Gängeviertel

Ghetto, Geld und Gänge - ein Lehrstück

Foto: Roland Magunia

Die Häuser am Valentinskamp sind nur Rest einer Bebauung, die weite Teile der Stadt prägte und mit deren Abriss schon früher gut verdient wurde.

Hamburg. Das Wort „Gängeviertel“ ist nach der Besetzung des allerletzten Rests am Valentinskamp durch Künstler und Stadtentwicklungskritiker in die Gegenwart geholt und fast schon wieder zum Modewort geworden. „Gängeviertel“ – das steht heute für: Geschichtsbewusstsein, für enge Nachbarschaft, für die räumliche Nähe von Wohnen und Arbeiten, für Widerstand und den Kampf um Wohnraum und Ateliers, für ein selbstbestimmtes Leben in einer sonst nur profitorientierten Umgebung. „Gängeviertel“ – das ist heute ein erster Zipfel des Traums von einer anderen Stadt.

Die 12 Häuser am Valentinskamp sind der winzige Rest einer Bebauung, die einst weite Teile der Stadt prägte. Nicht als Traum, eher als Albtraum. Eine überalterte Bebauung, die zusammen mit brutaler Übervölkerung, sanitärer Nullversorgung, Kriminalität aus wirtschaftlicher Verzweiflung und politischem Widerstand zur Idee führten, die Hamburger Gängeviertel seien Problemstadtteile. Was dann folgte, ist ein Lehrstück für alle Sanierer und Stadterneuerer. Und für alle, die wissen wollen, wie und warum sich eine Stadt verändert und was geschieht, wenn man sie in großem Stil verändert.

+++ Das Gängeviertel, ein Raum für tausend Ideen +++

Der in Bergedorf lebende Historiker und Denkmalschützer Geerd Dahms hat sich durch die Akten gewühlt, die im Staatsarchiv über das Wegsanieren der Gängeviertel bewahrt werden. Sein Buch „Das Hamburger Gängeviertel – Unterwelt im Herzen der Großstadt“ setzt ein grandioses historisches Puzzle aus Augenzeugenberichten, bislang nicht durchforsteten Senatspapieren, aus Kriminalakten, Bauplänen und illegalen Blaupausen zusammen. Es erlaubt einen tiefen Blick in die Hamburger Sozialgeschichte. Einen, der menschenunwürdige Lebensumstände für fast ein Drittel der Hamburger Bevölkerung enthüllt. In einer Zeit, die kaum länger als 100 Jahre zurückliegt. Ein Augenzeuge soll für viele stehen: „Schreiber dieses suchte neulich Arme in Hamburg auf. Sein Weg führte ihn in eine enge Durchpassage mit hohen Häusern zu beiden Seiten, links und rechts Wohnung über Wohnung und wieder Wohnung in der anderen, fast alle eng neben- und ineinander geschachtelt... Die scheußlichste Pestluft aus den Gossen erfüllt zuzeiten die enge Straße, in welcher die Bewohner einander in die Fenster sehen.

Unter manchen dieser Häuser sind wieder Eingänge in neue Labyrinthe. Nur gebückt ist das Innere dieser zweiten Höfe zu erreichen. (...) im untern Teile der elenden Baracke war fast im Finstern ein zusammengelaufenes Paar einquartiert, eine Art Hühnertreppe führte nach oben, wo wieder zwei bis drei voneinander unabhängige Partien ihr Obdach hatten; alles strotzte von Schmutz aller Art an Wänden, Fenstern, Fußböden; 5 Kinder und 3 Weiber und ein kaum herangewachsener Bube mit seiner Dirne aßen und tranken hier durcheinander. Frechheit, Verzweiflung und völliger Stumpfsinn warfen dunkle Schatten auf die Gesichtszüge der Versammelten.“ Das notierte 1847 spürbar erschüttert der Hamburger Theologe Johann Hinrich Wichern. Zu einer Zeit, als Hamburg seine Wallanlagen eben in Grünanlagen verwandelt hatte und als viele Menschen auf der Suche nach Arbeit in die Stadt strömen. Die meisten wollen in der Nähe zur Arbeit wohnen. Und die gibt’s vor allem im Hafen, also wohnt man der kurzen Wege vor und nach den 12-Stunden-Schichten wegen in den Gängevierteln. Das Gedränge wird dort immer dichter.

