Kitas

CDU will Sprachförderung für Dreijährige

Fast die Hälfte der Kinder aus Migrantenfamilien spricht beim Schulstart nicht flüssig Deutsch. CDU will Aktion, doch die Schulbehörde will erst Modelle aus anderen Ländern auswerten.

Hamburg. Es ist vermutlich noch ein langer Weg, bis alle Kinder zur Einschulung so gut Deutsch sprechen, dass sie dem Unterricht ohne Mühe folgen können. Genau das ist ein zentrales Ziel der Bildungspolitik im Sinne einer größtmöglichen Chancengerechtigkeit. Derzeit klafft zwischen den Sprachleistungen der Erstklässler noch eine große Lücke – je nachdem, ob sie Deutsch als Muttersprache haben oder nicht.

In seiner Antwort auf eine Kleine Anfrage des CDU-Bürgerschaftsabgeordneten Christoph de Vries nennt der Senat die aktuellen Zahlen. Danach verfügten nur 18 Prozent der insgesamt 3927 Kinder mit Migrationshintergrund zum Zeitpunkt der Einschulung vor einem Jahr über sehr gute Deutschkenntnisse. Das heißt: Der Junge oder das Mädchen sprachen fehlerfrei und flüssig.

Immerhin 37 Prozent der Kinder mit mindestens einem nichtdeutschen Elternteil beherrschten die deutsche Sprache gut – zwar flüssig, aber mit leichten Fehlern. Die Kinder, die in einer primär deutschsprachigen Familie aufwuchsen, schnitten erheblich besser ab. Bei 70 Prozent der insgesamt 7681 Jungen und Mädchen diagnostizierten Experten im Rahmen der Schuleingangsuntersuchung sehr gute Deutschkenntnisse.

Jedes neunte Kind hat einen „ausgeprägten Förderbedarf"

„Es ist erschreckend, dass fast die Hälfte der Kinder mit Migrationshintergrund seine Schullaufbahn beginnt, ohne einigermaßen flüssig Deutsch zu sprechen“, sagt CDU-Politiker de Vries. Hamburg hatte 2005 als eines der ersten Bundesländer eine flächendeckende Sprachstandserhebung aller Viereinhalbjährigen eingeführt. Diese Untersuchung soll dazu dienen, Sprachdefizite frühzeitig zu erkennen, um dann mit gezielter Förderung im Kindergarten und der Vorschule die Rückstände bis zur Einschulung abzubauen.

Von den Viereinhalbjährigen, die 2011/12 getestet wurden, hatten 11,3 Prozent (1609 Kinder) einen „ausgeprägten“ Sprachförderbedarf, wie der Senat in seiner Antwort auf eine Kleine Anfrage der FDP-Abgeordneten Finn-Ole Ritter und Anna von Treuenfels bereits im April dieses Jahres mitgeteilt hatte. Eine zusätzliche Sprachförderung erhielten im Schuljahr 2012/13 nach Senatsangaben 1544 Kinder. Die Differenz zu der Zahl der Kinder, bei denen dringender Sprachförderbedarf diagnostiziert wurde, ergibt sich durch Fortzüge, aber auch durch Fortschritte in der Sprachentwicklung.

Dass die Defizite bei Weitem nicht in allen Fällen vor der Einschulung aufgeholt werden, zeigt auch die Statistik der Sprachförderung in der Grundschule. Danach erhielten 21,4 Prozent der Erstklässler im Schuljahr 2011/12 zusätzlichen Deutschunterricht. Der Wert hat sich im Lauf der drei vorangegangenen Schuljahre kaum verändert. Eine Veränderung gab es dagegen in der vierten Klassenstufe: Während im Schuljahr 2008/09 17,8 Prozent der Jungen und Mädchen an der Sprachförderung teilnahmen, waren es im Schuljahr 2011/12 sogar 22,1 Prozent.

Die CDU-Opposition zieht aus den Daten die Konsequenz, dass die Sprachförderung früher ansetzen muss. „Wir fordern, die Sprachstandserhebungen und die Sprachförderung um ein Jahr vorzuziehen, also schon bei den Dreieinhalbjährigen zu beginnen“, sagt CDU-Politiker de Vries. Die Beherrschung der deutschen Sprache sei unerlässliche Voraussetzung für den Bildungserfolg jedes Kindes.

Der Christdemokrat fordert den SPD-geführten Senat außerdem auf, größere Anstrengungen zu unternehmen, damit Kinder aus Migrantenfamilien früher Kindertagesstätten besuchen. De Vries verweist auf eine Studie des Berliner Senats, nach der Kinder mit Migrationshintergrund leichter Deutsch lernen, wenn sie nicht nur zu Hause erzogen werden. In Hamburg besucht nur jedes fünfte Kind aus einer Migrantenfamilie bereits die Krippe und ist insgesamt länger als 35 Monate in der Kita.

Bei den deutschen Muttersprachlern liegt der Anteil der Krippenkinder bei 35,1 Prozent. „Die Betreuungskosten sind für Eltern kein ausschlaggebender Grund, ihr Kleinkind nicht schon in eine Kita zu geben“, sagte de Vries. Nach einer Untersuchung des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration benennen aus dem Ausland zugewanderte Eltern vor allem die von ihnen als schlecht wahrgenommene Qualität der Betreuung als Hürde.

Schulsenator Ties Rabe (SPD) hatte sich mehrfach besorgt über die in den vergangenen Jahren leicht gestiegene Quote der viereinhalbjährigen Kinder mit ausgeprägtem Sprachförderbedarf gezeigt. Nach Angaben der Schulbehörde beteiligt sich Hamburg im Rahmen der Kultusministerkonferenz an einem bundesweiten Forschungsprojekt.

„Die unterschiedlichen Sprachfördermodelle in allen Bundesländern sollen über mehrere Jahre wissenschaftlich untersucht werden, um festzustellen, welche Maßnahmen wirklich wirken und wie“, sagt Behördensprecher Peter Albrecht. Derzeit würden die Modellstandorte ausgewählt. „Bevor die Ergebnisse nicht vorliegen, wird es in Hamburg kein neues Sprachförderkonzept geben“, betont Albrecht.