Hamburgische Bürgerschaft vor 25 Jahren

GAL-Frauenliste: Als die Frauen frech wurden

Mit einer GAL-Frauenliste in die Bürgerschaft: 13 Hamburgerinnen mit einer anderen Politik als die "Männer in dunklen Anzügen".

Hamburg. Adrienne Goehler war erst ins Schauspielhaus gegangen und danach auch noch ins Thalia-Theater. Erst dann hatte die GAL-Politikerin mit dem schwarzen Wuschelkopf sämtliche Textilien zusammen, die sie für den historischen Auftritt brauchte: 13 Nadelstreifen-Anzüge in den passenden Größen. Für 13 Frauen und ihren großen Auftritt.

Fast 100 000 Stimmen bei der Bürgerschaftswahl am 9. November 1986 hatten dafür gesorgt, dass die GAL mit 10,4 Prozent ein zweistelliges Ergebnis erreichte, nachdem sie 1982 mit 6,8 Prozent erstmals in das Parlament eingezogen war. Eine ziemliche Sensation war das, verbunden mit einem weltweit einmaligen Experiment: Eine reine Frauenfraktion war angetreten, den Männern die Macht im Rathaus zu entreißen. "Wir können sie nicht mehr ertragen, diese 50- bis 60-jährigen dunklen Anzüge, die unterschiedslos Bauknecht-Küchen, Autobahnabschnitte und Atommeiler einweihen", hatte Adrienne Goehler rund 1200 begeisterten GALiern ein paar Wochen zuvor auf der zentralen Wahlkampfveranstaltung in der Markthalle zugerufen.

Es ist der 26. November 1986, als sie und ihre zwölf Kolleginnen selbst in dunkle Anzüge schlüpfen und dazu wahlweise Fliege oder Krawatte über die weißen Hemden binden. So ziehen sie ins Rathaus ein und nehmen vier Bürgerschaftsreihen in Besitz: Kristina Kukielka, Thea Bock, Ulla Jelpke, Adrienne Goehler, Anja Kuhr, Erika Romberg, Cornelia Jürgens, Ulla Bussek, Margret Hauch, Heide Neitsch, Eva Hubert, Ingeborg Glock und Eva Brandes. Und weil SPD-Spitzenkandidat Klaus von Dohnanyi den Weiberwahlkampf als "Kasperletheater" abgetan hatte, trägt jede der Frauen eine kleine Kasperpuppe aus Stoff im Knopfloch. Das konnte ja lustig werden.

Wurde es aber nicht. "Die Grünen haben den Humor ja auch nicht gerade mit Löffeln gefressen", sagt Adrienne Goehler heute. Was vor genau 25 Jahren nach einem einmütigen Spaß-Auftritt aussah, war in Wahrheit das mühevolle Ergebnis einer zähen parteiinternen Auseinandersetzung.

Die Idee für eine Frauenfraktion war der Diplom-Psychologin Goehler, heute 56, in Paris gekommen, an der Pilgerstätte von Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir auf dem Friedhof Montparnasse. Die französische Schriftstellerin, Philosophin und Feministin war im April 1986 gestorben, und Goehler dachte an diesem symbolischen Ort zum ersten Mal konkret darüber nach, wie es wohl wäre, wenn einmal Frauen allein die Geschicke der grünen Politik in die Hände nähmen. "Wenn die Männer ans Mikrofon traten, haben sie jedes Mal das Rad neu erfunden. Und wenn danach eine Frau das Wort ergriff, sagte sie mit viel leiserer Stimme: 'Ich kann's kurz machen, denn es ist ja im Wesentlichen schon alles gesagt worden'", erinnert sich Goehler. "Furchtbar war das!"

Also schrieb sie ihre Gedanken in einem Brief an die Grünen nieder. Begeisterte Resonanz blieb, vorsichtig formuliert, aus. Es gab heftigen Widerstand gegen die "Frechen Frauen" um Goehler, auch von Frauen aus den eigenen Reihen. Die grüne Regula Bott warf Goehler "unkritische Mystifikation von Weiblichkeit und unreflektierten Biologismus" vor. "Weiblichkeit ist noch keine Gewähr für richtige Politik."

In einem Streitgespräch im "Spiegel" hielt Goehler dagegen: "Wir wehren uns gegen die Behauptung von Frauen wie dir, Regula, dass es ganz egal ist, ob Mann oder Frau Politik macht. Frauen sind anders als Männer."