Die Fachwerkhäuser stammen zum Teil noch aus dem 16. Jahrhundert, sie haben weder Wasser noch Abwasseranschluss. Das Wasser kommt aus Brunnen, von Wasserwagen und, wenn das Geld knapp ist, auch mal aus den Fleeten. Stinkendes Abwasser kriecht offen in Rinnsteinen in der Mitte der oft nur zwei bis drei Meter breiten Gassen dahin. Licht gibt es wenig. Mieter, Untermieter und Schlafgänger müssen sich einstellen auf Kakerlaken, Wanzen, Mäuse Ratten. 30 Quadratmeter kosten 190 Mark Miete im Jahr, ein Hafenarbeiter verdient 60 Mark im Monat. Die Gängeviertel haben nicht nur hygienisch einen zweifelhaften Ruf. Wer nicht immer im Hafen Arbeit findet und kriminell wird, kann gut in den engen Gässchen untertauchen. Die Gängeviertel sind auch die Heimat der Huren – der lange, schmale „Große Barkhof“ dicht bei St. Jacobi ist ihr berühmtestes Quartier in der Altstadt.

Scharlach, Diphterie, Masern, Keuchhusten, Tuberkulose und Mangelkrankheiten wie Rachitis sind verbreitet. 1892 kommt die Cholera dazu; verschmutztes Wasser ist die Ursache – Hamburg hatte an den notwendigen Filtern gespart, anders als Altona. Gut abzulesen ist das im Schulterblatt: Die von Altona versorgte Straßenseite bleibt gesund, auf der anderen Seite, wo das Wasser ungefiltert aus dem Hamburger Netz kommt, wütet die Krankheit. Insgesamt sterben 8600 Menschen.

Kein Wunder, dass man sich Gedanken über „eine Rasierung der gesamten Baulichkeiten und Wiederaufbauung nach einem neuen Plan“ macht. Das passt perfekt mit den Bedürfnissen der rasch wachsenden Handelsstadt zusammen, die endlich eine „City“ will: 1897 ist das Rathaus fertig, seit 1899 der Hauptbahnhof in Bau. Dazwischen will man kein unansehnliches, schmutziges Gängeviertel mehr. Sanierungserfahrung hat man schon: Für den Bau der Speicherstadt mussten ab 1882 insgesamt 20.000 Menschen weichen, viele davon aus einem kleinen Gängeviertel am Kehrwieder. Sie zogen über das Fleet in die Altstadt und nach St. Georg. 1890 fing man an, die Kaiser-Wilhelm-Straße durch die Gängeviertel der Neustadt zu brechen. Und ab 1900 kauft die Stadt Grundstücke in der südlichen Neustadt rund um den Kornträgergang, lässt abreißen und neu bauen – sogar Wohnungen für die Vertriebenen. Denkfehler verhindern deren Rückkehr: Fehlende Mietpreisbindung bei vielen Wohnungen macht sie zu teuer, das Verbot von Untermietern raubt eine notwendige Nebeneinnahme. Die früheren Einwohner weichen in die Altstadt aus, nach St. Georg und Hammerbrook. Das Gängeviertel der nördlichen Neustadt um Valentinskamp und Bäckerbreitergang darf vorerst bleiben; es gilt als geradezu paradiesisch verglichen mit den Zuständen in der Altstadt. Die Senatstaktik, eines nach dem anderen abzuräumen, verhindert, dass sich 50.000 Menschen gleichzeitig eine neue Bleibe suchen müssen – und auf die Barrikaden gehen. Nach dem Hafenarbeiterstreik von 1896, an dem mehr als 16.000 Menschen beteiligt waren, wächst die Überzeugung, dass man das Gängeviertel der Altstadt generalsanieren soll: kompletter Abriss, neue Straßen, neue Verkehrssysteme, um die Arbeiter aus entfernteren Stadtteilen zum Hafen transportieren zu können, und der Bau repäsentativer Kontor- und Geschäftshäuser. Ein Weltstadt-Boulevard soll Rathaus und Hauptbahnhof verbinden, mit einer „Unterpflasterbahn“ und oben den neuen elektrischen Straßenbahnen. Dafür soll jedes alte Haus auf dem Gebiet zwischen Niedernstraße, Hauptbahnhof, Lilienstraße und Pferdemarkt (heute Gerhart-Hauptmann-Platz) verschwinden. Am 14. Mai 1906 veröffentlicht der Senat seinen Beschluss „zur Herstellung einer neuen Straße zwischen Rathausmarkt und Schweinemarkt und betreffend Verbesserung der Wohnverhältnisse in einem Teile der Altstadt“. Die Stadt kauft Grundstücke auf, enteignet, verkauft sie an die Investoren der neuen Großbauten. Im April 1907 werden die ersten Gängeviertler gekündigt. Wer nicht freiwillig geht, wird vertrieben, gern deckt man schon mal die Dächer ab, um letzte Mieter zu vertreiben. Dann wird großflächig abgebrochen. Erst zwischen Lilienstraße und Steinstraße, ab 1913 zwischen Steinstraße und Niedernstraße – dort entsteht das Kontorhausviertel. Viele Menschen ziehen verzweifelt im Gängeviertel um. Sie wissen noch nicht, dass der Senat beschlossen hat, „die vorhandene Bebauung vollständig niederzulegen“, wie Baudirektor Sperber 1914 erläutert. Der Senat diskutiert ausgiebig über die Pflasterung der späteren Mönckebergstraße. Von Wohnungen spricht er nicht, das wollte man ja schon 1902 per „Gesetz zur Förderung des Baues kleiner Wohnungen“ geregelt haben.

