Prachtstraße

Verliert die Elbchaussee ihr Gesicht?

Anwohner, Architekten und der erste Politiker sorgen sich um Hamburgs beste Adresse. Hier entstehen immer mehr gleichförmige Neubauten. Auffallend viele Gebäude stehen leer, Grundstücke verwahrlosen.

Hamburg. Verkommt die berühmte Elbchaussee zu einer langen, aber langweiligen Straße in bevorzugter Lage, wie es sie auch andernorts gibt? Verliert der historisch gewachsene Boulevard zwischen Ottensen und Blankenese seinen typischen, großbürgerlichen Charakter? Hält Neubau um Neubau Einheitsarchitektur mit luxuriösen, aber gesichtslosen Fassaden Einzug? Kurz: Geht Hamburgs beste Adresse den Bach herunter?

Eine Reihe namhafter Hanseaten macht sich Sorgen um Hamburgs renommierteste Chaussee. Sie stehen stellvertretend für weitere Architekten, Stadtplaner, Denkmalpfleger, Politiker und Anwohner, die Klage erheben - nicht im juristischen Sinne, sondern Stil, Kultur und Würde der Elbchaussee betreffend. Immer weniger Reeder, Bankiers und Kaufleute ziehen hin.

Stattdessen, so die Befürchtung, schlagen verstärkt weniger auf Note denn auf Rendite bedachte Immobilienentwickler zu. Sie lassen komfortable Eigentumswohnungen, Maisonettes oder Penthäuser errichten, die an bestens betuchte Singles oder Doppelverdiener verkauft werden. Die Zahl der Familien mit Kindern, das steht fest, nimmt konstant ab. Gemeinsames Ziel der Kritiker mit ihren unterschiedlichen Meinungen ist es, Bewusstsein zu schärfen und Diskussionen anzustoßen. Bevor es zu spät ist.

"Die Elbchaussee ist auf schlechtem Weg, gesichtslos zu werden", klagt Holger Reiners. "Immer öfter fehlt der Mut, gut und schön zu bauen." Ursachen seien ein geringes Verantwortungsgefühl der Investoren, denen der traditionsreiche Standort weniger wichtig sei als der Profit, aber auch ein Mangel an Engagement und Kompetenz der Bauprüfabteilungen in den Behörden. Reiners leitet die nach ihm benannte Stiftung zur Förderung von Architektur und Wissenschaft, doziert an Universitäten über Architektur und ist Autor mehrerer Bücher zum Thema.

Zustimmung erhält er vom Architekten und Denkmalpfleger Alk Arwed Friedrichsen: "Ich bin gegen eine generelle Architekturschelte, oft jedoch fehlt der Wille, den Stil der Elbchaussee zu wahren und weiterhin zu prägen." Historische Bausubstanz müsse erhalten werden, und neue Projekte müssten den Charakter weiterführen. Friedrichsen machte sich durch den Umbau der ehemaligen Oberpostdirektion am Stephansplatz, der Alten Post in der Innenstadt ebenso einen Namen wie durch die Restaurierung der Nienstedtener Kirche. Der Architekturhistoriker und -kritiker Professor Gert Kähler verweist auf die Geschichte der Elbchaussee. Sie war eine private Gründung: 1820 schlossen sich die Eigentümer der Villen und Gärten am Elbufer zusammen, um eine befestigte Straße als Verbindung entlang des Flusses zu schaffen. Um die Anwohner vor zu viel Verkehr und Lärm zu schützen, wurde die Straße von 1923 bis zum Zweiten Weltkrieg von 15 Uhr an gesperrt. Zuvor hieß ein Teil noch Flottbeker Chaussee; erst nach Kriegsende wurde einheitlich die Bezeichnung Elbchaussee eingeführt.