Männer auch, könnte man hinzufügen, wenn man sich in Erinnerung ruft, dass damals auch die "Rosa Biber" gegen die Frauenfraktion aufmuckten. Die Schwulengruppe der GAL wollte als Opfer des Patriarchats ebenfalls einen Platz auf der Frauenliste, als "Ausnahmekandidat". Kriegten sie aber nicht. Schon ein einziger männlicher Kandidat, so die Begründung, hätte die Idee zerstört. "Deshalb kann frau kein Hähnchen im Körbchen akzeptieren", befand die Vorzeige-Grüne Antje Vollmer. Und Basta! Bitter für die Biber.

Was den "Frechen Frauen" schließlich aber zum Durchbruch verhalf, war ein viel größerer Konflikt innerhalb der Partei: Der Streit zwischen den Fundis, die jede Regierungsbeteiligung ausschlossen, und den Realos, für die genau das eine Option war, um gesellschaftlich etwas zu verändern. "Fundis und Realos verharrten gegenseitig in ihren Stellungskriegen und haben wahrscheinlich gedacht, bevor die anderen die Macht kriegen, stimmen wir lieber für eine Frauenfraktion", sagt Goehler. Es sei nicht so gewesen, dass die GALier den historischen Schritt begriffen hätten. Insofern sei ihr Plan kühnem Kalkül gefolgt. "Ich habe an der Berechenbarkeit der Geister entlang gedacht."

Thea Bock, 73, konnte mit den grünen Flügelkämpfen nie viel anfangen. Die Umweltaktivistin hatte Gegner ganz anderen Kalibers. Unternehmen wie Boehringer beispielsweise. Das Chemiewerk, 1984 stillgelegt, hatte auf dem Werksgelände in Moorfleet dioxinhaltige Abfälle abgelagert, und rund 1600 frühere Beschäftigte waren giftgeschädigt. Da blieb keine Zeit für interne Schlammschlachten. Unermüdlich im Kampf gegen gewissenlose industrielle Verschmutzer, war Thea Bock innerparteilich unangreifbar. Sie wurde die Chefin der 13 grünen Frauen, die GALionsfigur, sozusagen.

Die Frauenfraktion sei der "Rettungsanker" für die GAL gewesen, sagt Thea Bock. Schon vorher sei die Situation wegen der verschiedenen Parteiströmungen teilweise so kritisch gewesen, dass sie manchmal fürchtete, "der Laden fliegt auseinander". Allmählich setzte sich dann die Meinung durch, dass die Frauen besonnener und harmonischer miteinander umgehen würden und der Richtungsstreit vielleicht aufhöre. "Und irgendwann konnte keiner mehr dagegen sein", sagt sie.

Zwei Tage nach der Wahl wurde Thea Bock zur Vorsitzenden gewählt und präsentierte einen Forderungskatalog an die SPD, der "ohne Abstriche" galt. Die wichtigsten Bedingungen: sofortiger Ausstieg aus der Atomenergie, Stopp der Einleitung von Schwermetallen in die Elbe, ein Niederlassungsrecht für Ausländer und eine Frauenquote von 50 Prozent im öffentlichen Dienst.

Schon das Wahlprogramm der grünen Frauen listete detailliert wie nie zuvor die Benachteiligung der Frauen in Hamburg auf. Eine Arbeiterin verdiente 30 Prozent weniger als ihr männlicher Kollege, Frauen stellten 93 Prozent aller Teilzeitbeschäftigten, 60 Prozent der Sozialhilfeempfänger, drei Prozent aller Ingenieure. 56 Prozent der Rentnerinnen mussten mit weniger als 500 Mark auskommen.

"Mir ging es nie darum, ob Frauen besser oder schlechter Politik machen", sagt Goehler, "sondern darum, dass sie anders Politik machen." Es sei eben anders, wenn das Subjekt der politischen Betrachtung eine alleinerziehende Mutter mit Kindern sei. Oder wenn man Stadtplanung stärker an Menschen als an Lastwagen ausrichte.

Schon nach wenigen Wochen änderte sich die Haltung der übrigen Parlamentarier. SPD-Fraktionschef Henning Voscherau bescheinigte den "Damen von der GAL, viel sachlicher und emotionsloser kooperiert zu haben" als die meisten GAL-Männer. "Locker, fröhlich und präsent" fand Kultursenatorin Helga Schuchardt ihre Kolleginnen, die zudem überaus fleißig agierten. Wenig Spektakel, viele Anfragen. "Und dabei halfen uns viele Frauen in den Behörden, die an ihren männlichen Vorgesetzen nicht vorbei kamen, mit uns sympathisierten und uns mit Informationen versorgten", sagt Adrienne Goehler. Das könne man ja 25 Jahre später ruhig mal verraten.

