Villenstraße

Der Krimi an der Hamburger Elbchaussee

Die Elbchaussee ist die prächtigste Villenstraße des Landes – noch. Denn Spekulanten und Leerstände drohen ihr Gesicht zu entstellen. Um eines der Denkmäler ist nun Streit entbrannt.

Hamburg. Das Drama hat eine Hausnummer: Die Nummer 239. Es spielt in der Elbchaussee, Hamburgs spektakulärster Straße. Es handelt von großer Baukultur, reichen Besitzern und vom Verfall. Vom Verfall eines der letzten Baudenkmäler großbürgerlicher Villenarchitektur der vorletzten Jahrhundertwende.

1905 hatte der Carlos de Freitas sein auffälliges Einfamilienhaus in Klein Flottbek errichten lassen. Der Kaufmann und Reeder setzte auf die bekannten Hamburger Architekten Werner Lundt & Georg Kallmorgen. Das Büro, in dem der spätere Stararchitekt Fritz Höger lernte, entwarf unter anderem das Hanseatische Oberlandesgericht, die Villa für Albert Ballin an der Feldbrunnenstraße oder das alte Thalia Theater. An der Elbchaussee errichteten Lundt und Kallmorgen eine Villa, die Elbwanderer, Passanten und Denkmalschützer gleichermaßen ins Schwärmen bringt. Sie loben den „äußerst schmuckreichen, repräsentativen Wohnsitz in neobarocken Architekturformen“. Das Gebäude an der Südostgrenze von Klein Flottbek, bescheinigen die Sachverständigen Agnes Seemann und Jens Beck, ist von „großem architekturhistorischen Interesse“. Das prächtige, repräsentative Wohnhaus veranschauliche die Aneignung der Elbchaussee durch die Oberschicht, die das repräsentative Wohnhaus im Grünen mit guter Adresse zu schätzen wusste. Ihr Resümee: „Eine Erhaltung des Ensembles Elbchaussee 239... ist deshalb sowohl aus stadt- und architekturhistorischen Gründen als auch wegen der Bedeutung für die charakteristischen Eigenheiten des Stadtbildes im öffentlichen Interesse.“ Am 26. April 2011 nimmt die Behörde für Kultur und Medien das Gebäude unter Nummer 1868 in die Denkmalliste auf. Es klingt wie ein Happy End, doch die Geschichte fängt leider erst an.

Denn das Denkmal an der Elbchaussee steht seit dieser Zeit leer. 2011 hatte eine Erbengemeinschaft das Haus an einen Investor verkauft. Mit jedem Tag Leerstand rückt das Ende des Gebäudes näher. Was der Denkmalschutz eigentlich verhindern soll, erledigen Regen, Hitze und Frost. „Wenn Feuchtigkeit in die Häuser dringt, können sich rasch Pilze im Mauerwerk ausbreiten“, sagt Holger Reiners, Architekturdozent in Othmarschen. Gerade ältere Bauten seien wenig dagegen geschützt; verbautes Stroh faule schnell, in kalten Winternächten könnten Wasserleitungen kaputtfrieren. Dieser Prozess beschleunige sich, wenn das Haus durch Schäden in Dach oder Scheiben schutzlos der Witterung ausgeliefert sei. Die Elbchaussee 239 ist seit Langem dem Verfall anheim gegeben. Anwohner erzählen von Jugendlichen, die auf dem Grundstück und im Haus gefeiert hätten; Unbekannte haben Scheiben eingeschlagen und im Haus randaliert – offenbar Jugendliche. Die Tür sei aufgebrochen, überall lägen Schutt und zerbrochenes Glas herum, ein alter Kachelofen sei zerstört, Fenster und Balkontüren stünden offen. Und einige an der Elbchaussee mutmaßen, der Bauzaun sei nicht zur Abschreckung ungeladener Gäste aufgestellt worden, sondern als Einladung: Dieses Haus ist unbewohnt.

Seit Monaten empört sich der Othmarscher Veit Golinski über den Verfall an der Elbchaussee 239. „Wir waren Anfang September 2012, am letzten schönen Sommerwochenende mit der Familie an der Elbe“, erinnert er sich. „Unten vom Strand, über dem das Haus thront, bemerkten wir die eingeschlagenen Fensterscheiben.“ Einen Tag später setzte er das Denkmalschutzamt in Kenntnis. Er schaltete den Bürgerverein Othmarschen-Flottbek und den Hamburger Architekturdozenten Holger Reiners ein. Letzterer ärgert sich schon lange über den Verfall der Villa: „Nur Liebhaber trauen sich an solche Immobilien heran – oder Spekulanten.“

