Serie

Alles wird anders

Das Abendblatt begleitet in einer Serie Hamburgs neue Gastarbeiter – die beiden Klempner Isaac Rafael Bañuls Llacer und Juan Francisco Cuello Santacreu, die aus Spanien nach Hamburg kamen.

An diesem Morgen ist Isaac Rafael Bañuls Llacer um 5 Uhr aufgestanden. Um 7 Uhr war er auf der Baustelle in Bramfeld, seine Firma baut dort ein Seniorenheim. Isaac hat mit seinen Kollegen Rohre verlegt und Bäder gebaut. Um 16.30 Uhr war Feierabend, aber nicht für Isaac. Jetzt ist es 18 Uhr, und der Spanier sitzt im Flur eines hässlichen Hochhauses am Steindamm. Gleich beginnt der Sprachkurs. Er wird bis 21.30 Uhr dauern. So geht das jede Woche von Montag bis Donnerstag, bis zum Herbst, dann endet der Sprachkurs mit einer Prüfung.

Vor vier Monaten ist Isaac aus Canals bei Valencia nach Hamburg gekommen. Gemeinsam mit Juan Francisco Cuello Santacreu, der aus Benissa in der Provinz Alicante stammt. In Spanien waren die beiden Klempner arbeitslos. In Hamburg gibt es Arbeit: Beide wurden von der Bauklempnerei Auf der Hart eingestellt.

Die ersten Monate waren aufregend: Die Arbeit auf dem Bau funktioniert in Deutschland ganz anders als zu Hause. Dazu kommen die fremde Sprache und der ganze Formularkram. Zum Ende des vergangenen Jahres glaubte Isaac, dass es jetzt ruhiger wird in seinem Leben. Wurde es aber nicht.

Schwangere Freundin in Spanien

„Jetzt gibt es ein Problem“, sagt Isaac. Der 30-Jährige beschreibt mit seinen Händen einen gewölbten Bauch und sagt: „Meine Freundin.“ Es ist wohl im November passiert, beim ersten Hamburg-Besuch seiner Freundin. Das Kind soll im Sommer zur Welt kommen.

Klar, Isaac freut sich. Aber irgendwie ist das jetzt alles doch ein bisschen viel für ihn. Das fremde Land, die fremde Sprache, der neue Job. Und jetzt ist seine Freundin zu Hause in Spanien schwanger. Isaac könnte kündigen, die Koffer packen und nach Hause fahren. Will er aber nicht. Er sagt, dass er es hier jetzt erst recht schaffen will. Deshalb hat er sich zum Intensivsprachkurs angemeldet: 600 Stunden. Um 5 Uhr morgens aufstehen, arbeiten und lernen, abends kommt er nach 22 Uhr nach Hause und will nur noch schlafen.

Doch jetzt ist erst mal der Sprachkurs beim Verein Arbeit, Bildung, Integration dran. Isaac geht in den Klassenraum, auch die anderen Schüler sind schon da. Sie kommen aus Afghanistan, Syrien, Polen, Vietnam, der Türkei und Guinea. Diejenigen, die nicht aus EU-Staaten kommen, machen hier einen Integrationskurs: Sprachkurs, dazu noch 60 Stunden Gesellschaftskunde, am Schluss die Prüfung. Es geht um ihren Aufenthaltsstatus, vielleicht sogar um eine Einbürgerung. Isaac muss als EU-Bürger keinen Integrationskurs machen. Er macht den Sprachkurs, weil er besser Deutsch sprechen will und weil der Kurs vom Staat gefördert wird.

Der Lehrer der Klasse heißt Hüseyin Dörtyol, er ist 65 Jahre alt – und selbst Einwanderer. Vor 41 Jahren ist Dörtyol aus der Türkei nach Deutschland gekommen – er hat die deutsche Sprache so gut erlernt, dass er seit Jahrzehnten Deutschkurse gibt.

