Dossier: Rettung vor der Pleite?

HSH Nordbank - langer Aufstieg, jäher Absturz

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Briefkastenfirmen in Steueroasen auf den Cayman Islands, den Bermudas oder den exotischen Marshall-Inseln haben das norddeutsche Geldinstitut diese Woche wieder in die Schlagzeilen gebracht. Abendblatt-Reporter haben den Weg der HSH Nordbank von der eher biederen Provinzbank zum Global Player nachgezeichnet.

An dieses Abendessen im Juli 2001 erinnert man sich in Londoner Finanzkreisen noch heute: Im Gourmet-Restaurant Petrus tafeln acht Mitarbeiter der englischen Bank Barclays. Einer von ihnen ist der Leiter des Kreditderivategeschäfts, ein gebürtiger Brite mit dem bemerkenswerten Namen Oka Hannibal Usi. Der Star-Banker, in seinem weltweit engen Fachkreis eine Berühmtheit, feiert mit seinem Team eine Reihe von erfolgreichen Geschäftsabschlüssen. Er hat unter anderem der Landesbank Schleswig-Holstein Pakete von sogenannten Collateralized Debt Obligations (CDO) verkauft, äußerst komplexe Kreditpapiere mit einer selbst für Experten kaum durchschaubaren Konstruktion.

Usi ist mit seinen Geschäften offensichtlich mehr als zufrieden. Zu dem opulenten Mahl, das er vom exzentrischen Spitzenkoch Gordon Ramsay auffahren lässt, trinkt man erlesene alte Weine, darunter ein Chateau Petrus des Jahrgangs 1947 zum Flaschenpreis von 12 300 Pfund, was zu der Zeit einem Wert von rund 16 800 Euro entspricht. Nach einigen weiteren Flaschen der Jahrgänge 1945 und 1946 beläuft sich am Ende des legendären Gelages die Rechnung für acht Personen auf 44 000 Pfund oder fast 60 000 Euro.

Noch im gleichen Monat trennt sich die Barclays Bank von Usi. In seinem Umfeld heißt es, er habe eine Abfindung von neun Millionen Dollar erhalten. Usi wird Hedge-Fonds-Manager in New York, einen Teil seines Teams nimmt er mit. Auch Martin Halblaub, Usis Verhandlungspartner auf der Seite der Kieler, ein smarter junger Banker, der trotz seiner erst 33 Jahre bereits Leiter der Londoner Niederlassung war, hat heute einen anderen Arbeitgeber. Wie Politiker sich eine Landesbank vorstellen, liegt auf der Hand: Sie fördert die regionale Wirtschaft, liefert verlässlich hohe Dividenden ab und vor allem gibt sie keinen Anlass zu negativen Schlagzeilen. Daran gemessen hat sich die HSH Nordbank in den vergangenen Monaten zu einem Albtraum für den Hamburger Senat und die Kieler Landesregierung entwickelt. Vordergründig ist daran die weltweite Finanzmarktkrise schuld. Und die Politiker, die die HSH-Geschäfte überwachen sollten, geben sich vorzugsweise ahnungslos: Man habe schließlich nicht voraussehen können, welche katastrophalen Auswirkungen die Krise haben würde.

Tatsächlich liegen die Wurzeln der aktuellen Probleme der HSH Nordbank - wie auch anderer Landesbanken - schon ein Jahrzehnt und länger zurück. In diesem Zeitraum hat es auch im Fall der HSH durchaus Warnzeichen gegeben, die den Senatoren und Ministern im Aufsichtsrat kaum entgangen sein können.

Für den zunehmenden Hang zu risikoreicheren Geschäften seit Mitte der 1990er-Jahre gab es mindestens zwei Gründe. So steigerte der damals einsetzende Aktienboom den Anspruch an hohe, schnelle Renditen. Eine wichtige Rolle spielte aber auch der sogenannte Eigenkapitalstreit: Den Brüsseler EU-Wettbewerbshütern war es ein Dorn im Auge, dass deutsche Landesbanken sich aufgrund ihrer speziellen Refinanzierungsmöglichkeiten günstiger Geld für ihre Geschäfte beschaffen konnten als private Banken. Denn die Landesbanken waren von den jeweiligen Landesregierungen mit Kapital versorgt worden und diese gaben sich mit einer vergleichsweise niedrigen Verzinsung zufrieden.

