Proteste in Ägypten: Fünf Fragen an Peter Scholl-Latour

Für den Westen war Mubarak bequem

Hamburger Abendblatt:

1. Der Oppositionspolitiker al-Baradei ist festgesetzt, Handynetze und Internet sind gekappt - ist Ägyptens Präsident Mubarak jetzt zu allem entschlossen?

Peter Scholl-Latour:

Das ist wohl so. Es ist nur die Frage, wie sehr er sich auf die Armee und die Geheimdienste verlassen kann. Er selbst ist inzwischen ein alter, kranker Mann und er hat die Absicht, die Nachfolge an seinen Sohn Gamal zu übergeben. Die Militärs, die um ihre Privilegien fürchten, dürften davon kaum begeistert sein. Ägypten ist immer eine Militärdiktatur gewesen. Zudem sind die Studenten, die jetzt protestieren, nicht organisiert. Und al-Baradei ist weder deren noch überhaupt eine charismatische Führungsfigur. Außerdem war er zu lange aus Ägypten weg. Eine Alternative wären die Moslembrüder.

2. Wie gefährlich wären Islamisten an der Staatsspitze Ägyptens?

Scholl-Latour:

Die Moslembrüder werden vor allem im Westen verteufelt. Sie haben mal sehr radikal begonnen, sind inzwischen aber relativ gemäßigt und verlässlich. Sie haben die Mehrheit in der Anwalts-, in der Ärzte- und der Handelskammer und sind dann von Mubarak aus allen Ämtern vertrieben worden.

3. Würden Sie die Moslembrüder auch als demokratische Alternative bezeichnen?

Scholl-Latour:

Im Orient gibt es keine wahren Demokraten. Es gibt durchaus Moslems, die sich demokratisch betätigen. Aber wir dürfen nicht vergessen: Ägypten ist kein westliches Land. Dort wird nicht nach unseren Maßstäben regiert.

4. Ägypten gilt als stabilisierender Faktor in Nahost. Ist die Entwicklung für Israel bedrohlich?

Scholl-Latour:

Für Israel ist das natürlich unangenehm. Ägypten ist mit Jordanien der einzige islamische Staat, der Frieden mit Israel geschlossen hat. Aber das entspricht nicht der Stimmung in der Bevölkerung. Bisher hat es eine stillschweigende Zusammenarbeit gegeben. Aber das könnte durch jedes neue Regime infrage gestellt werden.

5. Tunesien, Ägypten, Jemen - droht in der arabischen Welt ein Flächenbrand?

Scholl-Latour:

Wenn man schon von Demokratie spricht, dann äußert sich hier der Ausdruck des Volkswillens, der von den Diktatoren geknebelt wird. Für die Amerikaner, die Israelis und offenbar auch für die Europäer wäre ein Regime wie das von Mubarak bequem gewesen. Aber das entspricht nicht unseren Prinzipien. Wir predigen Demokratie und Menschenrechte und paktieren mit Regimes wie Saudi-Arabien oder Ägypten oder Algerien, die alles andere als demokratisch sind.