Frauen

Wissenschaftlerin: Zu lange Babypause bei deutschen Frauen

Sie bleiben nach der Geburt ihres Kindes zu lange zu Hause und arbeiteten zu lange in Teilzeit. Die Wissenschaftlerin Christina Boll glaubt, dass die Mütter dadurch den „Vorsprung“ männlicher Kollegen zementierten.

Die Kritik hat es in sich: Christina Boll, Forschungsdirektorin am Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut, glaubt, dass Frauen in Deutschland zu lange Babypause machen. Sie behinderten damit ihre berufliche Karriere behindern und zementierten den „Vorsprung“ männlicher Kollegen vor allem beim Gehalt, sagte die Wissenschaftlerin am Mittwoch.

Einer der Gründe für diese Entwicklung liege darin, dass deutsche Frauen oft dann noch Teilzeit arbeiteten, wenn ihre Kinder bereits weiterführende Schulen besuchten. „Das liegt nicht nur an den fehlenden Betreuungseinrichtungen, sondern auch an den Frauen selbst“, beklagte Boll und fügte hinzu: „Gerade bei Akademikerinnen ist das bürgerliche Ideal von der Frau, die es nicht nötig hat zu arbeiten, erstaunlich weit verbreitet.“

Marita Meyer-Kainer, Landesvorsitzende der Frauen Union in Hamburg, reagierte zurückhaltend auf die Kritik der Wissenschaftlerin. Ihre Partei wolle Frauen und Familien nicht vorschreiben, wie sie ihr Leben gestalten sollten. „Bewusst haben wir immer die Wahlfreiheit vertreten“, sagte die CDU-Politikerin. Zudem sei es sinnvoll, „das Familienleben nicht allein den Geboten der Wirtschaft unterordnen“.

In Deutschland liegt die Geburtenrate seit gut 40 Jahren bei gut 1,4 Kindern pro Frau. 2012 kamen hierzulande 673.544 Kinder auf die Welt. Zwar ist die Zahl der Geburten in den vergangenen Jahren leicht gestiegen. Blickt man etwas zurück, ist der Rückgang jedoch mit Händen zu greifen. Im Jahr 1991 beispielsweise wurden in Deutschland noch 830.019 Babies geboren. Experten zufolge sind in Deutschland derzeit rund 70 Prozent der Mütter minderjähriger Kinder erwerbstätig - allerdings zählten dazu auch Teilzeitjobs.

Nach Ansicht von Boll verlassen sich hierzulande noch immer viele Mütter auf den Partner als Ernährer. „Sie geben sich mit geringeren Gehältern zufrieden und bedenken nicht, dass diese Lücke durch Teilzeitjobs immer größer wird.“ In Skandinavien sei das anders, sagte die Wissenschaftlerin. „Die gut ausgebaute Betreuungsinfrastruktur bei unseren nördlichen Nachbarn spiegelt letztlich nur das andere Selbstverständnis der Frauen wider, die für sich selbst finanzielle Verantwortung übernehmen.“

Meyer-Kainer äußerte hingegen Verständnis dafür, wenn Mütter oder Väter nach der Geburt eines Kindes ein Jahr zu Hause blieben. „Die Arbeit in der Familie, wer immer sie leistet, Mütter und/oder Väter, muss deutlich mehr wertgeschätzt werden.“ Die Erziehung der Kinder sei eine wertvolle Aufgabe, „die wir nicht hoch genug schätzen können, und die Zeit braucht“.

Als Elternzeit wird in Deutschland ein Zeitraum unbezahlter Freistellung von der Arbeit nach der Geburt eines Kindes bezeichnet. Arbeitnehmer müssen in dieser Zeit nicht arbeiten, können aber, sofern sie es wünschen, bis zu 30 Stunden pro Woche in Teilzeit tätig sein. Allerdings haben Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen nach Rückkehr aus der Elternzeit keinen Anspruch auf den früheren Arbeitsplatz, sondern lediglich auf einen vergleichbaren Arbeitsplatz.

Nach der Elternzeit „entscheiden sich viele Frauen bewusst für Teilzeit, um Zeit für die Kinder zu behalten und den Übergang fließend zu gestalten“, sagte Meyer-Kainer. Ziel müsse sein, es den Frauen zu ermöglichen, anschließend wieder in Vollzeit oder eine vollzeitnahe Tätigkeit zu wechseln, sagte die Unionspolitikerin.