Dörtyol lässt die Teilnehmerliste herumgehen, jeder muss sich eintragen. Nicht alle sind da, einige kommen zu spät. Auch weil sie eine Arbeitsstelle haben und Überstunden machen mussten. „Habt ihr eure Hausaufgaben gemacht?“, fragt der Lehrer. Einige schütteln den Kopf. Ein Mann zieht grinsend einen zerrissenen Papierbogen aus der Tasche. Isaac hat die Hausaufgaben gemacht – wann auch immer er das geschafft hat. Er muss an die Tafel. Isaac schreibt: „Um 13 Uhr haben Frau Keller Mittagspause gemacht.“ – „Falsch!“, rufen die anderen. Lehrer Dörtyol fragt: „Ist sie eine Person oder mehrere Personen?“ Isaac korrigiert den Fehler. Es geht um die unterschiedlichen Zeitformen im Deutschen. Die Schüler sollen Verben aus dem Präsens ins Perfekt umformen. Dörtyol erklärt: Bei einem Verb, das einen Ortswechsel beschreibt, wie zum Beispiel „kommen“, wird das Perfekt nicht mit dem Hilfsverb „haben“ gebildet, sondern mit „sein“.

Deutsch lernen kann ganz schön kompliziert sein

Es wird noch komplizierter an diesem Abend: Die Schüler lernen, wen man in Deutschland mit „Sie“ anredet – und wen man duzen kann. Comiczeichnungen im Lehrbuch zeigen Situationen: ein Gang zur Behörde, ein Picknick mit Freunden, die Schüler müssen die richtige Anrede zuordnen.

Dörtyol soll mit den Kursteilnehmern sechs Lehrbücher durcharbeiten. Kaum zu schaffen, sagt er. Immer wieder fordert er die Schüler auf, das Buch beiseitezulegen, weil er mit ihnen Alltagsgespräche nachstellen will. Er fordert Isaac auf, den anderen zu erzählen, warum er nach Deutschland gekommen ist. Isaac erzählt von der EU, die so hohe Sparauflagen verhängt hat, dass Spaniens Wirtschaft kollabierte. Ein anderer Teilnehmer mischt sich ein und schimpft auf Deutschland. Vor zwei Jahren ist der Mann, der aus Guinea stammt, aus dem Krisenland Portugal nach Deutschland gekommen. Er findet hier keinen Job, lässt er über einen Kollegen übersetzen, der auch aus Guinea kommt. „Do you speak English?“, fragt er immer wieder, weil sein Deutsch zu schlecht ist. Nein, sagt Lehrer Dörtyol. „Sprich Deutsch.“ Das sei der Anfang zur Integration.

Jetzt wird weiter im Arbeitsbuch „Schritte plus 1“ gearbeitet. Die Schüler sollen ein Formular für die Anmeldung in einer Bibliothek ausfüllen. Name, Alter, Geburtsort und so weiter. Dörtyol empfiehlt, dass sich jeder nicht nur im Lehrbuch, sondern auch im richtigen Leben einen Büchereiausweis holen soll. Lesen von Büchern in deutscher Sprache helfe bei der Integration. An diesem Abend lernen die Teilnehmer noch, was die Produktinfo auf Lebensmitteln bedeutet, sie stellen die Zutaten für eine asiatische Gemüse-Kokos-Suppe zusammen und füllen ein Überweisungsformular aus. Sie lernen auch, was eine Hausordnung ist. Eine Zeichnung im Buch zeigt, was man in einem Mietshaus nicht darf: Auto waschen vor der Haustür, grillen auf dem Balkon, Gassi gehen auf dem Spielplatz. Und die Haustür offen stehen lassen. Wenn man das Arbeitsbuch als Deutscher so liest, dann fallen einem plötzlich die vielen Regeln und Verbote in diesem Land auf. „Im meinem Dorf in der Türkei lassen alle die Türen offen stehen“, sagt Hüseyin Dörtyol.