Wichtiger noch: Für Anleihen, über die sich die Landesbanken am Kapitalmarkt hohe Beträge besorgten, garantierte letztlich der Staat, sodass auch hierfür wegen der höchstmöglichen Sicherheit nur relativ niedrige Zinsen zu zahlen waren. Diese komfortable Situation sorgte bei den Landesbanken für einträgliche Geschäfte - mit der Folge, dass die privaten Konkurrenten im Jahr 1999 beim damaligen EU-Wettbewerbskommissar Mario Monti eine Klage einreichten.

Um die Jahrtausendwende musste damit jedem klar sein, dass Brüssel mit der Bevorzugung Schluss machen würde. Mitte 2001 wurde der Termin dafür festgelegt: Für alle Geschäfte, die nach dem 18. Juli 2005 geschlossen würden, sollten die staatlichen Garantien wegfallen.

Damit begann in den Landesbanken eine Phase hektischer Betriebsamkeit. Hatte bisher das Geschäftsmodell im Wesentlichen darin bestanden, ungewöhnlich billig eingekauftes Geld teurer weiterzuverleihen, musste man sich nun schnell etwas anderes einfallen lassen, sollten die Gewinne nicht versiegen. Doch das erwies sich als nicht so einfach. Nahegelegen hätte es, neue Zielgruppen wie kleinere Mittelständler und Privatkunden anzusprechen. Das aber kam nicht in Frage, weil man damit den Sparkassen, die Mitgesellschafter der Landesbanken sind, ins Gehege gekommen wäre.

In deren Kreis hatte die Hamburgische Landesbank (HLB) allerdings seit jeher eine Sonderstellung inne. Denn dieses 1938 gegründete Geldhaus war nie in ein Sparkassensystem integriert - die Haspa pochte stets auf Eigenständigkeit - und hatte folglich auch keine Sparkasse als Miteigentümer. Allerdings näherte man sich 1997 in einem ersten Schritt der Normalität an: In diesem Jahr kaufte die Landesbank Schleswig-Holstein (LB Kiel) der Stadt Hamburg einen Anteil von 49,5 Prozent an der HLB ab, womit die Sparkassen des nördlichen Nachbar-Bundeslandes wenigstens indirekt mit einstiegen.

Ein Jahr später wurde Alexander Stuhlmann Chef der HLB - und brachte sie gehörig auf Trab. So führte er noch im gleichen Jahr einen eigenen Unternehmensbereich für das Geschäft mit vermögenden Privatkunden ein, ebenfalls 1998 gründete man zwei Tochtergesellschaften auf der als Steuerparadies geltenden Kanalinsel Guernsey. Ohnehin trieb Stuhlmann das Auslandsgeschäft energisch voran - allein in den Jahren 1999 bis 2003 entstanden Niederlassungen und Repräsentanzen in Amsterdam, Hanoi, Helsinki, New York, Riga, Stockholm und Warschau. Damit wollte die HLB unter anderem neue internationale Kunden für Immobilien- und Flugzeugfinanzierungen gewinnen. Im Unterschied zu etlichen anderen Landesbanken hatte die HLB aber schon längst eine spezielle Stärke ausgeprägt: Sie gehörte zu den fünf weltweit bedeutendsten Schiffsfinanzierern.

