Bewerbung

Deutschlands Chancen auf Olympia im Jahr 2024

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Mit Boston (USA) steht jetzt der erste Konkurrent von Berlin oder Hamburg fest. Die Hauptstadt des ostamerikanischen Bundesstaates Massachusetts muss als Favorit angesehen werden.

Hamburg. Die USA haben verstanden. Das amerikanische Olympische Komitee USOC wird sich mit Boston um die Ausrichtung der Olympischen Sommerspiele 2024 bewerben. Das beschloss das USOC jetzt in Denver. Der Kandidat passt in die Agenda 2020 des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), die dem Gigantismus früherer Spiele abschwört und kleineren Formaten mit regionaler Note eine Chance geben will. Die Hauptstadt des ostamerikanischen Bundesstaates Massachusetts, 625.000 Einwohner, 4,6 Millionen in der Metropolregion, setzte sich gegen Los Angeles, Washington D.C. und San Francisco durch.

„Die Bewerbung Bostons wird eine sehr starke sein“, kommentierte der deutsche IOC-Präsident Thomas Bach die US-Entscheidung. „Die Menschen in Boston sind bekannt für ihren Enthusiasmus im Sport, und die Stadt hat ein großes Erbe im Sport, in der Wissenschaft und in der Bildung.“

„Boston ist eine gute, interessante Wahl“, sagt auch Bernhard Schwank, Vorstand Olympiabewerbung im Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB): „Entscheidend für den Erfolg sind aber nicht die Konkurrenten, sondern die eigenen Ideen. Wir müssen dem IOC ein überzeugendes Konzept vorlegen. Dann sehen wir gute Chancen im Rennen gegen Boston, Rom und die weiteren zu erwartenden Mitbewerber.“ Der DOSB entscheidet am 21. März über den deutschen Kandidaten. Berlin und Hamburg wettstreiten um den Zuschlag.

Boston plant bisher mit einem Budget von 4,5 Milliarden Dollar (3,8 Milliarden Euro) und muss wohl als Favorit für die Vergabe der Sommerspiele 2024 angesehen werden. Viele Beobachter wähnen die USA an der Reihe. Zum bislang letzten Mal hatten die Vereinigten Staaten 1996 in Atlanta Olympische Sommerspiele ausgerichtet. New York war mit seiner Bewerbung für 2012 (London) und Chicago mit der für 2016 (Rio de Janeiro) gescheitert.

Boston ist Amerikas derzeit erfolgreichste Sportstadt und die Heimat des ältesten Stadt-Marathons der Welt. Der erste fand 1897 statt. „Die Leute hier begeistern sich für ihren Sport, vor allem für die vier Teams aus den großen nordamerikanischen Profiligen (Boston Bruins/Eishockey, Boston Celtics/Basketball, Boston Red Socks/Baseball, New England Patriots/Football). Aber sie sind auch im Breitensport sehr aktiv. Ruderer, Segler und Jogger gehören zum Stadtbild“, sagt Dennis Seidenberg. Der deutsche Eishockeyprofi spielt seit März 2010 für die Bruins.

Trotz der Stärke des US-Kandidaten gibt es dennoch gute Gründe, die für einen deutschen Bewerber und speziell für Hamburg sprechen würden.

Kontinentalrotation

Nach der bisherigen „Kontinentalrotation“ des IOC bei der Vergabe der Sommerspiele ist Europa spätestens an jedem dritten Termin Ausrichter. Nach London 2012 werden die Spiele 2016 in (Süd-)Amerika (Rio) und 2020 in Asien ausgerichtet (Tokio). 2024 wäre demnach Europa im Vorteil.

Deutschland ist dran

Von den derzeit vier großen Volkswirtschaften der Welt hat Deutschland am längsten keine Olympischen Spiele ausgerichtet, zuletzt 1972 in München. Die USA stellten danach mit Los Angeles (1984) und Atlanta (1996) schon zweimal die Host City, China 2008 mit Peking, Japan 2020 mit Tokio. In Europa spricht die ökonomische Stabilität und Finanzkraft für Deutschland; die voraussichtlichen Wettbewerber Spanien (Madrid), Italien (Rom) und Frankreich (Paris) haben im Moment gravierende wirtschaftliche Probleme.

