Abendblatt-Dossier

Vom Strahlemann in die Pleite: Aufstieg und Fall von Prof. A.

Der Bergedorfer Radiologe Prof. Dr. Wolfgang Auffermann baute ein Praxis-Imperium auf und legte später eine spektakuläre Insolvenz hin. Ihm wird Betrug in Millionenhöhe vorgeworfen. Das Abendblatt-Dossier.

Hamburg. Solch eine Party bereitet man generalstabsmäßig vor. Schließlich geht es hier um eine neue Praxisklinik in bester Hamburger Innenstadtlage, wo der Quadratmeterpreis über dem Monatsnetto eines Durchschnittsverdieners liegt. Doch hier wird auch mehr geboten als medizinischer Durchschnitt.

Hinter der altehrwürdigen Fassade der Oberpostdirektion am Stephansplatz schlummert High-Tech für mehrere Millionen. Wer hier als Arzt arbeiten soll, verdient Hunderttausende im Jahr. Ein Spezial-Hubschrauber fliegt öffentlichkeitswirksam einen gewaltigen Magnetresonanz-Tomographen (MRT) über die historischen Mauern ein. Während die Maler noch durch die neuen Räume ziehen, kümmert sich die Agentur von Event-Expertin Alexandra von Rehlingen um die Details von Party und Promi-Besetzung.

Der Chef der Veranstaltung will vor allem eins: Glamour. Der Fahrer seines Dienst-BMW trägt eine Art Uniform mit Mütze wie der Chauffeur eines englischen Adligen. „Können Sie mich ins TV bringen?“, fragt der Arzt und Unternehmer seine Mitarbeiter fürs Marketing. Er sagt nicht Fernsehen oder Te-Vau. Er sagt Ti-Vi. Denn er hat unter anderem in den USA gearbeitet und sieht sich auf Augenhöhe mit all den von der Mattscheibe bekannten Ärzten. Den echten und den Serien-Doktoren.

Doch plötzlich wird die Party abgesagt. Prof. Dr. Wolfgang Friedrich Wilhelm Auffermann ist noch vor der Eröffnung am Stephansplatz mit seinem verschachtelten Praxis-Imperium im Dezember 2012 in die Pleite gerutscht. „Verfügungen der Schuldnerin über Gegenstände ihres Vermögens sind nur noch mit Zustimmung des vorläufigen Insolvenzverwalters wirksam“, heißt es im Schreiben des Amtsgerichts Hamburg, Aktenzeichen 67b IN 333/12 vom 6. Dezember 2012. Statt Promis kommt der Insolvenzverwalter.

Die Mitarbeiter ahnten nichts von der drohenden Insolvenz

300 Hanserad-Mitarbeiter in Bergedorf, Neumünster, München und anderswo fallen aus allen Wolken. Kurz vor Weihnachten zittern sie um ihre Jobs. Nur Tage zuvor gibt noch es Bewerbergespräche. Neue Mitarbeiter unterschreiben ihre Verträge.

Die Kassenärztliche Vereinigung in Hamburg ist baff. Solch eine Insolvenz hat es noch nicht gegeben. Auffermann narrt sie alle. Er wird als einer der größten Blender in die deutsche Medizingeschichte eingehen.

Der Alleinherrscher aus der Vorstadtklinik, der beim Sprung an die Branchenspitze alles verliert, sieht in den Tagen vor der Praxiseröffnung am Stephansplatz das Ende kommen. Geschäftspartner, engste Mitarbeiter, Ärzte, Aufsicht, Banken, Architekten, Handwerker – sie alle ahnen nicht, dass der umtriebige Radiologe sich auf Französisch empfiehlt. Von einem auf den anderen Tag ist sein Büro in Bergedorf leer.

Das Chefbüro ist plötzlich leergeräumt

Es ist eine streng geheim gehaltene, sauber geplante Flucht. Die Schränke ausgeräumt, die Fotos der Kinder verschwunden. Seine Urkunden – weg. Auch der neue Geschäftsführer der Hanserad ist unauffindbar. Ebenfalls vermisst: Auffermanns Lebensgefährtin Alina D., deren Name auf dem Klingelschild von Auffermanns Bergedorfer Villa prangt. Auch D. ist bei Hanserad beschäftigt. Eine Fitnesstrainerin und Ernährungsberaterin mit eigenem Büro in Rufweite des Chefs.

