugendlichen auf der Straße, nicht zwingend im Elternhaus. „Viele haben einfach keinen Respekt vor fremdem Eigentum, und – was viel schlimmer ist – vor Menschen.“

Inzwischen rufen ihn Regisseure an, wenn sie Fachwissen brauchen

Richtig verstehen was vor sich geht in Tätern, die ihre Frauen verprügeln, oder mit zwölf Jahren bereit sind, für ein Handy mit dem Messer zuzustechen, das ist auch Marek Erhardt nicht gelungen. Er glaubt zu wissen, was das Problem ist in Vierteln mit hoher Kriminalitätsrate. „Wenn alle auf ihr Bauchgefühl hören würden und sich bei der Polizei melden, wenn sie etwas beobachten, könnten viele Taten verhindert werden. Aber es gibt da diesen komischen Effekt: Jeder hat auf einmal ein schlechtes Gewissen, wenn er nachts einem Streifenwagen begegnet, auch wenn er sich nichts hat zu schulden kommen lassen. Darum sagen viele lieber nichts.“

Marek Erhardt tut das nicht, jedenfalls nicht mehr, seit er selbst fast Zivilfahnder war. „Ich bekomme diesen bestimmten Blick nicht mehr aus mir heraus: Verdächtige fallen mir sofort auf, Autokennzeichen merke ich mir automatisch.“ Das Ergebnis von manchmal zehn bis 15 Einsätzen pro Nacht. Auch wenn er die Täter vielleicht nicht versteht, die Arbeit der Zivilfahnder versteht er inzwischen wohl besser als die meisten anderen Bürger. „Inzwischen rufen mich Regisseure an und fragen, ob sie bestimmte Szenen so darstellen können“, sagt er.

Marek Erhardt kann meistens helfen. Experte ist er, der Beobachter, vor allem für die Details, die die Einsätze der Zivilfahnder mit sich bringen. Zum Beispiel kann er ziemlich gut erklären, warum man sich als Mitfahrer niemals auf den Platz hinter dem Beifahrer setzen sollte. Dort sitzen nämlich normalerweise die Straftäter auf dem Weg zur Wache. Und wenn die einen zu viel getrunken haben, wird ihnen gern mal übel da hinten auf der Rückbank ... Auch was zu tun ist, um eine Kakerlakenplage im Streifenwagen zu vermeiden, weiß Erhardt (nach Einsätzen in von Schaben bevölkerten Wohnungen die Schuhsohlen desinfizieren!).

Viel gelernt hat der Schauspieler in diesen zwei Jahren. Kalle war in diesem Einsatz zwar nicht dabei (bis auf Spuren von ihm unter Marek Erhardts Schuhsohlen, aber das ist eine andere Geschichte, die im Buch erzählt wird), dafür die echten Zivilfahnder. Aber das weiß Marek Erhardt ja sowieso schon lange: Den Fall lösen die anderen.

Am Montag, 13. April, liest Marek Erhardt um 19.30 Uhr im Winterhuder Fährhaus. Karten gibt es für 19 Euro online unter www.komoedie-hamburg.de und telefonisch unter der Nummer 48 06 80 80.