Die Stadtteilserie

Steinwerder – Mittendrin und dennoch weit weg

| Lesedauer: 7 Minuten
Olaf Preuß

Steinwerder bietet den anderen Blick auf Hamburg. Vor allem Touristen bestaunen von dieser Elbinsel aus das Panorama des Hafenrandes.

Steinwerder bietet den anderen Blick auf Hamburg, die Draufsicht, vis-à-vis der Hansestadt. Leider kann das im Alltag kaum ein Städter genießen, denn auf Steinwerder leben nur eine Handvoll Hamburger. Vor allem Touristen bestaunen Jahr für Jahr das Panorama des Hafenrandes, von gegenüber, beim Musicaltheater des "Königs der Löwen", am steinernen Strand der Elbinsel Steinwerder.

In diesem Stadtteil wird viel gearbeitet. Er ist die Herzkammer des Hafens, und damit im Grunde der ganzen Stadt. Doch kaum ein Hamburger dürfte Steinwerder kennen, und ein Auswärtiger schon gar nicht. Jährlich fahren viele Tausend Menschen von außerhalb durch Steinwerder. Aber die sitzen zumeist am Steuer eines Sattelschleppers und steuern mit ihrer Ladung ein Terminal im Hafen an. Steinwerder fasziniert in seiner industriellen Pracht und Hässlichkeit. Kaum einer jedoch, der hier unterwegs ist, hält freiwillig an. Denn der Hafen ist eine Maschine, die immer in Bewegung sein muss.

Weltmeister im Schiffbau

Geschichte, Gegenwart und Zukunft der Hamburger Wirtschaft liegen auf Steinwerder so eng zusammen wie nirgends sonst. Im 19. Jahrhundert wurde hier der Aufstieg der Hansestadt zu einem Welthafen organisiert. Kern dessen war nicht nur der Handel, sondern auch der Schiffbau. Blohm + Voss, gegründet im Jahr 1877, wuchs während der stürmischen - und marinelastigen - Jugendjahre des Deutschen Reiches zur größten Werft der Welt, und es war nicht die einzige in Hamburg. Große Teile von Steinwerder dienten damals dem Schiffbau. Die Hansestadt war dessen wichtigster Standort weltweit, zumindest von der Jahrhundertwende bis zum Ende des Ersten Weltkriegs 1918.

Blohm + Voss gibt es noch heute, doch viel bescheidener als früher und auf Steinwerder mittlerweile fast allein. Die anderen großen Werften Stülcken, Schlieker und Howaldtswerke verschwanden. Einige kleinere blieben, die Norderwerft am Reiherstieg, die Frachtschiffe repariert, oder die Flint-Werft gleich daneben, eine Werkstatt für Hafenbarkassen. Auf beiden Werften dreht das Fernsehen gern Filme, denn die Zeit blieb hier schon vor Jahrzehnten scheinbar stehen.

Dabei ist im Hafen immer Wandel. An der Nordspitze von Steinwerder hat sich die Unterhaltungsbranche den Platz genommen, den Industrie und Logistik nicht mehr brauchen. Der "König der Löwen" ist mittlerweile der Klassiker der Hamburger Musicals, seit 2001 wird er gespielt. Transport und Lagerei aber bleiben das bestimmende Geschäft in diesem zentralen Teil der Stadt. Container und Schwergut werden auf den Terminals bewegt, Massengut, Schrott und gebrauchte Automobile. Eine Vielzahl von Waren und Rohstoffen steht in den Lagerhallen drum herum.

Da ist noch viel Musik drin

Die Gestalt der Elbinsel wurde immer wieder verändert, angepasst an die Bedürfnisse von Hafen und Schifffahrt. Zerklüftet und zerrissen wirkt Steinwerder beim Blick auf die Karte und auch vor Ort, mit seinen Brücken und Schleusen, Terminals und Kais, Straßen, Schienen und düsteren Unterführungen. Geht es nach den Plänen der Stadt, wächst dort allerdings bald zusammen, was zusammengehört. Eine Reihe von Terminals im Zentrum von Steinwerder soll in den kommenden Jahren eins werden durch die Aufschüttung von Hafenbecken zum neuen Central Terminal Steinwerder. Neue Flächen sollen dort entstehen für den Umschlag und die Bearbeitung von Gütern. Die Zukunft des Hafens erwächst aus dessen Mitte. Das können nur wenige Welthäfen von sich behaupten. Aber in Hamburg ist der Hafen eben immer auch die Stadt.