Einen Tag nach der offiziellen Insolvenz klingelt am Stammsitz der Hanserad in Bergedorf das Telefon. Auffermanns Sekretärin geht ran. Der Chef am Apparat. „Und? Was gibt’s?“ Das ist sein Standardsatz zur Einleitung. Die Mitarbeiter kochen vor Wut. Sie wähnen ihn in München. Er sagt, er habe in Berlin einen Unfall gehabt. „Sie haben sich aus dem Staub gemacht“, wirft ihm eine Assistentin später am Telefon vor. Er sendet Tage und Wochen später mehrfach Lebenszeichen per Telefon, Mail, Facebook. Auffermann informiert Angestellte und Internetfreunde darüber, dass er jetzt das Kitesurfen begonnen habe. Postet im Frühjahr 2013 ein Foto von seinen sonnenverbrannten Füßen neben einem Rotweinglas. Meldet sich von seinen vermeintlichen Aufenthaltsorten aus Berlin, Südafrika und Dubai.

Sein Leben auf der Überholspur als Arzt, Unternehmer und Immobilienbesitzer ist da bereits krachend zusammengebrochen. Denn nicht nur die Insolvenzverwalter verlangen Auskunft. Zwei Staatsanwaltschaften in Hamburg und Kiel, Dutzende Ermittler von Landeskriminalamt, Krankenkassen und Kassenärztlichen Vereinigungen haben Auffermann ins Visier genommen. Es geht um den Vorwurf des Abrechnungsbetrugs und einen gigantischen Medizinskandal.

Nach der Pleite folgt eine Übernahmeschlacht

Die Hanserad-Pleite ist ein Schock für die Ärzteschaft von Flensburg bis Garmisch. Sie löst im Dezember 2012 eine Übernahmeschlacht um die Praxiskliniken aus, die erst nach Monaten beendet ist. Tausende Patienten sind verunsichert, ebenso die Mitarbeiter, seine Mieter und ehemaligen Partner. Die Akte Auffermann entblößt mehr als einen Dr. Seltsam, einen Strahlemann, den niemand stoppen kann. Sie enthüllt die Anatomie eines Skandals, der laut nachhallt. Das Gebaren von Röntgen-Papst Auffermann steht für Gier und Größenwahn im deutschen Gesundheitswesen.

Wo liegen die Wurzeln dafür? Auffermann wird am 28. Oktober 1956 in Duisburg in eine Mediziner-Familie geboren. Mutter Ärztin, Vater Arzt. Der Familie geht es deutlich besser als den Menschen im Rest des Ruhrgebiets. Schulkameraden erinnern einen kleinen, dicklichen Jungen. Wolfgang spielt sehr passabel Klavier. Später steht in seiner Bergedorfer Backsteinvilla ein Flügel. Gehört einfach dazu. Schon in den Siebzigern ist er Austauschschüler in New York. Die Auffermanns können es sich leisten.

Nach dem Abitur am Mercator-Gymnasium studiert er zunächst Physik, Philosophie und Kunstgeschichte in Münster. „Feingeistig kann er sein“, sagt eine Wegbegleiterin später. Nebenher lernt er Russisch.

Dann schwenkt er um auf Medizin. Studiert erst in Münster, dann in Bochum, Düsseldorf, Aachen. Staatsexamen, Approbation, Doktortitel. Auffermann hat den preußischen Arbeitseifer von Hause aus mitbekommen, ist aber auch begabt. In seiner Dissertation an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen 1983 untersucht er auf 88 Seiten „Transvesikale schienenlose Antirefluxplastik“. Es geht, trivial gesagt, um Sodbrennen. Die Arbeit widmet er seinen Eltern. Die haben ihn „noch und nöcher gedrillt“, sagt eine Verwandte.

Hanserad entwickelte sich zu einem Medizin-Imperium

Als Assistenzarzt zieht er unter anderem in San Francisco den Kittel über. Von 1990 bis 1992 arbeitet Auffermann als Oberarzt in der Uniklinik Rudolf Virchow in Berlin-Wedding. Diese Wendejahre müssen für ihn prägend gewesen sein. Noch heute hat er nach eigenen Angaben gleich zwei Wohnsitze in Berlin. Mehrere seiner späteren engen Mitarbeiter haben Ost-Biografien.

