Hamburg

Schatz, ich schenk dir ein Schloss auf der Michaelisbrücke

Immer mehr Paare verewigen sich in der Hansestadt an Brückengeländern. Das erfreut Hersteller, Händler und sogar die Behörden.

Hamburg. Uta und Burkhard lieben sich seit dem 2. Dezember 1988. Die Beziehung von Klaus und Christina ist zwar fast 14 Jahre jünger, dafür wollen sie am 11. April 2012 heiraten. Und Tine und Lutz erlebten am Montag vergangener Woche einen ganz besonders romantischen Augenblick auf der Michaelisbrücke an der Fleetinsel. All diese Geschichten erzählen die Vorhängeschlösser, die sie wie viele andere Verliebte am Geländer befestigt haben.

Ihren Ursprung sollen die Liebesschlösser - wie sollte es anders sein - im Land der Liebe Italien haben. Auch in Russland, Ungarn und Litauen gibt es den Brauch schon länger. In Südkorea ist der Zaun einer 133 Meter hohen Aussichtsplattform des N Seoul Tower vor lauter metallenen Liebesschwüren schon gar nicht mehr zu sehen.

Und in Köln stritt man sich lange über den Umgang mit den Anhängern an der Hohenzollernbrücke. Nun sind auch in Hamburg die ersten Liebesschlösser aufgetaucht. Die Brücke über Fluss, Fleet und Kanal: der perfekte bedeutungsgeladene Ort für einen Schwur für die Ewigkeit. Schloss schließen, Kuss geben und Schlüssel ins Wasser werfen: Schon kann mit der Liebe nichts mehr schiefgehen. Die Vorhängeschlösser sind schließlich stabil. Vielleicht stabiler als so manche Beziehung, die mit ihnen verewigt wurde.

An der Michaelisbrücke in der Neustadt hängen mittlerweile schon mehr als 50 solcher Liebesbeweise. Am geschwungenen Geländer der Schwanenwikbrücke an der Außenalster sind es bereits Hunderte. Viele Passanten bleiben stehen, machen ein Foto von den bunten Anhängern oder sehen sich genau an, wer wen seit wann liebt. Die Meinungen zu dem importierten Brauch sind unterschiedlich. "Mir gefällt das so gut, jetzt hätte ich auch gerne eins", sagt Mareike Krings, 32, und schaut ihren Mann Sascha mit diesem berühmten Blick an, den Frauen nun mal draufhaben. Der schweigt und lächelt. Kathrin Müller, 45, aus der Neustadt ist da unentschlossener: "Irgendwie ist es ja ganz süß, aber es verschandelt auch die Brücken." Esther Podschadly, 23, aus St. Pauli hingegen stören die oft bunten Schlösser nicht. "Ich kenn das schon aus Köln, dort hat das die hässliche Brücke für die Passanten wirklich attraktiver gemacht", sagt sie. "Aber hier an der Michaelisbrücke kommen ja viel weniger Leute vorbei. Wer soll die Schlösser also sehen?"

Die Schlosshersteller und Graveure freuen sich über die steigende Beliebtheit des Brauchs. Sie verdienen daran so gut, dass einige mit der Anfertigung spezieller Liebesschlösser begonnen haben. "Wir machen damit mittlerweile fast vier Prozent unseres Gesamtumsatzes", sagt Jens Gelhausen, Marketingleiter der Schlüsseldienstkette Mister Minit. "Das ist ziemlich viel, wenn man bedenkt, dass das nur ein Produkt aus unserer umfangreichen Palette ist." Die bunten Schlösser habe das Unternehmen extra zu diesem Zweck ins Sortiment aufgenommen. Besonders beliebt sei das rote Schloss als Grundlage für Liebesschwüre. In den zwölf Filialen in Hamburg steige die Nachfrage erst jetzt allmählich an. "Aber die Stadt hat mit ihren vielen Brücken ein großes Potenzial", sagt Gelhausen.