Angesichts des steigenden Renditedrucks versuchten auch andere öffentlich-rechtliche Institute ihr Glück zunehmend im Ausland oder wurden bei der Vergabe von Großkrediten risikofreudiger. Als besonders gefährliches Terrain sollte sich eines der neuen Spielfelder der Landesbanken erweisen: das sogenannte Kreditersatzgeschäft, das neben den herkömmlichen Darlehen und Dienstleistungen der Landesbanken immer größere Bedeutung für deren Erträge erlangte. Durch Investitionen in teils neuartige Wertpapierarten wie die CDOs versuchte man die Rendite zu steigern. In diesen Finanzprodukten werden Hunderte verschiedenartiger Wertpapiere zusammengemixt - zum Beispiel Unternehmensanleihen renommierter Konzerne, aber womöglich auch US-Eigenheimhypotheken von Schuldnern mit extrem zweifelhafter Kreditwürdigkeit. Somit lässt sich das tatsächliche Risiko dieser Papiere kaum noch abschätzen. Die Dokumentation solcher CDOs kann mehr als tausend Seiten juristisch anspruchsvoller Texte umfassen. Investmentbanker, die solche Gebilde konstruieren, heißen in der Branche "Rocket Scientists", also Raketenforscher - eine Erinnerung an die Zeiten, als eine kleine Schar von illustren Physikgenies an den ersten, noch höchst unberechenbaren Raumflugkörpern bastelte. Berüchtigt sind diese CDOs nicht erst seit Beginn der aktuellen Finanzmarktkrise. Schon 2002 nannte sie Sir Howard Davies, damals Chef der britischen Börsenaufsicht FSA, den "Giftmüll des Finanzmarkts".

Im Dezember 2000 kaufte die LB Kiel von Barclays-Manager Usi derartige Papiere im Wert von 151 Millionen Dollar, die HLB investierte 420 Millionen Dollar. Doch Ende 2002 war das Investment nur noch gut die Hälfte wert. Weil daran nach Auffassung der Norddeutschen nicht nur eine Turbulenz am Markt, sondern auch ein Fehlverhalten von Barclays schuld war, verklagte man die Briten auf Schadenersatz. Diese ersten schlechten Erfahrungen mit den CDOs hinderte die LB Kiel nicht daran, im Jahr 2002 noch weitere 500 Millionen Dollar in diese Papiere zu stecken, die man diesmal der Schweizer Großbank UBS abkaufte. Auch an dieser Transaktion war auf der Seite der Kieler wieder Martin Halblaub beteiligt. Im Frühjahr 2008 verklagte man die UBS, weil auch dieses Investment enorme Verluste brachte. Das Verfahren läuft noch. Barclays dagegen zahlte im Jahr 2005 im Rahmen eines Vergleichs einen unbekannten Betrag. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich die HLB und die LB Kiel bereits zur HSH Nordbank zusammengeschlossen.

Politisch war der Anstoß für die Fusion der beiden Landesbanken aus dem Norden gekommen. Die Landesbank Schleswig-Holstein war ein "Local Player", als Ministerpräsident Björn Engholm (SPD) vor 20 Jahren eine Vision entwickelte. Die beschauliche LB Kiel, im Besitz von Land und Sparkassen, sollte mithilfe starker Partner zu einem bedeutenden Kreditinstitut im Ostseeraum entwickelt werden. Engholms Nachfolgerin Heide Simonis (SPD) holte in einem ersten Schritt zu neuer Größe 1994 die damals mächtige WestLB mit 39,9 Prozent ins Boot. Die SüdwestLB (heute LBBW) stieg mit 10 Prozent ein. Der Traum von einer großen Bank des Nordens unter Kieler Kommando währte allerdings nur kurz, weil Land und Sparkassen das nötige Kapital fehlte. Schleswig-Holstein warb deshalb in Hamburg für eine Fusion, um aus den beiden kleinen Landesbanken ein wettbewerbsfähiges Institut zu schmieden. "Man geht zu Schmidt und nicht zu Schmidtchen", sagt Simonis heute über ihren damaligen Ansatz.

Erst nach der Machtübernahme der schillernden CDU-FDP-Schill-Koalition im Herbst 2001 aber fand Simonis in Hamburg wirklich Gehör - und plötzlich ging alles ganz schnell.

Vor allem der neue CDU-Finanzsenator Wolfgang Peiner, intern der wichtigste Ratgeber des neuen Bürgermeisters Ole von Beust (CDU), machte sich sofort für eine engere Zusammenarbeit mit Schleswig-Holstein stark. Mit Erfolg: Schon bei seinem Antrittsbesuch im Februar 2002 in Kiel steckten von Beust mit Simonis den Rahmen für eine Fusion der beiden Landesbanken ab.

