Zukunftsplanung

So könnte die Zeit für Hamburger Schüler nach dem Abitur aussehen

Stellvertretend für fast 8300 junge Hamburger berichten Clara, Simon und Lukas vom Gymnasium Hochrad in Othmarschen über ihre Pläne nach dem Schulabschluss. Bei einer Sache sind sie sich einig.

Hamburg. Wer es so weit gebracht hat, kann praktisch nur noch gewinnen: Rund 97 Prozent der 8300 Hamburger Bewerber für das Abitur werden in diesem Jahr ihren Schulabschluss schaffen. Schwieriger wird es danach. Die Mutter aller Fragen: Welcher Weg soll beschritten werden? Je nach Lebensplanung will der eine sofort weiterlernen, also studieren oder eine Lehre absolvieren. Andere wollen ihre neue Freiheit für ein soziales Jahr nutzen oder – nach dem Lustprinzip – erst einmal auf große Reise gehen.

Bei einem Termin am Gymnasium Hochrad in Othmarschen mit drei zufällig ausgewählten Schülern zeigt sich, welche Möglichkeiten, aber auch typischen Probleme sich nach der Schulzeit ergeben. Hier wie anderswo muss im Umfeld der noch anstehenden Prüfungen eine Menge Grips investiert werden, um keinen Fehler zu machen. Tenor dieses Trios: Ein bisschen Urlaub und Freizeit ja, dann jedoch wird mit Plan durchgestartet. Das Geld für die persönlichen Vorhaben wird selbst verdient. Im Fall des bilingualen Hochrad-Gymnasiums wird ein unbezahlbares Geschenk mitgegeben: Fast perfekt erlernte Fremdsprachen helfen, den Weg zu meistern.

„Dieser Lebensabschnitt bringt krasse Änderungen mit sich“, sagt Clara Konrad bei dem Gespräch im Konferenzraum ihrer Schule. „Ich freue mich auf eine neue, spannende Zeit.“ Wie auch ihre beiden gleichfalls 18-jährigen Mitschüler Lukas Günner und Simon Krugmann steht die Struktur des Abi-Finales. Letzter Schultag war schon Mitte April, seitdem wird zu Hause gebüffelt. In den nächsten Tagen erhalten die drei ihr Thema für die mündliche Prüfung. Die Ergebnisse der schriftlichen Arbeiten kommen am 13.Juni, bevor vom 19. bis 23.Juni die mündlichen Prüfungen folgen. Am 4.Juli soll das Ganze groß gefeiert werden. Und dann? Neustart auf dem Programm.

Clara führt die erste Etappe in den Südosten Indiens. Nahe der Stadt Chennai (Madras) im Bundesstaat Tamil Nadu am Golf von Bengalen will die junge Frau ein freiwilliges soziales Jahr leisten – gemeinsam mit 16 anderen Abiturienten. Initiiert vom Programm „Weltwärts“, einem entwicklungspolitischen Freiwilligendienst, werden soziale und ökologische Projekte betreut. Bei einem Seminar in Münster in diesen Tagen wird besprochen, wer zum Beispiel in einem Kindergarten, in einer Schule, auf einer Farm oder bei einer Umweltaktion aktiv wird.

Die Kosten stehen jetzt schon fest: 1850 Euro inklusive Flug plus Taschengeld muss Clara Konrad aufbringen. Sie erteilte Nachhilfe, arbeitete als Botin für eine Apotheke und suchte in der Familie nach Sponsoren. Die noch fehlenden 500 Euro sollen bis zum Aufbruch im August organisiert werden.

„Ich bin gespannt auf eine andere Welt, auf die indische Kultur, auf offene und freundliche Menschen“, sagt sie. Furcht vor einem Jahr in der Fremde, weit entfernt vom behüteten Elternhaus in Groß Flottbek, hat Clara nicht. Schon in der neunten Klasse weilte sie sieben Monate als Austauschschülerin in London.

Auch Mitschüler Simon Krugmann kennt nicht nur seine Heimatstadt Hamburg. In der zehnten Klasse, also vor zwei Jahren, besuchte er sechs Monate eine Schule in Kanada. Nächste Auslandsstation für ein freiwilliges soziales Jahr ist Israel. „Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners“ heißt die vom Familienministerium geförderte Organisation hinter der Idee. Im Süden Israels, in Be’er Scheva, will Simon für ein Behindertenprojekt arbeiten. Rund 30 Kilometer vom Gazastreifen lebt diese Gemeinschaft in einem Dorf mit sieben kleinen Häusern.

Zukunftssorgen plagen die Abiturienten aus Othmarschen nicht

„Meine Eltern freuen sich für mich, betrachten diese Aktion aber mit gemischten Gefühlen“, sagt der Abiturient. Die Kosten in Höhe von 2400 Euro sollen durch Spenden von Familienangehörigen und Nachbarn zusammenkommen. Die fehlende Summe könnte durch Sonderaktionen wie ein Benefizkonzert beschafft werden. Es ist hilfreich, dass Simon Chello spielt.

Auch Lukas Günner verfügt nach einem Schuljahr in den USA über Auslandserfahrung, will aber grundsätzlich in der Heimat bleiben. Zwar fährt er im Anschluss an die Abi-Feier sechs Wochen nach Michigan, doch dann beginnt die Ausbildung. Am 1.September nimmt Lukas sein Studium Maritimes Management an der HSBA am Alten Wall in der Innenstadt auf, der Hamburg School of Business Administration. Dieser duale Studiengang dauert drei Jahre und basiert auf dem Prinzip halb Hochschule, halb praktischer Einsatz. Im Fall Lukas ist Letzteres eine Ausbildung bei der Hamburger Hafen und Logistik AG in der Speicherstadt. Wenn alles gut läuft, folgt 2017 der Bachelor und später vielleicht der Master.

„Auch ich hatte ein Jahr Lernpause mit Reisen oder sozialem Einsatz erwägt“, sagt der 18-Jährige, entschied sich letztlich anders. Der Beständigkeit wegen, aber auch aus finanziellen Gründen plant er, das erste Semester weiter im Elternhaus zu leben. Danach ist mit Freunden eine Wohngemeinschaft angedacht. Eine kleine Nebeneinnahme kann nicht schaden: Seit zwei Jahren arbeitet Lukas als Hockeytrainer beim THC Altona-Bahrenfeld. Für bescheidenes Salär, aber besser als gar nichts.

„Die Schüler starten heutzutage richtig gut vorbereitet ins Leben“, weiß Ulrich Zipp-Veh, Schulleiter am Gymnasium Hochrad und selbst Vater von drei Kindern. „Dabei steht nicht immer nur der Beruf im Vordergrund.“ An seiner Schule, indes auch an anderen Gymnasien sei es auffällig, wie viele junge Erwachsene ein längeres soziales Engagement im Ausland vor Augen hätten.

Zukunftssorgen oder Angst vor künftiger Arbeitslosigkeit hat keiner der drei Abiturienten in spe. Die Berufsberatung und Information über mögliche Studiensparten am Gymnasium Hochrad, sagen sie übereinstimmend, sei qualifiziert und hilfreich gewesen. Dennoch geht’s nicht nur mit Volldampf voraus. „Ich habe zwar kleine Ängste, will mich jedoch nicht davon bedrängen lassen“, sagt Clara vor ihrem Jahr in Indien. „Man darf nicht nur im gewohnten Umfeld verharren, sondern muss Neues wagen.“

Wenn nicht jetzt, wann dann?