1993 geht die Hanserad Radiologie in Hamburg aus einer kleineren Praxis hervor. Auffermann wird gemeinsam mit anderen Ärzten Gesellschafter. Röntgen, Magnetresonanztomographie (MRT; Kernspin), Computertomographie (CT) – das ist das Brot- und Buttergeschäft von Hanserad. Man arbeitet aus Bergedorf eng mit Hamburger Orthopäden und anderen Fachärzten zusammen. Zu eng, wie die Ermittler heute wissen.

Auffällig oft fahren Patienten mit Rückenleiden, Verdacht auf Krebs oder einfach mit unerklärlichen Kopfschmerzen aus den ärztlich gut versorgten Stadtteilen wie Wandsbek, aus der City und sogar aus dem Hamburger Westen in die Alte Holstenstraße nahe dem S-Bahnhof Bergedorf. Ihre Ärzte preisen Auffermann und Kollegen an. Als Patient nimmt man eine Empfehlung gerne an. Wer leidet, vertraut auf Experten.

Hanserad expandiert, übernimmt Arztsitze, gründet neue Medizinische Versorgungszentren. Schon Ende der neunziger Jahre mutmaßt die Aufsicht, die Kassenärztliche Vereinigung Hamburg, dass zwischen Hanserad und beispielsweise Orthopäden Geld fließt. Frei nach dem Motto: Wenn du deine Patienten zu mir schickst, wirst du beteiligt. Fangprämie heißt das im Fachjargon. Auch zwischen Krankenhäusern und Ärzten soll es solche zwielichtigen, aber vermutlich nicht illegalen Zahlungen geben. Getarnt als Gutachten oder Patientenbeobachtungen. Bewiesen werden kann das nicht. „Sie tun’s ja alle“, heißt es bei der KV.

Trotzdem haben die Kontrolleure Hanserad auf dem Kieker. Denn Auffermann und Co. stauben die meisten Privatpatienten ab. Das weckt Unmut unter Hamburgs Radiologen. Hanserad läuft wie geschmiert. Von morgens sechs bis abends 20 Uhr stehen die Praxistüren offen.

Gesellschafter wollten Auffermann hinausdrängen – vergeblich

Dubios wird es offenbar erst, als Auffermanns Partner ihn dabei ertappen, wie er ungeheure Mengen von Kontrastmitteln bei einem Lieferanten bestellt. Über den Standort Alte Holstenstraße wird abgerechnet. Auch die Kontrastmittel für die anderen Hanserad-Niederlassungen, sogar für die im Krankenhaus in Bergedorf, bestellt Auffermann bei ein und derselben Apotheke. Per Gesellschafterbeschluss untersagen ihm seine Partner diese Praxis. Er sagt heute: „Das ist nicht korrekt und frei erfunden; die Behauptung zeigt die offensichtlich weiter gehende Verleumdungskampagne gegen mich.“ Die Gesellschafter wollen Auffermann eigentlich aus Hanserad herausdrängen. Das Gegenteil passiert. Als ein Anteilseigner Hanserad verlässt, zahlt Auffermann die anderen aus.

Die Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) verleiht Auffermann im Jahr 2007 den Professorentitel ehrenhalber. Er bietet Praktikumsplätze an, ist Lehrbeauftragter für Medizintechnik, hält Vorträge. HAW-Präsident Prof. Dr. Michael Stawicki spricht in der Feierstunde vom großen Engagement und der „Persönlichkeit“ Auffermanns. Der lässt sich gerne schmücken mit dem Professorentitel. Normalerweise darf die HAW in der Ausbildung des akademischen Nachwuchses nicht einmal den Doktorgrad verleihen. Auffermann stellt sich seitdem als „Professor“ vor. Stawicki schweigt heute zu der Personalie. „Nicht mal sein Titel ist echt“, sagt einer von vielen, die Auffermann im Streit den Rücken kehren.

