Leitartikel

Junge Mütter sind nicht zu beneiden

Wirtschaft sollte nicht in Familien hineinregieren. Teilzeit muss möglich sein.

Der Gang zum Chef, um ihm die frohe Botschaft einer Schwangerschaft zu verkünden, ist für werdende Müttern ein schwerer. Denn bei diesem Gespräch müssen sie gleichzeitig beteuern, wie sehr sie ihre Arbeit lieben. Und sie müssen sich erklären, wann sie wiederkommen. Dafür können sie sich von Rechts wegen zwar bis nach der Geburt Zeit lassen, aber das Bekenntnis zum Job wird von Frauen längst erwartet. Wer nimmt noch drei Jahre Elternzeit? Der gesellschaftliche Druck, schnell wieder in den Beruf einzusteigen, hat in den vergangenen Jahren enorm zugenommen. Zu beneiden sind die jungen Mütter nicht.

Noch immer machen sie es in den Augen der Wirtschaft nicht richtig. Mütter in Deutschland machen nach Ansicht von Forschungsdirektorin Christina Boll vom Hamburgischen WeltWirtschaftsInstitut (HWWI) zu lang Babypause. Damit behinderten sie ihre berufliche Karriere und zementierten ihre Lohnlücke zu den männlichen Kollegen. Die Expertin argumentiert aus der Sicht der Wirtschaft. Der Arbeitsmarkt will nicht längerfristig auf gut ausgebildete Frauen verzichten. Das ist verständlich. Aber Kinder sind kein Projekt, das man nach der Geburt als erledigt abhaken kann, wie man es aus dem Job kennt. Kinder sind eine Langzeitangelegenheit. Und nicht alles, was aus Sicht der Wirtschaft sinnvoll erscheinen mag, tut den Müttern gut. Übrigens auch nicht den Kindern und dem Familiengefüge. Davon spricht die Wissenschaftlerin nicht.

Blicken wir ein paar Jahre zurück: Erst die Einführung des gesetzlichen Anspruchs auf Teilzeitarbeit hat es vielen Müttern möglich gemacht, vor Ende der dreijährigen Elternzeit in den Beruf zurückzukehren. Kinder zu haben und trotzdem berufstätig zu sein wurde dadurch leichter. Das hat aber auch Schattenseiten: Viele Mütter mit Kleinkindern schrauben ihre Ansprüche zurück. Nicht Kind und Karriere heißt für sie die Devise, sondern Kinder, Beruf und Haushalt einigermaßen unter einen Hut zu kriegen. Immer mehr Frauen scheitern daran – die Zahl der berufstätigen Mütter, die psychisch erkranken, ist laut Müttergenesungswerk zuletzt drastisch gestiegen.

Die Einführung des Elterngeldes sollte jungen Paaren die Entscheidung für Kinder leichter machen. Es stopft das Loch in der Kasse, das in der Babypause entsteht. Und so blickt man als Mutter, die noch nicht in den Genuss dieses finanziellen Segens gekommen ist, etwas neidisch auf die jungen Familien – und zugleich voller Mitgefühl: Denn die jungen Mütter sehen sich von allen Seiten mit der Frage konfrontiert: Wann steigst du wieder ein? Damit ist Vollzeit gemeint.

Ja, es gibt inzwischen eine Fülle von Betreuungsmöglichkeiten für Kleinkinder. Immerhin sind etwa 70 Prozent der Mütter von minderjährigen Kindern erwerbstätig – wenn auch mit einer durchschnittlichen Wochenarbeitszeit von nur 25,6 Stunden. Deutsche Frauen arbeiten auch dann oft noch Teilzeit, wenn ihre Kinder bereits weiterführende Schulen besuchen. Beim hiesigen Schulsystem darf das nicht verwundern. Wenn die Mutter am Nachmittag nicht bei den Hausaufgaben hilft, ist der Schulabschluss gefährdet. Solange der Bildungserfolg der Kinder hierzulande wesentlich vom Elternhaus abhängt, kann man einem Paar nur schlecht zu zwei Vollzeitstellen raten.

Zum Widerspruch reizt die Aussage der HWWI-Forscherin, dass gerade bei Akademikerinnen „das bürgerliche Ideal von der Frau, die es nicht nötig hat zu arbeiten, erstaunlich weit verbreitet“ sei. Eine steile These. Und ob Akademikerin oder nicht: Es muss das Recht jeder Frau, jeder Familie, sein, selbst zu entscheiden, wie sie ihr Leben gestalten. Die Diskussion über arbeitende Rabenmütter wollten wir nie mehr führen, aber im Gegenzug sollten wir jetzt nicht alle Frauen zu Vollzeitarbeit verdonnern.