Kulturförderung in Hamburg

Der Unbekannte mit den 100-Euro-Scheinen

Hamburgs „Kunstbeutelträger“: In der Hamburger Kunstszene wird das unkonventionelle Vorhaben neue Wege in der Kunstförderung zu gehen, nahezu durchweg positiv gesehen.

Hamburg. „Unbedingt begrüßenswert“, „den Versuch wert“, „eine Idee, die gefällt“: In der Hamburger Kunstszene wird das unkonventionelle Vorhaben der Kulturbehörde, mit einem anonymen „Kunstbeutelträger“ neue Wege in der Kunstförderung zu gehen, nahezu durchweg positiv gesehen. Wie berichtet, soll ab sofort ein unbekannter Kurator eine Gesamtfördersumme von 40.000 Euro an Hamburger Künstler und Projekte verteilen. Dabei können im Höchstfall 10.000 Euro an ein Projekt gehen. Es können sich also viele Künstler Hoffnungen machen, eine Finanzspritze zu bekommen – nur beeinflussen können sie die Wahl nicht.

Auch András Siebold, der Leiter des Internationalen Sommerfestivals auf Kampnagel, begrüßt die Initiative, die eine Pioniertat ist, die gewohnten Vergabeverfahren infrage stellt und ganz auf den Inkognito-Charakter setzt. „40.000 Euro sind ein Tropfen auf den heißen Stein“, sagte Siebold dem Hamburger Abendblatt. „Aber manchmal entscheiden 2000 Euro darüber, ob etwas stattfindet. Wenn damit etwas ermöglicht wird, das es sonst nicht gäbe, ist es ein Gewinn. Ob mit viel oder wenig Geld.“

Entscheidend für das Projekt ist die Experimentierlust der Kulturbehörde. Senatorin Barbara Kisseler (parteilos) unterstreicht die Unabhängigkeit des „Kunstbeutelträgers“. „Einzige Voraussetzung ist, dass er sich in der Kunstszene gut auskennt und dass er die Gründe für seine Entscheidung darlegt. Durch diese Art der Förderung der freien Kunst erhoffen wir uns eine Diskussion in der Kunstszene, die langfristig neue Impulse für die Kunst in Hamburg gibt.“

Wird der große Unbekannte mit den Geldscheinen in der gut vernetzten Hamburger Kunstszene erkannt, soll er umgehend durch einen neuen „Kunstbeutelträger“ ersetzt werden. Über Hans Heinrich Bethge, den Amtsleiter der Kulturbehörde und den Einzigen, der die Identität des Anonymus kennt, konnte das Abendblatt mit diesem Kontakt aufnehmen. Er werde sich in erster Linie Ausstellungen ansehen, sagte der Unbekannte, „große und kleinere. Natürlich werde ich auch Projekträume besuchen, von denen es in Hamburg zum Glück eine ganze Menge gibt.“

Für Projekte der bildenden Kunst stehen in Hamburg pro Jahr knapp 600.000 Euro zur Verfügung, über deren Vergabe die von der Kulturbehörde bestellten Experten-Jurys entscheiden. Die 40.000 Euro für das Projekt hatte die Kulturbehörde zusätzlich im Haushalt der Freien und Hansestadt eingeworben. Sollte die Aktion fortgesetzt werden, müsste erneut über die Finanzierung entschieden werden.

Die Galeristin Nora Sdun gehört ebenfalls zu der Gruppe von Kreativen, die das ungewöhnliche Projekt zusammen mit der Behörde initiiert hat. Sie sagt: „Es geht uns um eine unbürokratische Ausschüttung. Wegen der Anonymität können nun Projekte gefördert werden, die keinerlei Marktschreierei benötigen.“

„Es ist ein Spiel, ein Förderkunstprojekt“, sagt Nana Petzet vom Komitee des „Kunstbeutels“. „Die Idee ist, was wäre, wenn man alles anders macht, ein Verfahren ohne Antrag und ohne Abrechnung. Wir mochten die Idee, da könnte ja einer einfach mal mit dem Koffer rumgehen und Geld verteilen.“