Im Frühjahr 2010 ist er auch formal Allein-Regent, der Sonnenkönig unter Norddeutschlands Radiologen. Hanserad ist in ein verschachteltes Firmen-Konglomerat verwandelt. Auffermann gehört unter anderem die Diagnoseklink Hamburg GmbH, beteiligt zu 100 Prozent an der Hanserad Radiologie GmbH & Co. KgaA, die wiederum Unternehmensmutter der Diagnoseklinik München GmbH ist, der Curamed und der Curamed Diagnostik. Er herrscht weiterhin über das Medizinische Versorgungszentrum Hanserad, über das MVZ Nordrad, über deren Beteiligungsgesellschaft, über das MVZ Neumünster und und und.

In Bergedorf gilt Auffermann auch als Immobilien-Mogul

Privat hat er so viele Häuser gekauft, dass er in Bergedorf und Wentorf als Immobilien-Mogul gilt. Seine eigene Villa liegt in bester Bergedorfer Hanglage. In unmittelbarer Nachbarschaft lebt Jörg Pilawa, ein A-Promi der deutschen Fernsehunterhaltung. Auffermann lässt sein Haus ausbauen und energetisch sanieren – „pimpen“, wie seine Nachbarn das nennen. Natürlich ist man neidisch auf den Multimillionär. Und verärgert. Auffermann tut alles, um das zu bestätigen. Mit einer Nachbarin streitet er um Bäume und Zäune. Mit der nächsten um den Ausbau seiner bunkerähnlichen Tiefgarage. In Nachbars Garten steht der Bauzaun nicht Wochen, wie versprochen, sondern Monate.

Die Arbeiter reißen laut Nachbarn Pflanzen im Wert von 12.000 Euro weg. Darunter ist auch eine haushohe Fichte. Sie verschwindet, während die Nachbarn im Urlaub sind. Die Bauprüfabteilung im Bezirk Bergedorf räumt später ein, dass Auffermanns Tiefgarage größer geriet als genehmigt. Ansonsten Schulterzucken. Konsequenzen muss er nicht fürchten.

Seine drei Kinder und seine Ehefrau, ebenfalls Ärztin, verlässt er für eine junge Liebschaft. In der Praxis wirkt er immer abgehobener. Seine Ärzte wirft er zu mit fantastisch hohen Verdiensten zu. Über 300.000 Euro Jahresgehalt sind keine Seltenheit. Soll ihr Schweigen erkauft werden? Längst sind intern Unregelmäßigkeiten bei den Abrechnungen ruchbar geworden. Auffermann scheint unanfechtbar. Von Geschäftsessen im Hotel Steigenberger und im Elysée reicht er die Rechnungen bei seiner Sekretärin ein. Für ihn ist dieser Lebensstil normal. Er bleibt sich auch treu, als im Laufe des Jahres 2012 schon die Mahnungen wegen unbezahlter Rechnungen für die Diagnoseklinik am Stephansplatz eintrudeln.

Als Chef offenbart er zwei Gesichter

Zu seinen Assistentinnen kann er sehr charmant sein. Die eine umgarnt er mehr als kollegial. Die andere fertigt er ab wie ein Dummchen. Mal lädt er zu französischen Köstlichkeiten in seine Villa. Mal stellt er eine Alleinerziehende ein. Mal tröstet er eine Schwangere, die von ihrem Freund verlassen wurde.

Und dann ist da sein anderes Gesicht. Auffermann kokettiert mit dem Image des zerstreuten Professors. Termine? Lässt er verstreichen oder platzen. Meetings? Sollen die anderen doch konferieren. Interne Absprachen – daran muss er sich doch nicht halten. Auffermann führt ein eigenes Buch, eine Kladde, die nur er anrühren darf. In den Jahren 2011 und 2012 zeigt sein Terminkalender meistens: Ein Tag die Woche München, zwischendurch St. Petersburg, mal eben in die Schweiz und immer wieder Dubai. Auffermann dreht international das große Rad.

Und wenn im Vorzimmer ein unangenehmer Gast hockt, schließt er sich auf dem Klo ein. Das passiert nach unabhängigen Aussagen mehrfach. Zwei namhafte Ärzte, nennen wir sie Professor A und Professor B, sehen ihn später auf der Gesundheitsmesse in Dubai. Auffermann erblickt auch sie und hastet davon. „Ein kleiner, ängstlicher Mann im Kern“, sagt eine ehemalige Mitarbeiterin. Professor A: „Er war übergeschnappt.“ Er sei auf ihn hereingefallen, sagt Professor B.: „Er hat mich mit der Verdoppelung meines Gehaltes zu Hanserad gelockt.“

Dass Auffermann ertappt wird, dass er scheitert, damit kann er nicht umgehen. Wo er regiert, scheint die Sonne. In Auffermann-Land fließen Milch und Honig. Dann ist es abgebrannt.