Die Frauen konnten bald handfeste Ergebnisse vorweisen. Sie sorgten dafür, dass alternative Wohnprojekte und preiswerte Wohnungen weiterhin gefördert wurden, dass Hamburg im Bundestag für ein Verbot aller krebserregenden Stoffe initiativ wurde und dass ehemalige Boehringer-Arbeiter kostenlos untersucht wurden. Und weil sie den SPD-Minderheitssenat bei Haushaltsabstimmungen unterstützten, bekamen sie im Gegenzug fünf Millionen Mark für alternative Projekte wie eine deutsch-ausländische Begegnungsstätte oder Übungsräume für Rockmusiker.

Dabei sah es zuerst gar nicht nach einer Zusammenarbeit zwischen Grünen und SPD aus. "Dohnanyi wollte gar keine Koalition", sagt Thea Bock. "Das waren Verhinderungsgespräche mit uns", sagt Adrienne Goehler. Thea Bock erzählt, dass von Dohnanyi ihr während der Verhandlungen mal ein Zettel über den Tisch schob, auf den er geschrieben hatte, dass er jetzt auch lieber mit ihr um die Alster spazieren würde als hier zu sitzen. So kam es schließlich im Mai 1987 zu Neuwahlen. Die Frauenriege rutschte auf sieben Prozent ab. Und die internen Kämpfe gingen von vorne los.

Thea Bock fand die Zeit der grünen Frauenfraktion "lehrreich und anstrengend". "Aber Spaß gemacht hat es auch." Bis der Spaß irgendwann vorbei war. Die Nachrückerin Eva Brandes warf 1988 die Brocken hin, weil sie in der GAL ein "hasserfülltes" und "Angst machendes Klima" spürte. Innerhalb der einzelnen Gruppierungen gelte es zu gehorchen, sonst sei "der Teufel los in der kirchlich-dogmatischen Vereinigung". Überall herrschten "Klüngelei, Kungelei, Kader, Parteidisziplin".

Für Thea Bock war im gleichen Jahr Schluss, als man sie zwingen wollte, eine Gegendarstellung zu einem Bericht in der "Morgenpost" zu schreiben. Es ging um eine Aktion von Autonomen, die per Transparent Solidarität mit den Hungerstreikenden der RAF eingefordert und sich in den GAL-Fraktionsräumen versteckt hatten. In einer Presseerklärung hieß es, Thea Bock sei mit der Aktion einverstanden gewesen. War sie aber nicht, und so stand es auch in der "Mopo". "Ich kann keine Solidarität mit Menschen zeigen, die Genickschüsse verteilen", sagt sie heute.

Wutentbrannt bestellte sie also die Fraktion, die ihr die gefälschte Presseerklärung untergejubelt hatte, für den nächsten Tag um zehn Uhr morgens ins Café Picasso an der Rathausstraße. Als um elf Uhr immer noch niemand erschienen war, schrieb sie auf einen Bierdeckel: "Hiermit trete ich aus der GAL aus und lege mein Mandat nieder."

1991 zog sie für die SPD in den Bundestag. Im gleichen Jahr trat Adrienne Goehler aus der grünen Partei aus.

Ist das Frauen-Experiment geglückt? "Es hat deshalb nicht geklappt, weil sich darin eigentlich nur die Zerstrittenheit der Partei gespiegelt hat", sagt Thea Bock. Zu viele Männer im Hintergrund hätten die Frauen gesteuert. "Man muss das nicht noch einmal machen - aber es war auch kein Fehler."

Adrienne Goehler ist anderer Meinung. "Ja, ich würde es jederzeit wiederholen", sagt sie. Wie wenig Gleichberechtigung in Wirklichkeit erreicht worden ist, zeige doch die Tatsache, dass die Frauen im Land im Schnitt immer noch 25 Prozent weniger verdienen als Männer in gleichen Positionen. Nicht nur deshalb tritt die Publizistin überall vehement für einen Mindestlohn ein.

"Die Frauenfraktion", sagt sie, "war ein historisch notwendiges Pilotprojekt, das nach seiner Fortsetzung sucht."