Meyer-Kainer forderte Frauen und Unternehmen auf, aufeinander zugehen: „Die Wirtschaft durch familienfreundliche Arbeitszeitmodelle und die Frauen, indem sie bereit sind, Verantwortung zu übernehmen und dies auch deutlich machen.“ Mit einer 30-Stunden-Woche könne viel erreicht werden. „Wir brauchen mehr vollzeitnahe Teilzeitstellen und Job-Sharing-Modelle für Führungspositionen.“

Für Boll sind auch Führungspositionen für Frauen mit Kindern nicht tabu. „Man muss in einer Führungsposition nicht rund um die Uhr im Büro sitzen, aber mit 25 oder 30 Wochenstunden geht das nicht.“ Die Wissenschaftlerin ist Mutter von drei Kindern im Alter von 9, 13 und 15 Jahren. „Als meine Kinder klein waren, habe ich viel abends und am Wochenende gearbeitet. Auch das ist in Skandinavien bei Eltern in Führungspositionen durchaus üblich.“

Eine im Dezember vergangenen Jahres veröffentlichte Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung kommt zu dem Schluss, dass mehr und mehr Deutschen ihr Beruf, ihre Hobbys und ihre Freunde wichtiger sind als die Erziehung eines Kindes. „Kinder stellen nicht mehr für alle Deutschen einen zentralen Lebensbereich dar“, resümierten die Forscher.

Einer der Gründe ist die veränderte Haltung der Gesellschaft. Während Kinder in der Vergangenheit bedeuteten, erwachsen zu sein und eine „richtige“ Familie zu haben, bedeute heutzutage für das Kinderkriegen keinen höheren Status in der Gesellschaft. Vielmehr sorgen sich jüngere Menschen der Studie zufolge, dass mehrere Kinder einen Makel darstellten.

Die Studie kam ebenfalls zu dem Schluss, dass vor allem Mütter fürchteten, sie könnten nicht gleichzeitig den Ansprüchen von Familie und Arbeitgeber gerecht werden. Eine größere Bedeutung kommt dabei Rollenbildern zu, wonach Frauen sich als „Rabenmutter“ verstehen, wenn sie ihre Kinder in einer Kindertagesstätte unterbringen würden. Der Studie zufolge verzichten deshalb vor allem höher qualifizierte Frauen auf die Mutterschaft.

Zudem hat sich der Studie zufolge die Einschätzung verändert, derzufolge Kinder zur Lebensfreude und Zufriedenheit beitragen. Lediglich 45 Prozent der kinderlosen Deutschen glauben, dass sie mit eigenem Nachwuchs zufriedener wären.

Einer weiteren Studie zufolge haben es Frauen in Deutschland weiterhin schwer, Führungspositionen zu erreichen. In den Vorständen der großen DAX-Unternehmen sei der Frauenanteil um eineinhalb Prozentpunkte auf 6,3 Prozent zurückgegangen, heißt es im am Mittwoch vorgestellten Managerinnen-Barometer 2014 des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). In den Aufsichtsräten der 30 größten börsennotierten Unternehmen sehe es etwas besser aus. Dort war 2013 jedes fünfte Mitglied eine Frau (21,9 Prozent) - ein Plus von zweieinhalb Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Die niedrigen Werte hätten sie überrascht, sagte die Leiterin der Studie, DIW-Forschungsdirektorin Elke Holst. „Wir haben erwartet, dass die Zahlen deutlich in die Höhe gehen.“ Insbesondere in den Vorständen gehe es aber kaum voran. Bei den Unternehmen mit öffentlicher Beteiligung sieht es nicht besser aus. In den Vorständen sind deutlich weniger als zehn Prozent der Mitglieder weiblich, in den Aufsichtsräten zwischen 16 und 18 Prozent.

Das DIW untersucht seit 2006 jedes Jahr den Frauenanteil in den Spitzengremien der deutschen Wirtschaft. Die Daten werden jeweils am Ende eines Jahres erhoben. Das Managerinnen-Barometer 2014 gibt in zwei Berichten Auskunft über die 500 größten Unternehmen, darunter auch die 100 größten Banken und Sparkassen sowie 60 Versicherungen.

Union und SPD haben im Koalitionsvertrag vereinbart, dass börsennotierte und voll mitbestimmungspflichtige Unternehmen von 2016 an in ihren Aufsichtsräten – nicht aber in den Vorständen – eine Frauenquote von 30 Prozent erfüllen müssen. Die Aufsichtsräte sind jeweils zur Hälfte mit Arbeitnehmer- und Arbeitgebervertretern besetzt. Nach DIW-Angaben betrifft das etwa 100 bis 120 größere Unternehmen in Deutschland.

Insgesamt sollen börsennotierte oder mitbestimmungspflichtige Unternehmen mit einer Flexiquote verpflichtet werden, sich 2015 auf verbindliche Ziele für die Erhöhung des Frauenanteils in Aufsichtsräten, Vorständen und in den oberen Management-Etagen festzulegen und die ersten Ziele bis zur nächsten Bundestagswahl zu erreichen.