Staatsanwaltschaft bricht einen Haspa-Tresor auf

Die unternehmerische Pleite Ende 2012 ist das eine. Auffermann meldet auch Privatinsolvenz an, zieht sie zurück, reicht den Antrag erneut ein. Wie viele Schriftstücke liegt auch dieses erschütternde Dokument dem Abendblatt vor. Auffermann schreibt dem Amtsgericht Berlin-Charlottenburg per Fax unter Aktenzeichen 36a IN 3879/13, er habe die Gläubigerliste „höchstpersönlich“ erstellt. Als müsse er einer ahnungslosen Richterin klarmachen: Normalerweise bin ich Ehrerbietung gewohnt. Als sei sein Fall ein Missverständnis. Als sei er der Betrogene.

Und er jammert, dass sich die Akten biegen. Beschwert sich über die schlimmen Hausdurchsuchungen, über „Verluste und Schäden meines Hausrates und privater Aktenbestände“ bei den vielen Umzügen. Die Staatsanwaltschaft habe seinen Tresor bei der Haspa aufbrechen lassen. Es gebe Vandalismus an seinen Wohnsitzen in Berlin. Postsendungen würden gestohlen, ganze Briefkästen geklaut. Auffermann schreibt, er werde bedroht. Und dann plagen ihn noch „die für mich nur schwer überschaubaren Gläubigerforderungen“. Mit einem Satz: Der Mann ist am Ende.

Dafür allerdings joggt er recht gut beieinander durch Bergedorf, reist durch die Weltgeschichte, bietet Sprechstunden bei Auffermann Microtherapy in Dubai an und beschäftigt ein Heer von Spitzen-Anwälten für eine eindrucksvolle Liste von laufenden Prozessen. Wer die bezahlt? Auffermann lässt mitteilen: „Auch in der Not gibt es Freunde und Helfer und im Übrigen auch eine Rechtsschutzversicherung.“

Auffermann behauptet: Ich lebe von Freunden und der Familie

Banken verlangen Hunderttausende von ihm, das Finanzamt Hamburg angeblich zweimal 600.000 und einmal 800.000 Euro. Bei der Kassenärztlichen Vereinigung Hamburg steht er nach eigenen Angaben mit 21 Millionen Euro in der Kreide. Unter den mehr als 100 Gläubigern ist auch die Telekom. 1000 Euro setzt Auffermann als noch nicht bezahlte Telefonkosten auf das „Vereinfachte Gläubiger- und Forderungsverzeichnis“. Er selbst schätzt, dass er mit 35 Millionen Euro in den Miesen ist.

Auffermann schreibt, er lebe von der Familie und Freunden. Sie würden ihm „Kost und Logis“ gewähren. Für vier Kinder sei er unterhaltspflichtig, drei eigene und das der Partnerin D. Anders als er verbreitet hat, ist er von seiner Frau getrennt, aber noch nicht geschieden. Ein Informant, der dem Abendblatt Unterlagen zur Verfügung stellt, sagt: „Auffermann behauptet, kein Geld mehr zu haben. Dabei lebt er in Saus und Braus.“

Die Vorwürfe gegen Auffermann werden überhaupt erst öffentlich, als das Abendblatt über die Hanserad-Insolvenz berichtet und weiter recherchiert. Drei Monate nach der Insolvenz und den ersten Betrugsvorwürfen gibt es Anfang März 2013 einen Durchsuchungsbeschluss des Amtsgerichtes Hamburg, Aktenzeichen 160 Gs 107/13, 5400 Js 19/12. Die bundesweite Razzia findet in 41 Objekten statt: Praxen, Büros, Privathäuser. Die Staatsanwaltschaft stützt sich auf Belege und Zeugenaussagen.

Ermittler vermuten versteckte Millionen-Zahlungen

Die Ermittler wähnen sich auf der richtigen Spur. Schon der vom Richter unterschriebene Durchsuchungsbeschluss zeigt die Pfeiler des Systems Auffermann.

