Matthiae-Mahl im Zeichen der Versöhnung

Ältestes Festessen der Welt im Rathaus: Die Ehrengäste Gauck und Komorowski tragen sich ins Goldene Buch ein. 30 Gäste sagen wegen Grippe ab

Altstadt. Tradition trifft Tagespolitik – und das alles bei feinsten Speisen im glanzvollen Rahmen. Das Matthiae-Mahl, das älteste Festessen der Welt, bezauberte am Freitag wieder diejenigen, die daran teilnehmen konnten. Allerdings hatten 30 der geladenen Gäste kurzfristig wegen der in Hamburg grassierenden Grippe abgesagt.

Die Stimmen der 380 anwesenden Gäste klangen in dem prachtvoll geschmückten Festsaal wie das Summen in einem gigantischen Bienenstock. Am Haupttisch, quer zum Saal, hatte der frisch im Amt bestätigte Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) zwischen den beiden Ehrengästen Platz genommen: Bundespräsident Joachim Gauck und Polens Präsident Bronislaw Komorowski.

Scholz’ Ehefrau Britta Ernst saß zwischen Hamburgs Ehrenbürger Michael Otto und Gaucks Lebensgefährtin Daniela Schadt. Zu den vielen Honorationen, die – offenbar gesund – beim Mahl mit dabei waren, gehörten Bischöfin Kirsten Fehrs und Weihbischof Hans-Jochen Jaschke, Handelskammer-Präses Fritz Horst Melsheimer, Unternehmer Klaus-Michael Kühne sowie Altbürgermeister Hans-Ulrich Klose (SPD), ARD-Moderatorin Pinar Atalay und Abendblatt-Chefredakteur Lars Haider. FDP-Fraktionschefin Katja Suding war mit ihrem Mann Christian erschienen, von dem sie seit Jahren getrennt lebt. Auch Jan Philipp Reemtsma, der sonst die Öffentlichkeit eher meidet, war mit Ehefrau Ann Kathrin dabei. Zu den Köstlichkeiten, die diesmal aufgetragen wurden, gehörten Tafelspitz vom Uckermärker Weidekalb (mit Moorkarotten, Rüben und Kartoffelgratin) und Schlesische Samtsuppe von Schwarzwurzeln. Dazu wurde Pfälzer Grauburgunder gereicht.

Traditionell hielten der Bürgermeister und die Ehrengäste zwischen den Gängen des Menüs ihre Festreden.

Olaf Scholz richtete dabei noch einmal den Blick auf den zurückliegenden Wahlkampf, wobei er versöhnliche Töne anschlug. Scholz dankte demonstrativ „allen hier im Raum, die in den letzten Wochen intensiv für ihre politischen Ansichten geworben und sich so immer auch für die Demokratie eingesetzt haben“. Scholz weiter: „Uns alle eint die Überzeugung, dass wir das Beste für unsere Stadt erreichen wollen.“ Das dürfte unter anderem für den schwer gebeutelten Noch-CDU-Chef Marcus Weinberg Trost gewesen sein.

Gaucks Rede beschäftigte sich mit dem Thema des Abends, das in diesem Jahr 25 Jahre Deutsche Einheit lautete. Doch auch seine versöhnenden Worte wirkten stellenweise, als seien sie auf den eben überstandenen Hamburger Wahlkampf und die anstehenden Koalitionsverhandlungen gemünzt. „Das Matthiae-Mahl ist ein Sinnbild dafür, dass wir miteinander verbunden sind, als Bürger und als Menschen.“

Die Botschaft laute dabei: „Wir setzen uns an einen Tisch und kommen miteinander ins Gespräch.“ Im europapolitischen Teil seiner Rede erinnerte Gauck daran, das Hamburg von der Wiedervereinigung, der Versöhnung von Ost und West und dem Zusammenwachsen Europas nach Jahren des Kalten Krieges enorm profitieren konnte. „Die Wiederannäherung, dieses Geschenk der Geschichte, hatte für das weltoffene, internationale Hamburg, das von seinen Handelsbeziehungen in alle Teile der Welt lebt, besondere Bedeutung“, sagte der Bundespräsident.

Nach Angaben von Protokollmitarbeitern hatte es wegen der Grippe so viele kurzfristige Absagen wie noch nie gegeben. Das bedeutete zusätzlichen Stress für das Serviceteam, das den Festsaal bis zum frühen Abend hergerichtet hatte. Dabei ging es darum, einerseits Gläser, Teller und Bestecke abzuräumen, gleichzeitig an den Enden der Tafeln aber keine sichtbaren Lücken entstehen zu lassen.

Durch Abwesenheit glänzten unter anderem Hamburgs Ehrenbürger Helmut und Hannelore Greve, die Altbürgermeister Ole von Beust (CDU), Christoph Ahlhaus (CDU) und Henning Voscherau (SPD) sowie die Ehrenbürger Uwe Seeler und John Neumeier.

Vor Beginn des Festmahls hatten sich die Präsidenten Gauck und Komorowski ins Goldene Buch der Stadt eingetragen. Sympathische Geste am Rande: Wenn sie sich unbeobachtet fühlten, hielten Gauck und Lebensgefährtin Daniela immer wieder sekundenlang Händchen. Zuvor hatte Olaf Scholz die Ehrengäste – der Tradition entsprechend – erst am Ende der Senatstreppe auf dem sogenannten Spiegel begrüßt.

Dort empfangen Hamburger Regierungschefs seit Jahrhunderten ihre Gäste, um einem alten Brauch folgend, nicht in die Verlegenheit zu kommen, einem zu Pferd angereisten Staatsgast die Steigbügel halten zu müssen. Es entspricht auch der Tradition, dass in jedem Jahr neben dem Bürgermeister ein deutscher und ein ausländischer Ehrengast zu den Gästen sprechen. 2014 waren die dänische Ministerpräsidentin Helle Thorning-Schmidt und Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) Gäste des Matthiae-Mahls.