In der Behörde für Kultur und Medien, für den Denkmalschutz verantwortlich, gibt man sich zurückhaltender: „Bei uns sind im Oktober mehrere Anzeigen von besorgten Anwohnern zum laufenden Verfall des Gebäudes eingegangen, deren Inhalt wir nach einer persönlichen Überprüfung bestätigt fanden“, sagt Kristina Sassenscheidt von der Behörde. „Ende Oktober 2012 wurde der Eigentümer telefonisch darum gebeten, unverzüglich Sicherungsmaßnahmen an dem Gebäude Elbchaussee 239 zu veranlassen, dann noch einmal per E-Mail und Anfang November noch einmal per rechtsgültigem Bescheid. Daraufhin wurden von dem Eigentümer die notwendigen Sicherungsmaßnahmen vorgenommen.“ Erst in der vergangenen Woche hat das Denkmalschutzamt eine weitere Sicherungsverfügung erlassen, um das Gebäude vor dem Verfall zu schützen. Bis Anfang Juli müssten die Öffnungen gesichert und ein Regenrohr abgeleitet werden. Selbst Oberbaudirektor Jörn Walter hat den Besitzer auf die untragbare Situation hingewiesen. „Die Villa an der Elbchaussee ist ein bedeutender Jahrhundertwendebau, der in seiner Lage und herrschaftlichen weißen Anmutung den Elbhang maßgeblich mitprägt“, sagte er dem Abendblatt. „Abbruch und Neubau kommen auf diesem Grundstück nicht infrage, weil das Haus unter Denkmalschutz steht.“

Der Eigner ist in der Immobilienszene kein Unbekannter. Der Hamburger Investor Harm Müller-Spreer hat das Gebäude vor gut zwei Jahren von einer Erbengemeinschaft gekauft. Passiert ist seitdem erschreckend wenig. Nach seinen Worten wird das Haus an der Elbchaussee 239 jetzt instand gesetzt. Es habe bereits Bauvorbesprechungen gegeben. Mit Arbeiten für eine Tiefgarage sei begonnen worden.

Als nächstes kämen Arbeiten am Fundament und die Sanierung der Fassade. Dabei bleibe die ursprüngliche Fassade des Gebäudes erhalten. Es werde am Ende ein wunderschön renoviertes Haus sein, sagte Müller-Spreer und fügte hinzu: Das Gebäude werde „denkmalgerecht“ renoviert und soll dann als Einfamilienhaus genutzt werden. Mit dem Amt für Denkmalschutz sei die Renovierung besprochen. An diese Absprachen werde er sich halten.

Tatsächlich bearbeitete ein Hamburger Architekturbüro in Kooperation mit David Chipperfield Architects die Ausführungsplanung. Doch die Meldung im Internet stammt vom März 2012, die Fertigstellung war für Mitte 2013 geplant. Bis jetzt So ist von der Straße nichts von Bauarbeiten zu erkennen. „Den Nachbarn gegenüber hat er mehrfach gesagt, er wolle anfangen“, sagt Reiners. Passiert indes sei nichts, außer dem Bau einer Spundwand. „Wenn man einen Oldtimer kauft, lässt man den auch nicht im Garten stehen.“ Reiners, dessen Stiftung zur Förderung von Architektur und Wissenschaft jüngst einen Wettbewerb zum Thema „Das Landhaus“ ausgelobt hat, ist fassungslos. „Das stinkt zum Himmel.“

Harm Müller-Spreer schätzt man in Hamburg vor allem als passionierten Segler. Das Mitglied des NRV gilt als erfolgreicher Regatta-Segler, mehrere Wochen im Jahr ist er auf den Weltmeeren unterwegs. Vor fünf Jahren versammelte er die besten Segler des Landes als „Team Germany“ auf seiner Yacht Platoon. Der Kapitänssohn hat sich alles selbst erarbeitet. Mit 17 zog er mit 100 Mark von zu Hause aus; heute gehört ihm ein Millionenimperium.