Dass er selbst kein Deutscher ist und einen türkischen Akzent hat, macht ihn bei seinen Schülern authentisch. Vor 41 Jahren, als Dörtyol nach Deutschland kam, konnte er Guten Tag sagen, und Danke, mehr nicht. Nach drei Jahren beherrschte er die Sprache so gut, dass er anderen Einwanderern Deutschunterricht geben konnte. „Meine Schüler sehen mich als einen von ihnen. Weil ich auch das erlebt habe, was sie jetzt erleben.“ Dörtyol spricht von den schlecht bezahlten Jobs seiner Schüler und von deren privaten Problemen. Es helfe aber nichts: Die Sprache sei nun mal einfach der Schlüssel zur erfolgreichen Integration.

Jeder Fünfte scheitert an der Sprachprüfung

Jeder Fünfte wird nach Dörtyols Erfahrung an der Sprachprüfung scheitern. Isaac nicht, mit dem Spanier ist der Lehrer sehr zufrieden. „In drei Monaten wird er schon Gespräche über Politik führen und sich bei Behördengängen verständigen können“, sagt er.

Wenn Isaac vom Sprachkurs nach Hause kommt, ist er nicht allein in der Zweizimmerwohnung in Wilhelmsburg. Sein deutscher Chef Frank Körbelin hat ihm und seinem spanischen Kollegen Juan eine Zweizimmerwohnung besorgt. Doch die Männer-WG war von Anfang an eine Gemeinschaft auf Zeit, das stellten die beiden Spanier schnell fest. Zu verschieden sind sie. Mittlerweile arbeiten sie auch auf verschiedenen Baustellen – privat unternehmen sie nichts miteinander. Jetzt, da Isaac Zuwachs erwartet, ist das Ende der WG besiegelt.

Wie geht es Juan? Beim Treffen in Wilhelmsburg macht er einen entspannten Eindruck. Er hat sich gut eingelebt, sagt er. Wie gut, das zeigt sich im „Plattenladen“ an der Veringstraße, wohin Juan gerne und häufig kommt. Hier gibt es süße und herzhafte Crèpes, Kaffee und Bier. Und Menschen, die Spanisch sprechen. Einen Hip-Hop-Sänger aus Chile, der Juan zu seinem nächsten Auftritt einlädt. „Jeden Tag gefällt es mir besser hier“, sagt Juan. Er versteht fast alles, was die Deutschen sagen.

Und er hat nette Freunde gefunden, sagt er. Über Facebook vernetzen sich die Exilspanier. Mit drei Freunden unternimmt Juan besonders viel – sie alle arbeiten als Pflegekräfte in Krankenhäusern in der Metropolregion Hamburg. Neulich waren sie in Hannover, stolz zeigt Juan die Bilder von dem Ausflug. Die Fotos zeigen ihn vor dem Hannoveraner Rathaus, am Maschsee – inmitten seiner neuen Freunde. „Sie sind super“, sagt er. Bald wollen sie zusammen nach Berlin, Juan war noch nie dort.

Sein Job bringt ihm 2000 Euro brutto im Monat, davon bleiben ihm 1400 Euro. Er zahlt davon die Miete, einen Sprachkurs bei der Volkshochschule, ein HVV-Ticket, Lebensmittel und seine Ausflüge. „Ich habe genug“, sagt er. Übrig bleibt aber nichts. Immerhin besser, als arbeitslos zu sein – und abhängig von seiner Familie. Weil es in der Region um Valencia keine Arbeit für ihn gab, musste er im Alter von 30 Jahren wieder zu seinen Eltern ziehen. Hier hat er sein eigenes Leben.

Alle haben auf ihn eingeredet: Komm zurück!

Über Silvester war er zu Hause in Spanien, den Flug hat ihm sein deutscher Chef Körbelin geschenkt. Juan hat seine Freunde wiedergesehen und seine Familie. Alle haben auf ihn eingeredet: Komm zurück! Seine Mutter und seine Großmutter bedrängen ihn auch in den regelmäßigen Telefonaten: Was willst du in Deutschland? Da ist es doch so kalt! Da ist dir doch langweilig. Brauchst du Geld, Junge?

