Flucht während des Prozesses

Mutmaßlicher Hamburger Terrorhelfer setzt sich in Türkei ab

Sulaiman S. steht seit mehreren Wochen in Hamburg vor Gericht. Jetzt soll er sich mit seiner Frau ins Ausland abgesetzt haben. Ihm wird die Teilnahme am "Heiligen Krieg" vorgeworfen.

Hamburg. Nach Informationen des Hamburger Abendblattes hat sich der mutmaßliche Terrorhelfer Sulaiman S. mit seiner Ehefrau ins Ausland abgesetzt. Das Hamburger Oberlandesgericht bestätigte dem Abendblatt, dass ein Haftbefehl gegen den Angeklagten vorliegt. Zielfahnder des Landeskriminalamtes sollen demnach auf der Suche nach dem mutmaßlichen Terrorhelfer sein. S. hält sich derzeit offenbar in der Türkei auf. Die Sicherheitsbehörden erhielten einen Tipp aus dem privaten Umfeld des Angeklagten, dass dieser sich ins Ausland abgesetzt habe.

Seit Ende Januar läuft vor dem Oberlandesgericht in Hamburg der Prozess gegen Sulaiman S. Die Generalstaatsanwaltschaft wirft dem 27 Jahre alten Deutsch-Afghanen vor, dass er sich 2009 im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet am Dschihad beteiligt hat. Er soll dort auch an Waffen ausgebildet worden sein. Der Generalstaatsanwalt wirft ihm vor, sich an der militanten Vereinigung Islamische Bewegung Usbekistan (IBU) und beim Terrornetz al-Qaida beteiligt zu haben. Ihm droht eine Haft bis zu zehn Jahren. Sulaiman S. bestreitet die Vorwürfe. Er sagte am ersten Prozesstag, dass er nie in einem Terrorcamp in Pakistan gewesen sei.

Der Angeklagte saß während des Prozesses nicht in Untersuchungshaft. Ein Haftbefehl wurde nicht beantragt. Somit bestand für den Angeklagten Reisefreiheit. Die Hamburger Staatsanwaltschaft erklärt gegenüber dem Abendblatt, dass man „bisher keine Haftgründe und Fluchtgefahr“ gesehen habe. Der Angeklagte sei in Deutschland aufgewachsen. Auch seine Familie – seine Geschwister und seine Eltern – lebt in Hamburg. Zudem ist laut Staatsanwaltschaft die erwartete Strafe für eine mögliche Beteiligung in den Terrorcamps von al-Qaida „nicht so hoch“ gewesen, dass allein dies eine Fluchtgefahr begründet hätte.

Der Bruder des Angeklagten war Mitte 2012 in Koblenz zu sechs Jahren Haft verurteilt worden. Er galt als wichtiger Verbindungsmann von al-Qaida in Europa. Ein psychiatrischer Gutachter hatte am vergangenen Verhandlungstag erklärt, der mutmaßliche Terrorhelfer sei voll schuldfähig. Es sei ausgesprochen fraglich, dass der Angeklagte – wie von ihm selbst behauptet – jemals an einer schizophrenen Psychose gelitten habe, sagte Prof. Norbert Leygraf. Dem Angeklagten droht eine Haftstrafe zwischen einem und zehn Jahren. Für den Prozess sind bisher Verhandlungstage bis zum 21. Februar geplant.

Für den morgigen Donnerstag ist der vierte Prozesstag zunächst wie geplant angesetzt. Die Sicherheitsbehörden rechnen aber nicht damit, dass der Angeklagte S. bis dahin wieder auftaucht.

So soll Sulaiman S. zwar laut Anklageschrift für einige Monate Mitglied dieser beiden terroristischen Vereinigungen gewesen sein. Jedoch ist unklar, welche Rolle er innerhalb der Gruppen gespielt hat. Nach den ersten Verhandlungstagen wird deutlich, dass S. keine konkreten Anschlagspläne hatte. Auch ist unklar, ob und auf welche Weise er sich überhaupt an Kampfhandlungen beteiligt hat. Die Staatsanwälte werden S. vor, er habe sich auch an einem Propagandavideo der Terroristen beteiligt, dass dann ins Internet gestellt wurde.

Immer wieder ziehen vor allem junge Männer nach Pakistan und schließen sich militanten Gruppen an. Einige von ihnen kehren schnell zurück, manche holen ihre Familien nach, einige sterben in Gefechten.