Hamburgs Energienetze

Die Überzeugungstäterin vom Bodensee

Eva Häberle ist Aktivistin der Volksinitiative „Unser Hamburg – unser Netz“. Sie kämpft auf der Straße mit Flyern und Argumenten für ihre Sache.

Hamburg. Heute macht ihr auch noch eine Klarinettenspielerin das Leben schwer. Gleich in Hörweite auf der Schleusenbrücke nahe dem Rathaus baut die Straßenmusikerin ihren Notenständer auf. Eva Häberles Argumente drohen in der Musik unterzugehen. Dabei muss sie schon gegen die Werbemaschinerie von Vattenfall, der SPD und anderer Gegner des kompletten Rückkaufs der Energienetze kämpfen, um den es beim Volksentscheid am 22.September geht. Aber was sind schon Straßenmusiker und ein großer Werbeetat gegen echte Überzeugung?

Eva Häberle ist zutiefst überzeugt. Davon, dass die Strom-, Gas- und Fernwärmenetze in Händen der Stadt Hamburg besser aufgehoben wären als bei einem großen Konzern. „Einem Konzern wie Vattenfall geht es nur um den Profit, der Stadt aber um das Allgemeinwohl“, sagt die Frau Anfang 40. Deshalb engagiert sich Häberle seit Mai bei der Initiative „Unser Hamburg – unser Netz“. Als Fotografin ist sie beruflich viel unterwegs. Aber von der Zeit, die sie in Hamburg verbringt, investiert sie viel in die Netze-Initiative. Sie hat Aufsteller an Laternenpfähle in Hammerbrook und Horn befestigt, auf Straßenfesten Flyer verteilt und mit Menschen stundenlang über das Thema diskutiert.

Auch heute steht Eva Häberle mit Broschüren der Netze-Initiative in der Innenstadt. Die Frau mit der Klarinette stört sie nicht. „Oh, wir haben Nachbarn“, sagt sie lediglich und lächelt der Musikerin zu. Häberle nimmt es locker und lässt sich von ihrer Aktion nicht abbringen. Zielstrebig steuert sie Passanten an, die über die Brücke flanieren. Fast alle bleiben bei der Frau in den Röhrenjeans und mit dem frechen Pony stehen. Häberle will den Menschen aber nicht nur Flyer in die Hand drücken („Würden die doch sofort wegschmeißen“), sondern mit ihnen in Kontakt treten. Für sie geht es vor allem um Aufklärungsarbeit. „Es gibt irre viel Erklärungsbedarf“, sagt Häberle.

Das Thema Kosten beim Netzerückkauf bringt Eva Häberle auf die Palme

Bei dem ersten Pärchen, das sie anspricht, hat sie kein Glück. Touristen aus Süddeutschland, die beim Stichwort Volksentscheid und Energienetze nur unwissend mit den Schultern zucken. Die drei jungen Männer auf einer der Sitzbank sind dagegen aus Hamburg. Gesprächsbedarf haben sie allerdings keinen. „Wir haben schon“, ruft einer der Männer leicht schnodderig herüber. „Und wir werden mit Ja abstimmen“, fügt sein Kumpel schnell hinzu und zwinkert ihr zu. Das Trio muss sie nicht mehr überzeugen. Weniger leicht hat sie es bei einem Studentenpärchen, das Häberle mit kritischen Fragen löchert: Was ist der Vorteil für Hamburg? Warum ist es gut für die Stadt, viel Geld für die Netze auszugeben? Eva Häberle bleibt gelassen. Obwohl sie das Thema Kosten beim Netzerückkauf eigentlich schnell auf die Palme bringt. Vattenfall und E.on verdienten einen Haufen Geld mit den Netzen. „Warum soll Hamburg das nicht selbst erwirtschaften, und das Geld bleibt in der Gemeinschaft? Wenn sich die Stadt nicht über den Tisch ziehen lässt, können wir nur gewinnen“, wird sie später sagen und dabei die Stirn kraus ziehen. Dass sie das Thema nicht kaltlässt, ist ihr auch im Gespräch mit den Studenten anzumerken, aber Gefühlsausbrüche erlaubt sie sich nicht. Häberle argumentiert sachlich, sucht stets Augenkontakt, lächelt aufmunternd. Die zwei Milliarden seien eine Fehlinformation der SPD, der Preis stehe noch gar nicht fest, es werde zunächst Gutachten geben und erst dann verhandelt. Das Paar hört interessiert zu, nimmt sich anschließend eine Broschüre mit. Häberles Fazit: Ein gutes Gespräch. Ob sie die zwei überzeugt hat? Vielleicht. Ein Kreuz machen werden sie wohl auf jeden Fall. „Das ist besser, als sich zu enthalten.“

Nichtwähler, die machen die Netze-Aktivistin ernsthaft wütend. „Wer nicht wählt, nur meckert und gar nichts tut, hat ein falsches Verständnis von Demokratie“, sagt sie. „Wir applaudieren den Menschen in Ägypten, die ihr Leben für die Demokratie riskieren, aber wollen kein Kreuz machen.“

Eva Häberle, die in einem Dorf am Bodensee aufwuchs, hatte schon in ihrer Jugend das Bedürfnis, nicht nur zuzuschauen. Seit mehr als 20 Jahren engagiert sie sich in der Anti-Atomkraft-Bewegung, war im Laufe der Jahre auf zig Anti-AKW- und schwul-lesbischen Demos. „Wenn ich mit etwas nicht einverstanden bin, möchte ich das deutlich machen“, sagt Häberle, die heute mit ihrer Freundin im Karolinenviertel lebt. „Ich war nie eine Frontsau, eher eine Schmalspur-Rebellin.“ Aber immer mittendrin. Immer politisch aktiv. Jedoch nie Mitglied einer Partei. „Fraktionszwang wäre für mich ein Graus.“ Aber Demokratie mitzugestalten, wie auch bei der Netze-Initiative, das ist ihr eine Herzensangelegenheit. „Ich war beruflich in vielen Ländern, in denen die Korruption enorm groß ist und es nur Schein-Demokratien gibt.“ Vielen Menschen hier sei offensichtlich nicht bewusst, wie wertvoll eine funktionierende Demokratie sei. „Wir haben hier so viele Freiheiten und Gestaltungsmöglichkeiten. Aber dafür müssen wir auch etwas tun.

Heute hat Eva Häberle etwas getan. Mit mehreren Dutzend Menschen hat sie über den Rückkauf der Energienetze gesprochen und Flyer verteilt. „Ob das anstinken kann gegen die PR der anderen Seite, weiß ich nicht.“ Weitermachen wird sie trotzdem. Davon können sie weder Straßenmusikanten noch Werbekampagnen der Gegner abhalten.