Umstrittenes Cover

So reagieren Hamburgs Politiker auf Steinbrücks Stinkefinger

Mit seinem Stinkefinger hat SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück wieder einmal polarisiert. Zwölf Politiker aus Hamburg zeigen, was sie von der Geste halten.

Man weiß gar nicht, wo man zuerst hinschauen soll. Tatsächlich auf ihn, den gestreckten Mittelfinger und damit das Corpus Delicti der jetzt offenbar alles überschattenden Wahlkampf-Debatte? Oder doch eher auf Peer Steinbrücks etwas – nun ja – rammdösigen Gesichtsausdruck mit offenem Mund und halb geschlossenen Augen? Schwer zu sagen. Man kann jedenfalls nicht so richtig weggucken von diesem Bild. Von dem SPD-Kanzlerkandidaten und seiner unanständigen Geste.

Aufgenommen wurde es vom Berliner Fotografen Alfred Steffen für das „Süddeutsche Zeitung Magazin“. Er erscheint jeden Freitag und bringt Woche für Woche unter der Überschrift „Sagen Sie jetzt nichts“ ein Interview ohne Worte – jedenfalls ohne Worte der interviewten Persönlichkeit. Auf die meist unkonventionellen Fragen folgt die Antwort dafür mit allem, was Gestik und Mimik hergeben. Viel A-Prominenz aus allen gesellschaftlichen Bereichen hat schon mitgemacht, etwa BVB-Trainer Jürgen Klopp, Hollywood-Schauspieler Denzel Washington und Minister des aktuellen Bundeskabinetts. Jetzt war Steinbrück dran. Und wieder einmal hat er polarisiert.

Die Frage zum Foto lautete: „Pannen-Peer, Problem-Peer, Peerlusconi – um nette Spitznamen müssen Sie sich keine Sorgen machen, oder?“ Daraufhin zeigte Steinbrück den Stinkefinger. Und machte dieses seltsame Gesicht. Sein Sprecher habe noch versucht, den Abdruck des Bildes zu unterbinden, doch der Kanzlerkandidat wollte sich nicht reinreden lassen. „Nein, das ist okay so“, habe er laut „SZ Magazin“ gesagt. Und er steht weiter dazu. „Ich finde, wir sollten alle auch den Humor haben im Wahlkampf. Für alle, die den nicht haben: Die sollen in den Keller gehen zum Lachen“, befand er am Freitag am Rande einer Wahlkampfveranstaltung

Ganz so einfach ist es dann aber doch nicht. Denn ziemlich viele Menschen – und vor allem Steinbrücks politische Gegner – finden, dass sich so etwas nicht gehört. Und quittieren den Mittelfinger mit dem moralischen Zeigefinger. „Wer sich kurz vor der Wahl so präsentiert, will doch gar nicht Kanzler werden“, meint CDU-Politiker Wolfgang Bosbach. FDP-Generalsekretär Patrick Döring holte noch weiter aus: „Steinbrücks Geste ist nicht nur eine derbe Beleidigung, sondern auch der Abschied von Rot-Grün“, sagte er „Handelsblatt Online“.

Etikette-Beraterin Meike Slaby-Sandte, die im Hamburger Hotel Vier Jahreszeiten regelmäßig Benimm-Trainings veranstaltet, findet die Geste ebenfalls unpassend. „Es gehört sich generell nicht, den Stinkefinger zu zeigen“, sagt sie, „Vor allem als Kanzlerkandidat hat man auch eine Vorbildfunktion. Das sage ich auch als Mutter zweier Kinder, denen ich erkläre, dass ein Mittelfinger im Tagesgebrauch keinen Platz hat.“

Fest steht, dass es in dem Duell der Kanzlerin und ihres Herausforderers bislang Steinbrück war, der „menschelte“ – und dem Wahlkampf eine emotionale Note verpasste. Bei einem Doppelinterview mit seiner Frau bei einem kleinen Parteitag kamen ihm sogar öffentlich die Tränen. Sowohl das als auch der Stinkefinger wären bei Merkel undenkbar. Stattdessen hängt ihre berühmteste Geste, die Merkel-Raute, seit ein paar Tagen als Riesenposter neben dem Berliner Hauptbahnhof.

Und was sagen wahlkämpfende Hamburger Politiker zum Stinkefinger? Das Abendblatt hat bei zwölf von ihnen genauer nachgefragt. Das Meinungsbild: gemischt. Aber sehen Sie selbst!