Es gibt weitere Verdächtige, darunter den Apotheker S. aus Ahrensburg und andere Ärzte. S. lieferte über seine Firma P. die Kontrastmittel in rauen Mengen.

Am Ende floss das Geld, so der Vorwurf, auf das Haspa-Konto mit der Nummer 1280356138 – zu Auffermann. Mal waren es 9.224.762,46 Euro an die Hanserad KGaA in Hamburg, mal 3.658.057,00 Euro an die Beteiligungsgesellschaft Josephsplatz mbH in München. Alles Auffermann-Firmen. Die Ermittler schätzen den Schaden für die Barmer GEK auf 35 Millionen Euro, für die AOK Nord/West auf acht Millionen – vorläufige Zahlen.

Heidelberger Curagita übernimmt insolvente Hanserad

In KV-Kreisen rechnet man so: Hanserad bezog die Kontrastmittel vermutlich für gut einen Euro pro Milliliter, der Großhandelspreis liegt bei 2,60 Euro. Die Barmer GEK zahlt 4,60 Euro. „Mit Medizin allein“, sagt ein ehemaliger verantwortlicher Hanserad-Arzt, „konnte Auffermann nicht diese Millionen scheffeln.“ Die Auswertung der Daten dauert an. Rund 100 Beweismittelordner stehen bei den Ermittlern.

Im Frühjahr 2013 laufen die Abwicklung und der Verkauf von Hanserad an die Heidelberger Curagita nicht gerade rund. Weil an Auffermanns Kassenzulassung das gesamte Unternehmen hängt, fordert er von einem unbekannten Aufenthaltsort fünf Millionen Euro, damit ein Übernehmer Hanserad retten kann. Im Poker mit der Kassenärztlichen Vereinigung wird auch bekannt: Kurz vor der Pleite hat Auffermann versucht, einen hochrangigen Funktionär der KV Hamburg für sich zu vereinnahmen. Er bot ihm einen lukrativen Nebenjob an.

Die KV entzieht Auffermann die Zulassung und will Hanserad zerschlagen wissen. Dagegen gehen die Insolvenzverwalter vor. Der Retter Curagita aus Heidelberg macht im Mai 2013 mit den Insolvenzverwaltern einen „Asset Deal“. Heißt: Leasingverträge und Mitarbeiter werden übernommen, die neue GmbH muss nicht für die Forderungen der Krankenkassen geradestehen.

Mittlerweile hat die Curagita sich in Hamburg mit der Conradia zusammengeschlossen und betreibt die Radiologie weiter. Derzeit gibt es knapp 200 Mitarbeiter an den ehemaligen Hanserad-Standorten. Früher waren es 300.

Für den Kauf musste sich Curagita am Krankenhaus Salzhausen (Landkreis Harburg) beteiligen. Die Klinik befand sich ebenfalls in der Insolvenz. An Medizinischen Versorgungszentren dürfen sich nur Ärzte oder Krankenhäuser beteiligen, keine Firmen.

Und was macht Auffermann heute? Er geht als freier Mann durch die Welt. Gut 16 Monate nach Auffermanns Flucht aus seinem Büro gibt es keinen Haftbefehl, keinen Prozesstermin. Oder gibt es eine Absprache mit der Justiz?

Unter den Hamburger Ärzten rumort es. Die Ehrlichen fürchten um ihren Ruf. Der Fall Auffermann schadet einem ganzen Berufsstand mit 150.000 Niedergelassenen in Deutschland. Die Krankenkassen stehen unter Druck: Wie sollen sie ihren Beitragszahlern verkaufen, dass 35 Millionen Euro vermutlich futsch sind? Wie viele Kuren könnte man davon zahlen, wie viele Medikamente ohne Zuzahlung abgeben?

Die Abendblatt-Fragen ließ Auffermann von seinen Anwälten beantworten. Wo Herr Prof. Dr. weilt, bleibt offen. In Dubai bot er Anfang April 2014 mal wieder eine Sprechstunde für Privatpatienten an. Einer früheren Mitarbeiterin sagt er auf die Frage, wo er denn stecke: „Ich bin mal hier, mal da.“

Lesen Sie hier, warum Betrug im Gesundheitswesen schwer zu beweisen ist

So will Hamburg gegen korrupte Ärzte vorgehen