Steinwerder erscheint abgekämpft und müde an vielen seiner Ecken: das Kopfsteinpflaster des Reiherdamms, die Köhlbrandbrücke, die nur noch beim Blick aus der Ferne elegant wirkt, die alten Werften, denen die neuen Schiffe fehlen. Steinwerder aber bleibt ein Kraftzentrum des Hamburger Hafens. Auf den Terminals soll der Umschlag vor allem von Containern weiter kräftig wachsen. Und das Musicalgewerbe besitzt hier einen der begehrtesten Spielorte Deutschlands, der wohl noch mehr zeigen wird als den "König der Löwen". Blohm + Voss hat den Zenit seiner Historie zwar längst überschritten. Den Anspruch, Höhepunkte des Schiffbaus zu schaffen, gibt die Werft trotzdem nicht auf. Die bisher größte Privatyacht wurde hier gebaut, die "Eclipse" mit 162 Meter Länge, abgeliefert Ende 2010 an den russischen Milliardär Roman Abramowitsch. Die "Queen Mary 2" wird im Trockendock Elbe 17 regelmäßig überholt, und viele andere Kreuzfahrtschiffe auch. Vor allem dann ist Blohm + Voss der größte Schönheitssalon Hamburgs.

Eine Sensation der Ingenieurskunst

Für die meisten Hamburger bleibt Steinwerder weit weg, die Insel bildet den Horizont für Flaneure auf den Landungsbrücken. Dabei gibt es eine prominente Verbindung, den Alten Elbtunnel. Er war eine Sensation der Ingenieurskunst, als er im Jahr 1911 den Betrieb aufnahm. Heute ist er vor allem Denkmal, liebevoll restauriert zum 100. Jubiläum. Mancher, der im Hafen arbeitet, nimmt noch immer den Weg unter der Elbe entlang, von den Landungsbrücken nach Steinwerder und zurück, in den rumpelnden Fahrgastkörben hinunter und wieder hinauf. Doch die meisten fahren heutzutage außen herum.

Wo heute die HafenCity entsteht, war früher ebenfalls Hafen. Nun wachsen dort neue Quartiere für die Innenstadt, Glaspaläste und Shoppingmeilen, Museumsstege und Spazierwege. Die HafenCity ist modern und mondän. Es fühlt sich chic an, Teil des Hafens zu sein, obwohl Hafenleben dort fast gar nicht mehr geschieht, außer am Terminal für Kreuzfahrtschiffe.

"Reiherdamm schöner als Ballindamm"

Steinwerder wird wohl noch lange bleiben, was es heute ist, ein Motor des Hamburger Hafens, riechend und schwitzend, kraftvoll und mürbe zugleich. Die Schläge der Niethämmer, die früher bei Tag und bei Nacht von den Werften durch die Stadt dröhnten, sind längst verstummt. Wenn auch das Konzert von Steinwerder verklingen würde, das Brummen und Rauschen, das Saugen, Ziehen und Stöhnen eines immer laufenden Hafens, dann müsste sich Hamburg Sorgen machen.

Danach aber sieht es nicht aus. Auf Steinwerder sitzen viele der Unternehmen, die den Hafen im vergangenen Jahrhundert stark gemacht haben. Robert Eckelmann, Eigner und Chef des Hafendienstleisters Eckelmann-Gruppe, ist einer ihrer prominenten Vertreter. "Der Reiherdamm ist schöner als der Ballindamm", sagt Eckelmann. An der Straße hinter dem Alten Elbtunnel, der man ihre Jahre ansieht, sitzt Eckelmanns Zentrale. Der Satz ist seine Form von Steinwerder-Patriotismus und eine Liebeserklärung an einen Stadtteil, der zwar nur wenige Hamburger hat, aber viel mehr Hamburg als die meisten anderen Ecken dieser Stadt.

In der nächsten Folge am 22.9.: Veddel

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