Hamburg hat ein starkes Konzept

Die zentrale Idee der Agenda 2020, dass sich Olympia künftig in eine nachhaltige Stadtentwicklung einpassen soll, kann Hamburg umsetzen. Es entstünde auf dem Kleinen Grasbrook ein neuer Stadtteil im Herzen der Stadt. In dessen ohnehin nach 2025 geplanter Entwicklung wären die Spiele nur ein beschleunigender Meilenstein.

Hamburg hat keinen Hauptstadt-Malus

Das IOC will den Kreis möglicher Kandidatenstädte erweitern, auch über die Gruppe der Hauptstädte hinaus. Hamburg ist die einzige Kandidatenstadt in Europa, die nicht Hauptstadt ist. Gleichwohl ist die Stadt mit 1,8 Millionen Einwohnern und rund fünf Millionen in der Metropolregion groß genug, um die infrastrukturellen Anforderungen an die Ausrichtung Olympischer Spiele zu erfüllen. Der einzige Schwachpunkt – die noch unzureichenden Hotelkapazitäten – lässt sich durch die Bereitstellung von Kreuzfahrtschiffen auf attraktive Weise lösen.

Keine Konkurrenz durch EM 2024

Die Austragung Olympias und der Fußball-EM 2024 in einem Land ist nach Aussage des IOC und des europäischen Fußballverbandes Uefa möglich, sofern zwischen beiden Veranstaltungen mindestens sechs Wochen liegen. Nicht möglich ist es, das Endspiel der EM 2024 und die olympische Eröffnungsfeier im selben Stadion auszurichten. Hamburg käme damit für Endrundenspiele nicht infrage, könnte aber Vorrundenspiele in der Arena im Volkspark oder im Olympiastadion austragen.

NBC-Fernsehvertrag

Der neu abgeschlossene TV-Vertrag des IOC mit der US-amerikanischen Sendergruppe NBC über 7,7 Milliarden Dollar (6,5 Milliarden Euro) läuft von den Winterspielen 2022 bis zu den Sommerspielen 2032 und umfasst insgesamt je drei Winter- und Sommerspiele. Selbst wenn vereinbart sein sollte, dass jeweils ein Termin in den USA ausgetragen wird, muss dies nicht 2024 sein.

Salt Lake City 2002

Die Vergabe der Olympischen Winterspiele 2002 an Salt Lake City wurde 1995 durch Bestechung von mindestens 24 IOC-Mitgliedern erwirkt, wodurch das Ansehen der USA und ihres USOC nachhaltig beschädigt wurde.

Die Bewerbungen für die Sommerspiele 2024 müssen bis zum 15. September dieses Jahres beim IOC in Lausanne eingehen. Danach haben die Kandidaten bis zum 8. Januar 2016 Zeit, um ein kleines „Bid Book“ zu erstellen. Wichtigste Eckpunkte sind dabei das Sportstättenkonzept und die Finanzierung der Spiele. Im Mai 2016 muss das ausführliche Bid Book vorliegen. Eine IOC-Kommission wertet die Bewerbungen aus und kürt Ende 2016 die „Candidate Cities“. Bei dieser Prozedur war 2004 der deutsche Bewerber Leipzig durchgefallen und nicht mehr zur finalen Abstimmung für die Spiele 2012 zugelassen worden. Über den Ausrichter der Sommerspiele 2024 entscheidet das IOC im Juli 2017 in Lima (Peru).

Berlin und Hamburg wollen sich vor einer endgültigen Bewerbung beim IOC die Zustimmung der Bevölkerung in einem Referendum einholen. Berlin hat die Volksbefragung jetzt für den 13.September angekündigt. In Hamburg steht der Termin noch nicht fest.