Online-Kriminalität

Neue LKA-Einheit spezialisiert sich auf Internetverbrecher

Ermittler aus den Bereichen Betrug, Kinderpornografie und der forensischen IT sollen künftig zentral in einer Dienststelle arbeiten und verstärkt die Online-Kriminalität bekämpfen.

Hamburg. Die Polizei will verstärkt im Internet auf Verbrecherjagd gehen und baut dafür den Fachbereich Cybercrime (deutsch: Online-Kriminalität) noch in diesem Jahr massiv aus. Hintergrund: Mittlerweile wird in Hamburg jede zweite einfache Betrugstat im Internet begangen, Tendenz stark steigend. In den kommenden Wochen werden Mitarbeiter aus verschiedenen Dienststellen gemeinsam unter einem Dach zusammenarbeiten. Die seit dem Jahr 2010 bestehende Dienststelle Cybercrime im Landeskriminalamt (LKA) wird personell auf 19 Fahnder nahezu verdoppelt. Künftig werden jene Beamte mit Spezialisten in Betrugsfällen, IT-Forensikern (Computerspezialisten) und Fahndern im Bereich der Kinderpornografie zusammenarbeiten.

„Um der Komplexität des Bereichs Cybercrime Herr zu werden, bündeln wir die erforderlichen Kräfte“, sagt Polizeipräsident Wolfgang Kopitzsch. „Und gleichzeitig verstärken wir den Bereich, um der rasanten Entwicklung begegnen zu können.“

Der Begriff Cybercrime klingt zunächst abstrakt. Zwar steckt auch der Angriff von Hackern dahinter, doch das Gros der Täter hat keine derart ausgeprägten Fähigkeiten. Es benutzt lediglich das Internet als Tatmittel. „Wer vor zehn Jahren einen Teppich an der Haustür gekauft hat, der wird heute Betrugsopfer im Internet“, sagt Wolfgang Kopitzsch. Wer etwa eine Kamera bei Ebay kauft, aber nicht geliefert bekommt, ist eines der typischen Cybercrime-Opfer. Bereits die Hälfte aller Betrugsstraftaten wird mithilfe des Internets begangen. Im vergangenen Jahr zählte die Polizei mehr als 31.000 Betrugsfälle mit einem Schaden von gut 5,1 Millionen Euro.

Die Polizei verspricht sich von der engen Verzahnung effektivere Kommunikationsstrukturen und bessere Analysearbeiten. Koptizsch: „Die Dienststelle Cybercrime, die herausgehobene Straftaten in diesem Bereich bearbeitet, ergänzen wir deliktisch, in dem wir den kompletten Bereich des Betrugs hinzufügen.“ Bislang werden Betrugsstraftaten an den 24 Polizeikommissariaten und dort in den sogenannten Kriminalermittlungsdiensten unabhängig voneinander abgearbeitet. Nun werden sie im Landeskriminalamt zentral bearbeitet. „Wir haben festgestellt, dass sich einzelne Ermittler in den Kriminalermittlungsdiensten von dem Phänomen sehr herausgefordert fühlten“, sagt Bernd Schulz-Eckhardt, stellvertretender Leiter des LKA. Anders ausgedrückt: Den Ermittlern fehlte das Know-how, um diese Taten aufklären zu können.

Der Anstieg der Fallzahlen sei in den vergangenen Jahren rasant gewesen. „Der einzelne Ermittler braucht also künftig nicht nur Kenntnisse im Betrugssachverhalt, sondern auch technisches Verständnis. Er muss kein Experte sein, aber er muss wissen, wie er etwa an eine IP-Adresse kommt. Man muss sich heute mit anderen Dingen beschäftigen als früher.“ Um den neuen Anforderungen gerecht zu werden, soll die Mannschaft des LKA 54 um acht auf dann 19 Angestellte und Beamte anwachsen.

Die klassische Art des Betruges habe sich in der Durchführung deutlich geändert. „Wir haben es mittlerweile überwiegend mit tatortlosen Delikten zu tun“, sagt Schulz-Eckhardt. So sitzt der Täter, auf den ein Hamburger Opfer hereinfällt, nicht zwangsläufig auch in der Hansestadt, sondern irgendwo in Deutschland oder anderswo in Europa. Deswegen soll der Fachbereich Cybercrime durch das LKA 39, die forensische IT, ergänzt werden. Diese Abteilung sichert elektronische Daten und macht gelöschte Daten wieder sichtbar. Die Polizeiführung hat bereits eine Ausnahme von aktuellen Besetzungssperren erreicht: Vier zusätzliche Techniker und Ingenieure sollen noch 2013 angestellt werden.

Eingebunden in die neue Internetoffensive wird ein Bereich, der jeher ein klassischer der Internetkriminalität ist: Kinderpornografie. Bei der Verfolgung dieser Straftat geht es im Wesentlichen um die Frage, wo die Server stehen und wo die Bilder hochgeladen werden. An die eigentlichen Kinderschänder kommen Hamburger Ermittler ohnehin nicht heran, da die sich in der Regel im Ausland befinden. Viel erfolgreicher erscheint ihnen da die Verfolgung des Vertriebsweges der Kinderschänderringe. Und gehandelt werden Kinderpornos fast ausschließlich im Internet. „Für uns steht daher der Vertrieb im Vordergrund“, so Schulz-Eckhardt. „Dort sitzen die Täter, derer wir habhaft werden können. Über die Internetermittlung bekommen wir die Käufer und Verkäufer.“ Noch vor dem Abschluss der Umstrukturierung innerhalb der Hamburger Polizei in diesem Bereich ist klar, dass die Bekämpfung von Cybercrime mindestens eine nationale Aufgabe ist. „Es stellt sich die Frage, wie lange man das noch auf Länderebene bearbeiten kann“, sagt Polizeipräsident Kopitzsch. Mittlerweile ist die bessere Vernetzung auch Thema auf Treffen der deutschen Polizeipräsidenten. Es heißt, dass Innensenator Michael Neumann (SPD) das Thema mindestens auch auf norddeutscher Ebene bewegen will.