Auch Kähler wehrt sich dagegen, "Architekten an den Pranger zu stellen", erkennt allerdings insgesamt "eine deutliche Entwicklung zum Schlechteren". Grund der Probleme: "Die großen Grundstücke und großen Häuser sind heutzutage nicht mehr zu bewirtschaften." Folge seien eine Parzellierung der Grundstücke und Zerteilung der Häuser in Eigentumswohnungen. Konsequenz dieser Entwicklung seiner Meinung nach: "Durch die Kommerzialisierung ergibt sich der Versuch manches Projektentwicklers, finanziell möglichst viel herauszuholen."

Sorgen macht sich auch Veit Golinski. Dem Musiker und Anwohner aus Othmarschen geht es "um Stil und Schönheit der Elbchaussee", die ein Stück hanseatischer Kultur widerspiegele - einst geschaffen von Reedern und Kaufleuten. Letztlich nähme Hamburg Schaden, wenn diese einstmals und auch heute noch in Teilen prachtvolle Straße durch "Einheitsarchitektur" konturlos werde. "Auch Häuser haben eine Seele", sagt Golinski. "Immer öfter werden sündhaft teure, aber öde Gebäude geschaffen."

Auch andere Nachbarn beklagen "Klötzchen-Architektur" und Immobilienentwickler, denen es um alles, nicht jedoch um die Würde der Chaussee gehe. Oft, so wird berichtet, würden die Eigentumswohnungen nur zeitweise genutzt. Diese Entwicklung würde zwar Sicherheitsdiensten, Gärtnern, Hausmeistern und Concierges lukrative Aufträge sichern, aber nicht zum Leben vor Ort beitragen.

Tatsächlich bestätigt ein Spaziergang entlang der berühmten, 8,6 Kilometer langen Straße mit rund 500 Adressen die Beobachtung vieler Anwohner. Im Volksmund wird die Lage direkt am Ufer "Butterseite", die gegenüber "Margarinenseite" genannt. Zwar überwiegt nach wie vor gutbürgerliche, wohlhabende Note mit Herrenhäusern und palastähnlichen Villen, dennoch ist unübersehbar: Etliche Häuser stehen leer und rotten teilweise vor sich hin. Warten hier Investoren auf den kompletten Niedergang der Bausubstanz, um eine behördliche Abrissgenehmigung zu erhalten? Können sich Erbengemeinschaften nicht einigen? Oder gibt es für teilweise horrende Preisforderungen keinen Abnehmer? In mehreren Fällen liefen oder laufen behördliche Ordnungswidrigkeitsverfahren wegen Leerstandes.

Im Laufe der letzten Jahre ist eine Menge Neues entstanden. Oft mit einer harmonisch in die Umgebung passenden Architektur, aber immer öfter auch ohne Rücksicht auf das historisch gewachsene Fundament der Chaussee. Nach Auffassung der Befragten steht das Ensemble an der Elbchaussee/Ecke Liebermannstraße für eine architektonische Schande ohne Gefühl für Geschichte. Die Miet- und Eigentumswohnungen in den gleich aussehenden Gebäudewürfeln sind teuer. Weil die Lage stimmt. Der Elbe sei Dank.

Der CDU-Politiker Sven Hielscher, stellvertretender Fraktionsvorsitzender in der Bezirksversammlung Altona, betrachtet die Lage als Anwohner der Elbchaussee und hauptberuflicher Wohnungswirt. Er plädiert für Baufreiheit, mahnt aber auch: "Es gibt viele gute Beispiele gelungener Neubauten, allerdings prägen die schlechten Beispiele das Gesamtbild." Letztere müssten zukünftig verhindert werden. Ein Weg dahin seien die schon geltenden Erhaltungsverordnungen, die den Charakter der Elbchaussee wahren sollen. Immerhin stehen jetzt fast 100 Häuser unter Denkmalschutz.

Lesen Sie morgen: Was Oberbaudirektor Jörn Walter und das zuständige Bezirksamt Altona zu den Sorgen und Vorwürfen sagen