Erfolg macht Neider – aber Müller-Spreer hat sich seine Gegner erarbeitet. In Berlin empören sich viele über ihn, der zu den größten Immobilieninvestoren der Stadt zählt. Am Spreebogen errichtete Müller-Spreer ein – wie die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ lästerte – „Gebäude von überwältigender Hässlichkeit“. Das Grundstück beschäftigte sogar schon einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss: 2000 verkaufte das Land Berlin dem Hamburger Investor das Baugrundstück in Mitte für 17,2 Millionen Euro. Dummerweise aber gehörte das 20.000 Quadratmeter große Grundstück nicht allein dem Land, 45 Quadratmeter lagen im Besitz der Deutschen Bahn; auch lastenfrei war der Grund nicht. Müller-Spreer ließ seine Anwälte auffahren und erhielt 8,7 Millionen Euro von Berlin zurück; zudem durfte er höher bauen, als ursprünglich erlaubt, der Senat erließ die Grunderwerbssteuer und Müller-Spreer durfte einen eigenen Architekten mit neuen Bauplänen beauftragen. Das tumbe Berlin hier, der clevere Hanseat dort. So kann man es sehen; nicht wenige in Berlin aber sagen, dass Müller-Spreer mit knallharten Forderungen und Drohungen nach Schadenersatz seine Geschäfte befördert. Der Rechnungshof Berlin wundert sich in einem Bericht bis heute: Es sei „nicht nachvollziehbar, warum das Land dem Investor im Ergebnis der Vertragsverhandlungen 5863 zusätzliche Quadratmeter zugestanden hat“. Noch weiter geht die Anti-Korruptionsvereinigung Transparency: Bei dem Verkauf und der Bebauung des Grundstücks an der Friedrichstraße wirft sie Senat und Verwaltung „Inkompetenz und Verantwortungslosigkeit bis hin zur Korruption“ vor. „Der Investor hat verdient, zahlen muss der Steuerzahler“, lautet das Fazit von Transparency. Immerhin vermietet sich das „markerschütternde Hässling von Neubau“ gut. Berlin macht weiter Geschäfte mit Müller-Spreer: Auch der Tränenpalast ging an den Hamburger. Der ehemalige Grenzübergang soll nur 915.000 Euro gekostet haben – vermietet wird er nun für 240.000 Euro im Jahr. Der Bund mietet für 20 Jahre. Die „Berliner Zeitung“ sprach von „einem grandiosen Geschenk der Stadt an einen Immobilien-Millionär“. Dabei hatte der frühere Senatsbaudirektor Stimmann schon 2001 vermerkt: „Wir haben es hier mit einem Spekulanten schlimmster Art zu tun.“ In Hamburg sieht man das offenbar anders. Erst im vergangenen Jahr gaben die Finanzbehörde und die Kommission für Bodenordnung Müller-Spreer das Filetgrundstück an der Moorweide für einen Bürobau. Hier entsteht nun ein 10.000 Quadratmeter-Bürokomplex für den Softwarekonzern SAP. Der Hamburger Hotelier Eugen Block, der an gleicher Stelle Wohnungen bauen und den zukünftigen Mietern auf Wunsch auch den Service seines benachbarten Hotels „Grand Elysée“ bieten wollte, zog den Kürzeren. Mitentscheidend war offenbar auch, dass SAP zuvor mit dem Wegzug aus Hamburg gedroht hatte. Müller-Spreer versteht sich mit SAP hingegen sehr gut: In Berlin baute er schon zuvor die Niederlassung für die Softwarefirma. Das Geheimnis seines Erfolges ist sein Blick für besondere Orte. So hat ihn sein Gespür auch in Hamburg nicht getrogen. Das Flurstück 316 der Gemarkung Klein Flottbek ist eines der Filetgrundstücke der Stadt: Großzügig, idyllisch auf dem Geestrücken, spektakulärer Elbblick. Immobilienkenner sagen, hier ließen sich millionenschwere Eigentumswohnungen bestens vermarkten. Schon ohne Elbblick gibt es in Othmarschen keine Luxuswohnung mehr im sechsstelligen Bereich.

Müller-Spreer ist ein Macher, der seine Geschäfte vom Segeln her definiert. „Sich nicht passiv durchs Leben treiben lassen“, lautet eines seiner Mottos, oder: „Es geht darum, der Konkurrenz Deine Taktik aufzuzwingen.“ Auch auf Häuser hat er einen ungewöhnlichen Blick. „Häuser gibt es genug“, sagte er einmal dem „Tagesspiegel“. „Wir brauchen keine Häuser mehr.“ Man müsse stattdessen den Zeitgeist treffen, „die Leute emotional packen“.

Die Elbchaussee 239 hat viele emotional gepackt. Etwa Veit Golinski, der einen Wunsch hat: „Herr Müller-Spreer könnte sich ja sagen, ich habe mit Immobilien schon so viel Geld verdient, da stecke ich einen zu verschmerzenden Teil in den Erhalt dieses einzigartigen Gebäudes. Und tue als Kapitänssohn meiner Heimatstadt noch etwas Gutes, indem ich diese von einem Reeder erbaute Perle an der Elbe rette und zu neuem Leben erwecke.“