In Schleswig-Holstein wurde die im Februar 2003 besiegelte Fusion gefeiert. "Es war der erste Zusammenschluss von zwei Landesbanken in Deutschland und ein Signal, dass Hamburg und Schleswig-Holstein auch ohne Nordstaat an einem Strang ziehen können", erinnert sich Simonis. Ihr damaliger Finanzminister Claus Möller (SPD), der mit Hamburg verhandelt hatte, prophezeite: "Die HSH Nordbank AG wird eine dauerhaft starke, regional verankerte und wirtschaftlich profitable Bank bilden." Für die Fusion votierten neben den Regierungsparteien (SPD, Grüne) auch CDU und SSW. Allein die FDP lehnte die Nordbank ab.

In Hamburg dagegen wurde die Banken-Ehe von der Bürgerschaft einstimmig beschlossen - mit den Stimmen von CDU, Schill-Partei, FDP, SPD und GAL. CDU-Finanzsenator Peiner nannte die Fusion einen "Meilenstein" und befand: "Dass wir nun eine große deutsche Geschäftsbank mit Sitzen in Hamburg und Kiel haben, ist in der Tat ein sehr stabilisierender Effekt für den Bankenplatz Hamburg." CDU-Redner bescheinigten Peiner eine "Glanzleistung" und auch die oppositionelle SPD konstatierte: "Diese Fusion verdient Lob."

Dass die Bank offenbar möglichst frei auf den globalen Märkten agieren sollte, ließ sich bereits aus dem neuen Namen des Instituts ablesen: Die Bezeichnung "Landesbank" war schlicht gestrichen und durch "Nordbank" ersetzt worden.

Im Windschatten der Fusion baute auch die Hamburger Sparkasse ihre Geschäfte aus. Die Haspa kaufte sich ab 2003 schrittweise in alle vier freien Sparkassen in Schleswig-Holstein ein.

Drei Jahre nach der Fusion konnte die erste deutsche Doppel-Landesbank mit einer weiteren Premiere aufwarten: Die HSH wurde die erste Landesbank mit einem privaten Anteilseigner. Als die WestLB im Sommer 2006 ihre HSH-Beteiligung von knapp 27 Prozent zum Verkauf stellte, griff der US-Investor Christopher Flowers zu. Sein Ziel: ein Börsengang der Landesbank im Jahr 2008. Schon kurz vor dem Flowers-Einstieg kündigte Alexander Stuhlmann seinen Rücktritt zum Jahresende 2006 an. Er begründete dies mit seiner "persönlichen Lebensplanung". Stuhlmanns Nachfolger wurde Hans Berger, der bisher für die Schiffsfinanzierung zuständige Vorstand. Auch im Aufsichtsrat gab es einen Wechsel: Den Vorsitz übernahm zum 1. Januar 2007 Ex-Finanzsenator Wolfgang Peiner vom Kieler Finanzminister Rainer Wiegard.

Doch schon im ersten Jahr in der neuen Aufstellung bahnte sich eine Herausforderung an, die existenzbedrohend werden sollte: Die US-Hypothekenkrise begann. Nachdem die Eigenheime in den USA stark an Wert verloren und gleichzeitig die häufig variabel vereinbarten Kreditzinsen drastisch stiegen, konnten immer mehr Immobilienkäufer ihre Darlehen nicht mehr bedienen - mit der Folge, dass auch die weltweit verkauften CDO-Papiere, in denen ja solche Baukredite stecken konnten, im Wert zu sinken begannen.

Auf Deutschland schien sich all dies zunächst kaum auszuwirken, bis im Juli 2007 wie ein Blitz aus heiterem Himmel die Mittelstandsbank IKB unter der Last milliardenschwerer CDO-Abschreibungen zusammenzubrechen drohte und vom Staat gerettet werden musste.