Neben den großen Marktführern haben auch kleine Läden, die bisher vor allem Schlüssel nachgemacht, Absätze repariert und Türschilder graviert haben, das Geschäft mit der Liebe für sich entdeckt. "Seit ein paar Tagen kommen immer häufiger Kunden ins Geschäft und fragen nach diesen Schlössern", sagt Rüdiger Lembke vom Alster-Schlüsseldienst. Deswegen habe er nun auch die bunten Metallanhänger im Angebot. Etwa 20 Stück verkauft er pro Woche. "Das Gravieren ist aber sehr kompliziert, deswegen lasse ich das von einer anderen Firma machen", sagt Lembke.

Farhad Hassani, 24, hingegen beschriftet die Schlösser in seinem kleinen Laden im Souterrain des Wandsbek-Quarrees selbst. "Die meisten wollen zwei Namen, ein Datum und manchmal noch ein Herz dazu", sagt er. Viele der Schlösser an der Schwanenwikbrücke habe er hergestellt. Häufig muss er auch als Berater für die richtige Formulierung herhalten. Einer seiner Kunden wollte "Ich liebe dich" eingravieren lassen. "Aber da weiß doch keiner, wer gemeint ist", sagt Hassani. "Daran hatte der Mann nicht gedacht, und wir haben uns was anderes überlegt." Er selbst hat noch kein Liebesschloss aufgehängt - obwohl er seit sieben Jahren in einer festen Beziehung ist. "Wenn ich das mache, dann will ich mir schon etwas ganz Besonderes ausdenken", sagt er. Eine Idee gebe es schon. Mehr will er nicht verraten.

Auch im Internet gibt es viele Angebote rund um die amourösen Vorhängeschlösser. Wer die Begriffe "Liebesschloss" und "Kaufen" bei einer Suchmaschine eingibt, findet sofort mehrere Internetseiten, wo die Liebesbeweise für etwa 20 Euro auch online bestellt werden können - inklusive individueller Gravur. Unter den Designvorschlägen finden sich auch neue Beschriftungsideen - von der Todesanzeige bis zur Babybegrüßung. Auch Schriftzüge wie "Ein Bayer war hier" oder "Kegelclub Pinneberg Team-Ausflug 2011" sind möglich.

Die Internetseite liebes-schloesser.com hat das Prinzip in die virtuelle Welt übertragen. Per Mausklick und für 2,95 Euro können Verliebte auch virtuelle Liebesschlösser im Internet herstellen. Diese sind wahlweise für alle Nutzer sichtbar oder auf Wunsch nur für den Empfänger einer speziellen E-Mail. Das Foto zeigt ein individuell beschriftetes Schloss an einer von 26 Brücken in aller Welt. Darunter auch eine in der Speicherstadt. Vier öffentliche Cyber-Schlösser hängen dort bereits - drei von ihnen seit dem vergangenen Valentinstag. Das Online-Angebot richtet sich auch an diejenigen, die sich nicht trauen, echte Brücken mit den Anhängern zu dekorieren.

Dabei müssen sich die Liebenden in Hamburg keine Gedanken machen, dass Behörden den metallenen Schwur wieder entfernen. "Wir dulden die Schlösser mit einem Augenzwinkern", sagt Helga Lemcke-Knoll, Sprecherin des Landesbetriebs Straßen, Brücken und Gewässer. Erlaubt sei es eigentlich nicht, aber schließlich handele es sich um ein "hübsches Symbol". "Solange es möglich ist, bleiben die Schlösser hängen", sagt Lemcke-Knoll. Denn die Brücken werden regelmäßig kontrolliert.

Sollten sie die Sicherheit einschränken, zu weit auf den Gehweg wuchern oder die Brücken beschädigen, müssen die Liebesschwüre allerdings verschwinden. "Aber bisher haben wir nicht den Eindruck, dass einer dieser Faktoren zutrifft", sagt Lemcke-Knoll. Uta, Burkhard und die anderen können also vielleicht noch ihren Enkeln ihr Liebesschloss zeigen. Wie früher das in den Baumstamm eingeritzte Herz.