Hamburg

Aufstand in der Hamburger Handelskammer

Erstmals in der knapp 350-jährigen Geschichte der Kammer will ein Bündnis von Unternehmern grundlegende Reformen. Die Institution sei „reich wie Dagobert und geheimniskrämerisch wie der Kreml“.

Hamburg. Die bevorstehenden Wahlen zum Plenum und Präsidium der Handelskammer Hamburg starten mit einer wirtschaftspolitischen Überraschung: Erstmals in der knapp 350-jährigen Geschichte der ehrwürdigen Institution stellt sich ein Bündnis von Hamburger Unternehmern zur Wahl mit dem erklärten Ziel, die Kammer von Grund auf zu reformieren. Die Wirtschaftsvertretung sei „reich wie Dagobert und geheimniskrämerisch wie der Kreml“. Künftig müsse die Handelskammer in ihrer politischen Ausrichtung transparenter werden und sich mehr den Bedürfnissen mittelständischer Unternehmen öffnen. Unter dem Motto „Die Kammer sind WIR“ tritt die Gruppe von 15 Unternehmern aus klein- und mittelständischen Betrieben in neun Branchen zu den am 16. Januar startenden Wahlen an.

Ihren Kampf um Stimmen eröffnen die Kammerkritiker mit einer populären Forderung. Nach ihrem Willen soll die Handelskammer einen Teil ihrer Rücklagen auflösen und an die Mitgliedsunternehmen zurückzahlen: „We want our money back! Im Keller der Kammer lagern über 50 Millionen Euro, bezahlt aus unseren Zwangsbeiträgen. Wenn wir uns nach der Wahl im Plenum durchsetzen können, erhält jedes Hamburger Unternehmen einen Jahresbeitrag an Kammergebühren zurück“, versprach Tobias Bergmann, Geschäftsführer einer Unternehmensberatung, bei der Vorstellung des Bündnisses. Da die Hamburger Unternehmen per Gesetz zur Mitgliedschaft verpflichtet sind, müsse die Kammer mit den Mitgliedsbeiträgen besonders sorgfältig umgehen und nicht für Aktionen ausgeben, die viele Unternehmer gar nicht wollten.

Eine Million Euro wolle die Kammer zum Beispiel für ihre 350-Jahr-Feier im kommenden Jahr ausgeben. „Uns hat niemand dazu befragt“, sagt Bergmann, der seit 2011 bereits im Plenum der Kammer sitzt. Stattdessen werde um die Protokolle der Plenarsitzungen immer noch ein großes Geheimnis gemacht, ebenso wie um das Gehalt, das der Hauptgeschäftsführer der Kammer, Hans-Jörg Schmidt-Trenz, beziehe.

Dass Kammerpräses Fritz Horst Melsheimer in seiner Silvesteransprache eine neue Olympiabewerbung ins Spiel gebracht habe, sei mit niemandem abgestimmt worden. „Die Rede hält der Präses im Namen der Hamburger Wirtschaft. Ich habe das aber eher als persönliche Meinungsäußerung empfunden“, kritisierte Heiko Wandrey, Geschäftsführer einer Bürogemeinschaft kleiner Agenturen vom Rödingsmarkt.

Thomas Schünemann, Vizepräses der Handelskammer, versteht die Aufregung nicht: „Laut einer Emnid-Umfrage sind zwei Drittel unserer Mitglieder mit unserer Arbeit sehr oder eher zufrieden“, sagt er und widerspricht der Darstellung, dass die Kammer Mitgliedsbeiträge horte: Sie habe zwischen 2010 und 2014 die von den Unternehmen eingeforderte Umlage um 30 Prozent und den Grundbeitrag um 20 Prozent gesenkt. Hinzu kämen Beitragsrückerstattungen von 20 und 15 Prozent in den Jahren 2012 und 2013, so Schünemann. „Die monatlichen Sitzungen des Kammerplenums stellen sicher, dass alle zentralen Fragen der Kammerarbeit und der Interessen unserer Mitglieder zeitnah diskutiert und entschieden werden. Keine andere IHK praktiziert mehr Teilhabe.“