HSH-Chef Berger gab sich noch im August 2007 betont gelassen, obwohl auch er erste Abschreibungen einräumen musste. "Wir haben die Risiken im Griff", sagte er. "Eine allgemeine Bankenkrise sehe ich nicht - und schon gar nicht eine deutsche."

Das war, wie sich herausstellte, eine grobe Fehleinschätzung. Für die Hamburger CDU-Regierung kam die Entwicklung zur Unzeit - schließlich standen am 24. Februar 2008 die Bürgerschaftswahlen an. Kurz vor dem Wahltermin berichteten "Focus" und "Spiegel" nun in großer Aufmachung von massiven Problemen bei den Landesbanken - auch bei der HSH Nordbank. Auch die Nordbank habe sich mit riskanten Hypotheken verzockt und brauche nun "dringend eine Milliarde frisches Kapital", so der "Spiegel". Und "Focus" schrieb: "Auch die Hamburger HSH-Nordbank steckt im Subprime-Sumpf und sagte ihren geplanten Börsengang ab."

SPD-Spitzenkandidat Michael Naumann wollte es genau wissen. In einem Kandidatenduell am 17. Februar 2008 im NDR-Fernsehen, fragte er Ole von Beust direkt: "Die HSH Nordbank hat ihre Bilanzpressekonferenz auf die Zeit nach der Wahl verschoben. Sind Sie sicher, dass ausgerechnet diese Landesbank die einzige ist, die nicht tief verschuldet ist mit den Geschäften mit Immobilienderivaten aus den Vereinigten Staaten, und könnten Sie Ihren Finanzsenator a. D. Peiner, Aufsichtsratsvorsitzender, bitten, diese Bilanzpressekonferenz vor die Wahl zu legen?"

Von Beust gab sich in seiner Antwort - wie sich später herausstellte - übertrieben optimistisch: "Es gibt im Moment das Wertermittlungsverfahren, wo geguckt wird, welche Werte sind gefährdet mit welchem Risikograd", so der Senats-Chef. "Die HSH Nordbank fährt gerade deshalb so gut, weil die politische Einflussnahme auf diese Bank sehr gering ist und wir Sachverständige dort haben im Vorstand und im operativen Bereich, die eben nicht, wie teilweise unter Rot-Grün unter politischen Entscheidungen arbeiten müssen, sondern von ihrem Sachverstand her." Mit dem Wahltermin habe das "nicht das Allergeringste zu tun".

Obwohl sich die Berichte nach der Wahl größtenteils bewahrheiteten, wollte der seit 2007 in Hamburg für die Nordbank zuständige Finanzsenator Michael Freytag (CDU) von Krise nichts wissen. Nach der nötig gewordenen Kapitalerhöhung aus Steuermitteln, tönte Freytag im Mai 2008: "Die HSH Nordbank schreibt schwarze Zahlen und liefert hohe Dividenden ab. Um eine solche Bank werden wir beneidet." Noch im Oktober behauptete er: "Die Bank ist im Kern gesund."

Auch Vorstand Berger verlor zunächst nicht seinen demonstrativen Optimismus. "Hier wird nicht der Staat belastet", versicherte er noch Anfang April 2008. Noch im Juni sagte er: "Ich bin sehr zuversichtlich, dass unsere Eigentümer auch in Zukunft viel Freude an uns haben werden." Im September war Bergers Gelassenheit jedoch schlagartig dahin. Im September, dem Monat der Lehman-Pleite, verkündete er ein Sparprogramm, dem 750 Arbeitsplätze und Teile des Auslandsgeschäfts zum Opfer fallen sollen. Noch immer aber hielt er an seiner Prognose eines Jahresgewinns 2008 von 400 Millionen Euro fest.

Davon konnte jedoch Anfang November keine Rede mehr sein. Zu diesem Zeitpunkt teilte die Bank mit, sie habe in den ersten neun Monaten 2008 einen Verlust von 360 Millionen Euro gemacht. Außerdem beantragte Berger Bürgschaften von bis zu 30 Milliarden Euro aus dem Rettungspaket der Bundesregierung. Inzwischen hatte man in Hamburg und Kiel jedoch das Vertrauen in den HSH-Chef verloren. Er musste wenige Tage später gehen.

