Abschiebung trotz Spitzen-Abi: Fünf Fragen an Thomas Straubhaar

Turbo-Einbürgerung für gut Integrierte

Thomas Straubhaar, 53, Schweizer Ökonom und Direktor des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts

Hamburger Abendblatt:

1. Hamburg will die aus Ghana stammende 20-jährige Kate Amayo in ihre Heimat abschieben, obwohl sie hier ein Spitzen-Abi gemacht hat und einen Chemie-Studienplatz hat. Ist das im Interesse unserer wirtschaftlichen Zukunft?

Thomas Straubhaar:

Nein. Selbst wenn eine Ausnahme von einer allgemeinen Regel gemacht werden müsste, was kein Rechtsstaat gerne tut, sollte hier auf eine Abschiebung verzichtet werden. Hoffentlich beschließt die Härtefallkommission der Bürgerschaft am Donnerstag genau das: den gesunden Menschenverstand vor dem Recht walten zu lassen.

2. Ist die geplante Abschiebung nur das Versehen einer Behörde, also eine Ausnahme, oder steckt dahinter eine Politik mit System?

Straubhaar:

Nimmt man die reine Rechtslage, ist der Fall klar: Bei Duldung kann jederzeit abgeschoben werden. Aber muss man das auch tun? Es zeigt sich erneut, wie dringend es ist, dass der Bundesgesetzgeber so rasch wie möglich eine Lösung für das Bleiberecht von geduldeten Flüchtlingen findet.

3. Was kann Deutschland von der Einwandererpolitik anderer Länder lernen?

Straubhaar:

Dass man Menschen, die die Sprache sprechen und gut qualifiziert sind, rasch integriert und ihnen auch die Staatsangehörigkeit gibt. Deshalb plädiere ich für eine Turbo-Einbürgerung für besonders gut integrierte Zuwanderer bereits nach vier Jahren Aufenthalt (statt sechs bis acht Jahren wie heute), vorausgesetzt sie haben ein einwandfreies polizeiliches Führungszeugnis.

4. Sollte Deutschland gezielt um begabte Nachwuchskräfte aus dem Ausland werben?

Straubhaar:

Das Beispiel von Kate Amayo zeigt mit aller Deutlichkeit, dass wir schon sehr attraktiv sind und viele junge Menschen mit Migrationshintergrund, die hier leben, gerne hierbleiben wollen. Um die im Inland lebenden Ausländer sollte vor allem und zuallererst geworben werden!

5. Können wir es uns angesichts der Debatte um die Sarrazin-Thesen leisten, musterhaft integrierte Einwanderer auszuweisen?

Straubhaar:

Genau das ist der Punkt. Es wäre vorher schon ein wirtschaftlicher Verlust gewesen, Kate Amayo auszuweisen. Nun käme noch der gesellschaftliche Schaden dazu, weil hier das Signal in die Welt ausgesendet würde, dass Deutschland nicht bereit ist, zu akzeptieren, dass es eine Einwanderungsgesellschaft ist und sein will. Das ist deshalb schade, weil Deutschland im Alltag die Rolle des Einwanderungslandes recht gut spielt und sich nicht schlechter machen sollte!