Auch seine Freundin ist nicht begeistert von seinem Deutschland-Experiment. Sie arbeitet als Krankenschwester in Spanien, ihr Job ist Juan zufolge sicher und gut bezahlt. Bei ihren beiden Hamburg-Besuchen war sie nicht so angetan von der kalten und regnerischen Stadt, in der ihr Freund jetzt lebt.

Juan sagt, dass die Lage auf dem Arbeitsmarkt in Spanien immer noch schlecht sei. Ob er wieder zurückgeht? Schließlich hat auch er nur einen Einjahresvertrag. Juan muss sich entscheiden: entweder für ein Leben bei Familie und Freundin in Spanien – oder für ein neues, aufregendes Leben mit neuen Freunden in Hamburg. Noch will er sich nicht mit dieser Frage beschäftigen, sagt Juan.

Sein Mitbewohner Isaac war auch Weihnachten zu Hause. Er hat erfahren, dass er Vater wird. Er hätte in Spanien bleiben können, bei seiner schwangeren Freundin. Doch er ist nach Hamburg zurückgekehrt. Weil er hier leben will – zusammen mit seiner Freundin. Im April soll sie nach Hamburg ziehen.

Isaac hat den Rückflug verfallen lassen und hat sein Auto nach Hamburg geholt, zwei Tage dauerte die Fahrt von Valencia hierher. Er wird sein Auto hier brauchen, sagt er. Er will die WG mit Juan beenden und eine Wohnung für sich und seine Freundin suchen. Zu den Besichtigungsterminen will er nicht mit Bus und Bahn fahren.

Isaac hat immer von einer eigenen Familie geträumt. Dass es so schnell gehen würde, hätte er nicht gedacht. Er freut sich, klar. Aber die Verantwortung lastet auf ihm. Da ist zunächst einmal seine Freundin: Sie verlässt Spanien, ihre Familie und ihre Arbeit. Zu Hause muss sie mit ihrer Familie einen Kredit abbezahlen. Wenn sie nach Hamburg kommt, braucht sie dringend Arbeit.

Aber auch seine eigene Situation belastet Isaac: Er ist noch nicht lange in Hamburg. Er verdient 2000 Euro brutto im Monat, es wird nicht leicht, davon eine Familie zu ernähren. Und eine Wohnung zu bezahlen. Außerdem hat er nur einen Einjahresvertrag. Was wird danach sein?

Für ihn steht fest, dass er seine Freundin heiraten will, vielleicht schon vor der Geburt. Beim ersten Ultraschall beim Frauenarzt war Isaac nicht dabei. Er konnte das kleine Köpfchen auf dem Monitor nicht sehen, nicht die ersten zarten Bewegungen. Seine Freundin hat ihm das erste Bild seines Kindes zugemailt. Stolz hat er es auf seiner Facebook-Seite gestellt. „Mein Engel, wir lieben dich über alles“, hat er daneben geschrieben.

Er hat auch ein Foto von sich ins Netz gestellt – auf dem Bild hat er einen Schnuller im Mund. Und er hat via Facebook an sein Kind geschrieben: „Ich bin überglücklich, dass ich dich bald in meinen Armen halte, mein Baby.“

Im deutschen Alltag – zwischen Baustelle, Sprachkurs und Wohnungssuche – geht diese Überschwänglichkeit manchmal verloren. Dann ist Isaac nachdenklich. Neulich hat er einen deutschen Satz gelernt, den er sehr passend für seine Situation findet. Er spricht den Satz vor, fast akzentfrei: „Das Leben ist kein Wunschkonzert.“

„Hamburgs neue Gastarbeiter“ ist eine Serie in loser Reihenfolge. Die ersten fünf Folgen sowie ein Video-Special stehen im Internet unter abendblatt.de/themen/gastarbeiter-hamburg