Bis 1910 verlassen 16.000 Personen das Gebiet. Man baut für sie vor allem Mietskasernen in Barmbek, bis zu 820 Menschen pro Hektar sollen dort zusammengepfercht werden – Durchschnitt sind in Hamburg damals 119. Und in Hammerbrook, das bald schon Jammerbrook heißt. Auch wenn 1900 schon 30 Straßenbahnlinien die Stadtteile verbinden – der Weg zur Arbeit verlängert sich spürbar. Wenigstens mahnt die SPD an, die Fahrpreise arbeiterfreundlich zu gestalten. Die Steuerzahler ahnen bald, dass das Riesenprojekt einigen Mitbürgern illegal die Taschen füllt. Am 16. November 1905 erscheint in der SPD-Zeitung „Hamburger Echo“ ein Bericht „über den intimen Verkehr gewisser Beamten mit den Spekulanten“. 20 Prozent der Grundstücke im Sanierungsgebiet seien von dubiosen Geschäften betroffen. Kein Wunder, denn hier liegt Geld auf der Straße. Wer die Lage der neuen Straßen kennt, kann strategisch vorab Grundstücke kaufen und sie überteuert an den Staat weiterreichen. Spekulationsgewinne von etlichen tausend Mark bis zu Millionen locken. Seit August 1904, das findet ein Untersuchungsausschuss heraus, den die Bürgerschaft am 6. Dezember 1905 ein setzt, kursierten die Pläne. Es gab viele Flüsterer. Bauzeichner Böschke hat den Plan mit den Verläufen der neuen Straßen kopiert und weitergereicht. Der macht schnell die Runde – Kaufleute, Fischhändler, Generalkonsuln, Weinhändler, Makler, Architekten und Bürgerschaftsabgeordnete können nicht widerstehen und bereichern sich, im Besitz dieses Geheimwissens.

Ein Beamter der Finanzdeputation gibt eine Liste der aufzukaufenden Grundstücke weiter. Ein Kollege aus der Baudeputation kauft gleich selbst. Der Chef des Hamburger Ingenieurwesens Sperber verrät die Lage der neuen Straßen u.a. an den Rathausarchitekten Martin Haller, der das ebenfalls weitererzählt. Der Präsident der Sanierungskommission plaudert gegenüber Hausmaklern. Einer von ihnen verkauft weiter an den Kaufmann und Bürgerschaftsabgeordneten Edmund Siemers. Der schlägt am Pferdemarkt zu und erwartet einen Gewinn von 1,5 Millionen Mark. Als das publik wird, verkauft er für die Spott-Rendite von 60.000 Mark – immerhin noch das Monatsgehalt von 1000 Hafenarbeitern. Entlassen wird einzig der Bauzeichner, alle anderen dürfen – nachdem sie vor dem Untersuchungsausschuss ein Kartell des Schweigens gebildet haben – ihre Extraprofite behalten. Ohne sie hätte die Stadt in diesem Fall sogar profitabel verkaufen können, so machte sie unterm Strich noch etwa fünf Millionen Mark Verlust. Die Gängeviertel-Reste in der Altstadt werden 1930 abgebrochen, in der Neustadt wird der letzte große Komplex 1958 für das Unileverhaus abgerissen.

Damit liegt die Verantwortung, an übelste Wohnverhältnisse zu erinnern, an die Abrisspolitik vor 100 Jahren und an die Vertreibung der Wohnbevölkerung aus der Innenstadt, jetzt ganz allein bei den 12 Häusern zwischen Speckstraße, Valentinskamp, Caffamacherreihe und Bäckerbreitergang. Zusammen mit der Hoffnung, dass hier Modelle für ein selbstbestimmtes Wohnen und Arbeiten entstehen, die jenseits von Profitgier und Geschichtsvergessenheit in die Zukunft weisen.

Geerd Dahms: Das Hamburger Gängeviertel - Unterwelt im Herzen der Großstadt. Osburg Verlag, 288 S.