Das Tor zur Welt

Neue Projekte: Hamburg will mit Tourismus hoch hinaus

Seilbahn über die Elbe, neue Musikhalle auf St. Pauli und ein Sportsommer mit Großveranstaltungen - wie die Handelskammer Besucher locken will.

Hamburg. Sie sind 43,8 Jahre alt und Deutsche, kommen zu zweit, bleiben im Schnitt 1,9 Tage und geben pro Person und Tag 209,80 Euro aus: So sehen sie aus, die typischen Hamburg-Besucher. Und: Von ihrer Art gibt es jedes Jahr mehr. Die gute Nachricht lautet, dass sich die Zahl der Gäste bzw. der Übernachtungen in den vergangenen zehn Jahren fast verdoppelt hat. Gab es 2001 noch 4,8 Millionen touristische Übernachtungen in Hamburg, waren es 2010 schon knapp neun Millionen.

Die Handelskammer verkündete gestern eine weniger gute Nachricht: "Es ist für das 'Tor zur Welt' inakzeptabel, dass der Anteil internationaler Gäste bei 20 Prozent stagniert", sagte Präses Fritz Horst Melsheimer. Um "diese Schwäche" auszugleichen, präsentierte die Kammer gestern ihr Standpunktpapier "Die Welt zu Gast in Hamburg - eine Zehn-Jahres-Strategie für den Hamburg-Tourismus". Damit sollen die Übernachtungen bis 2020 auf 20 Millionen pro Jahr steigen.

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Noch liegt Hamburg auf Platz elf unter Europas beliebtesten Städten für Touristen (siehe Grafik). Um München (Platz 8 mit 11,2 Millionen Übernachtungen) zu überholen, den Sprung in die Top Ten zu schaffen und in Regionen von Madrid (15,2) oder Barcelona (13,3) vorzustoßen, hat die Handelskammer mit Vertretern der Hamburger Tourismusbranche mehrere Maßnahmen und Schlüsselprojekte erarbeitet.

Musikstadt: Mit Fertigstellung der Elbphilharmonie wird Hamburg internationale Aufmerksamkeit erregen. Schon jetzt ist Hamburg mit jährlich rund zwei Millionen Musical-Besuchern nach New York und London der drittgrößte Musicalstandort der Welt, wodurch in der Stadt geschätzte 500 Millionen Euro pro Jahr erlöst werden. Die Kammer schlägt vor, dass Hamburg eine Bewerbung als "City of Music" anstreben sollte. Voraussetzungen dafür sind die Ausrichtung von Musikfestivals, hochklassige Ausbildungsangebote oder Musikförderprogramme. Außerdem hält sie den Bau der St. Pauli Music Hall für 2000 bis 4000 Besucher - wie lange Zeit für den Neuen Kamp geplant - für "dringend erforderlich". Sollte wegen lokaler Widerstände kein Ort für eine Halle zwischen Reeperbahn und Schanzenviertel gefunden werden, "könnte ein geeigneter Standort in der Wilhelmsburger Mitte gesucht werden". Weitere Überlegungen sind ein Hardrock-Festival für Skandinavier, idealer Standort könnte die rund 18 Hektar große Eventfläche rund um den Olympiastützpunkt in Allermöhe sein, auf der bisher nur das jährliche Wutzrock-Festival stattfindet.

Messen und Kongresse: Jedes Jahr finden in Hamburg rund 400 Veranstaltungen mit mehr als einer Million Besuchern statt. Allerdings mit der SMM (shipbuilding, machinery and marine technology) und der Internorga "lediglich zwei Fachmessen mit spürbarer internationaler Anziehungskraft". Hier kritisiert die Kammer, dass die Anwerbung von Messen und Kongressen derzeit "politisch zu wenig flankiert wird". Während das Thema in anderen Städten "Chefsache" sei, ist es in Hamburg "eher die Ausnahme, dass wichtige Messen und Kongresse durch Politiker eröffnet werden". Außerdem müsse das CCH "dringend revitalisiert werden".

Sportstadt: Die Handelskammer schlägt einen "Hamburger Sport-Sommer" vor und die fünf bedeutendsten Sportveranstaltungen - Cyclassics, Marathon, Triathlon, Spring- und Dressur-Derby, Tennis am Rothenbaum - gemeinsam zu vermarkten. Denkbar sei auch ein Besuchspaket "Hamburger Sportwochenende" mit Tickets für Hamburgs Profiteams, Teilnahme an Jedermann-Wettbewerben, persönlich gecoachtes Joggen, Führungen durch die O2-World- oder Imtech-Arena.

Filmstadt: Hier sollten Drehtage aktiv akquiriert werden, indem zum Beispiel Produzenten zur Locationbesichtigung eingeladen werden, um Hamburg als Produktionsstandort zu präsentieren. Das "Filmfest Hamburg", das allein im Jahr 2010 rund 40 000 Zuschauer angezogen hatte, soll zum ganz großen Branchenevent entwickelt werden.

Hafenstadt: "Wir wollen den Hafen noch stärker als bisher touristisch nutzen", sagt Hans-Jörg Schmidt-Trenz. Natürlich umfasse das auch den Bau der Seilbahn über die Elbe mit Weiterführung bis Wilhelmsburg. "Dieses Projekt wäre ein absolutes Highlight für die touristische Erlebbarkeit unseres Hafens und obendrein ein umweltfreundliches Verkehrsmittel", so der Hauptgeschäftsführer der Handelskammer. "Wir wünschen uns vom Senat, dass er entschlossen und mutig das Planfeststellungsverfahren vorantreibt." Außerdem brauche Hamburg, so die Kammer, als größter Hafen Deutschlands und Stadt, deren Wohlstand und Geschichte vor allem auf dem Hafen basiert, "ein umfassendes, touristisch hoch attraktives Hafenmuseum".

Innenstadt: Sie soll kulturell belebt werden. Die Aufenthaltsqualität soll durch Außengastronomie erhöht, das Fleetviertel zum Scharnier zwischen HafenCity und Innenstadt entwickelt werden. Der Rathausmarkt soll, wie berichtet, durch Verlegung der Busspur verschönert werden und Platz für Cafés bieten.

Öffnung für den asiatischen Markt: Im Jahr 2020 werden mehr als 100 Millionen Chinesen ins Ausland reisen. Dieser Entwicklung könne Hamburg mit einer Tour "China in Hamburg" und der Kooperation mit anderen China-Standorten in Europa wie Paris, London oder Budapest begegnen. Weiteres Stichwort: Hochzeitsreisen. "Reisen nach Europa mit romantischen Vermählungsfeiern liegen bei chinesischen Paaren im Trend", sagt Schmidt-Trenz. Oft bestehen Reisegruppen aus 30 bis 40 Personen. Hier könne Hamburg, Standort Nr. 1 in Deutschland für chinesische Firmen, "Pioniervorteile erzielen". Der Beitrag des Tourismus zum Hamburger Volkseinkommen beträgt fast 3,3 Milliarden Euro, das sind rund sechs Prozent der Wirtschaftsleistung der Stadt. "Die Tourismuswirtschaft leistet aber auch einen entscheidenden Beitrag zur Lebensqualität in Hamburg. Dies kann im Standortwettbewerb um Talente und Investoren den Ausschlag geben", sagte Melsheimer. Im Bewusstsein der Politiker sei dies noch nicht verankert.