Der Hamburger Finanzsenator Freytag wurde angesichts der immer neuen Katastrophenmeldungen nun zusehends dünnhäutiger. Anfang November begann er von sich aus mit dem politischen Überlebenskampf. Bei einer Pressekonferenz warnte er in ungewohnt martialischer Diktion davor, die Aufsichtsräte aller Landesbanken verantwortlich zu machen, da es sonst ein "Massaker" unter deutschen Politkern geben würde. Zugleich bezeichnete er sich als "Feuerwehrmann", den man "nicht beim Löschen erschießen" dürfe. Dabei hatte zu diesem Zeitpunkt noch niemand den Rücktritt Freytags gefordert.

Wenig später schaltete sich der Bürgermeister ein - und sprach in einem Abendblatt-Interview erstmals offen von einer "katastrophalen Situation" bei der HSH-Nordbank.

Richtig schlimm kam es für Finanzsenator Freytag, als das Abendblatt zu Jahresbeginn 2009 aufdeckte, dass die HSH Nordbank allein im Steuerparadies Cayman Islands fast 20 Tochterfirmen und eine Niederlassung unterhielt - dazu 130 weitere Firmenbeteiligungen weltweit.

"Wir verstehen aber nicht, wie eine staatliche Bank Anleger ermuntern kann, in karibischen Steueroasen Geld anzulegen, um dem deutschen Staat Steuern vorzuenthalten. Das geht doch auf Kosten des ehrlichen Steuerzahlers", fragte ihn das Abendblatt. Freytags Antwort: "Wenn die Bank mit ihren Geschäften Gewinn macht, fließen diese Gewinne ja zu großen Teilen zurück in den Haushalt - zugunsten des Steuerzahlers. Und die HSH Nordbank hat lange sehr gute Geschäfte gemacht." Damit zog sich Freytag die ersten Rücktrittsforderungen zu. SPD und Linke befanden, Freytag habe damit Steuerflucht gutgeheißen. Deswegen könne er nicht mehr Finanzsenator sein.

Der neue HSH-Vorstand Dirk Jens Nonnenmacher lässt derweil die Buchführung der Nordbank einer Sonderprüfung unterziehen. Offenbar hat der Aufsichtsrat Hinweise darauf, dass der Neunmonatsbericht die wirtschaftliche Lage positiver darstellte, als sie tatsächlich war.

Noch vor Abschluss der Prüfung vermeldete Nonnenmacher Mitte Dezember weiteren Abschreibungsbedarf in einer Höhe von 450 Millionen Euro, womit sich die gesamten Wertberichtigungen seit Beginn der Krise nunmehr auf mindestens 2,75 Milliarden Euro belaufen. Zum Sanierungsprogramm des neuen Chefs gehört eine massive Schrumpfung der Tätigkeitsgebiete der Bank, die sich künftig auf das Geschäft mit Unternehmen in Norddeutschland konzentrieren soll.

Eine Prognose für den Verlust im Gesamtjahr 2008 und darüber hinaus riskierte Nonnenmacher allerdings nicht. Wie aus dem Umfeld der HSH zu hören ist, kann der Fehlbetrag bei einer Milliarde Euro liegen, manche Spekulationen reichen bis zu zwei Milliarden Euro.

Im Februar sollen die Zahlen vorliegen. Ungewiss ist, ob die Landesbank auf längere Sicht eigenständig bleiben kann oder ob es zu einer Fusion mit anderen Landesbanken kommt, wie dies die Bundesregierung und die Sparkassen gern sähen. Der naheliegende Partner wäre die Nord/LB aus Hannover. Würde man sich mit den südlichen Nachbarn zusammenschließen, träfen manche HSH-Mitarbeiter auf einen früheren Kollegen: Martin Halblaub ist heute Finanzmarktvorstand der Nord/LB.

( Ein Dossier von: Ulf B. Christen, Volker Mester, Jens Meyer-Wellmann )

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