Leitartikel

Die Handelskammer ist nicht nur verstaubt

Die Rebellen vom Adolphsplatz bringen frischen Wind. Aber ihre Vorwürfe gehen zu weit

Die traditionelle Jahresschlussansprache des Präses der Handelskammer gehört zu den bestgehüteten Geheimnissen des Hauses. Die Rede entsteht in einem engen Zirkel von Mitarbeitern unter der Federführung des Chefvolkswirts der Kammer. Auch der Hauptgeschäftsführer hat ein Auge darauf und schließlich der Präses selbst. Alle anderen Kammermitglieder erwarten jedes Jahr bei der „Versammlung eines Ehrbaren Kaufmanns“ mit Spannung, welche politischen Spitzen der Präses in diesem Jahr austeilt und was er thematisiert. Nach dem Willen einer kleinen Gruppe von Unternehmern soll damit künftig Schluss sein.

Sie wollen keine „One-Man-Show“ mehr, sondern eine abgestimmte Veranstaltung. Das Bündnis „Die Kammer sind WIR“ tritt mit eigenen Kandidaten zu den anstehenden Wahlen der Handelskammer an, um mehr Transparenz durchzusetzen. Die Kammer soll stärker den Dialog mit den mittelständischen Unternehmen suchen, um deren Probleme aufzugreifen. Das ist eine gute Forderung; je näher eine Kammer an ihren Mitgliedern dran ist, desto lebendiger wird sie.

Der daraus abgeleitete Vorwurf, die Kammer sei bisher hingegen „geheimniskrämerisch wie der Kreml“, ist aber Unsinn. Natürlich wird in dem Haus am Adolphsplatz gekungelt. Und selbstverständlich werden politische Fragen mit dem Rathaus vis-à-vis vordiskutiert, bevor sie formal das Plenum erreichen. Darauf gründet aber gerade die Bedeutung der Kammer. Laufen Dinge volkswirtschaftlich falsch, kann sie mit einem Veto der Hamburger Unternehmerschaft drohen. Wenn die Kammer aber jede Äußerung zunächst einmal in einer Vollversammlung abstimmen lassen soll, wird sie zahnlos. Und die „Versammlung eines Ehrbaren Kaufmanns“ zu Hamburg eignet sich auch nicht als Debattierclub.

Die Kritiker wollen die Handelskammer reformieren und modernisieren. Sie müsse mehr „moderne Positionen des Mittelstands“ vertreten, forderte eine Anhängerin des Bündnisses am Donnerstag. Aber ist die Hamburger Handelskammer denn muffig und verstaubt?

Gemessen an dem rasanten gesellschaftlichen Wandel in der Großstadt ist sie es vielleicht, im Vergleich zu anderen Kammern hingegen ist sie es nicht. Das Personal an der Spitze wird alle sechs Jahre ausgewechselt. Kein Präses darf länger residieren. Andere IHK in Deutschland haben bis zu 20 Jahre immer dieselben Leute an der Spitze.

Kaum eine Wirtschaftsvertretung in Deutschland bemüht sich so um gesellschaftliche Themen wie die Handelskammer Hamburg. In ihrem Projekt „Hamburg 2030“ ringen die Mitglieder um die Entwicklung ganzer Lebensentwürfe für die Zukunft – auch und gerade für den Mittelstand. Welche andere Wirtschaftsvertretung greift so pointiert ins politische Tagesgeschäft ein? Keine. Dass dabei Forderungen herauskommen, die nicht von allen 165.000 Mitgliedern getragen werden, liegt in der Krux der Pflichtmitgliedschaft, die jede im Handelsregister eingetragene Unternehmung dazu zwingt, der Kammer beizutreten. Das ist aber ein gesetzliches Problem und nicht eines der Kammer.

Es ist zu begrüßen, wenn die Gruppe der Kammer-Rebellen frischen Wind in das alte Haus bläst. Die Wahlen zur Handelskammer waren in der Vergangenheit so interessant wie die Lektüre eines Telefonbuchs. Und wenn sie in namhafter Anzahl gewählt werden, können ihre Taten an ihren Versprechen gemessen werden.

In mindestens einem Punkt dürfte das Bündnis Probleme bekommen. Die populistisch geforderte Auflösung der Ausgleichsrücklage in Höhe von 20 Millionen Euro zur Rückerstattung von Mitgliedsbeiträgen geht nämlich nicht. Die Handelskammer ist dazu verpflichtet, diesen Topf als Notreserve für schlechte Zeiten vorzuhalten.

Der Autor ist Korrespondent für Wirtschaft beim Abendblatt