Leben für Gott auf dem Kiez

Schwester Clemensa: Mein Vorbild, Mutter Teresa

Foto: Patrick Piel / Patrick Piel/Piel

Ihr Leben widmet Schwester Clemensa Gott und den Mitmenschen. Auf dem Kiez ist sie für die Menschen am Rande der Gesellschaft da.

St. Pauli. Der Kiez ist nicht Kalkutta. Auf der Reeperbahn liegen keine Leprakranken am Bürgersteig, und zu trinken gibt es auch genug. Doch auch hier zwischen den Spelunken, Tabledance-Bars und Dönerläden gibt es Menschen, die Hilfe benötigen. Die jemanden brauchen wie Schwester Clemensa - die Mutter Teresa von St. Pauli. Mit forschem Schritt geht die Franziskanerin die Große Freiheit entlang. Die bunteste Straße auf dem Kiez, wie die Ordensfrau sie nennt. Die Straße, die sich jede Nacht zur Partymeile verwandelt und in der Schwester Clemensa wohnt. Direkt gegenüber dem Musikklub Große Freiheit 36.

"Moin, Schwester", ruft ihr ein Mann in abgewetzter Kleidung zu. Der unrasierte Mittfünfziger lehnt an einer Hauswand. Zum Gruß hebt er seine Bierdose. Es ist nicht das erste Bier, das er an diesem Morgen trinkt. Die 69-Jährige, unter deren Kopfbedeckung weiße Haarsträhnen hervorragen, kennt ihn. Er ist jeden Tag Gast in der Alimaus, einer Sozialeinrichtung für Obdachlose und Bedürftige am Nobistor. Schwester Clemensa leitet das Haus seit Mai 2009, das mit seiner roten Holzfassade und dem Grasdach wie ein schwedisches Ferienhaus aussieht. Gemütlich, warm, offen für jeden. 300 bis 400 Menschen kommen täglich, um zu essen und sich aufzuwärmen - mit Kaffee, aber auch durch ein bisschen Zuneigung.

+++Mutter Teresa: "Gottes Wege sind wunderbar."+++

"Wir müssen zwar nicht wie Mutter Teresa sterbenskranke Menschen von der Straße auflesen", sagt Schwester Clemensa. "Aber wir arbeiten in ihrem Sinne." Dem Menschen, die am Rande der Gesellschaft stehen, zu helfen, das Leben Gott und seinen Mitmenschen zu widmen, das ist auch ihre Mission. Sie bewundere die Arbeit von Mutter Teresa, die heute 100 Jahre alt geworden wäre. "Sie ist ein Vorbild für mich", sagt die Ordensfrau und lächelt sanft. Dabei kräuseln sich viele kleine Lachfalten um ihre hellblauen wachen Augen. Und sie sagt, es sei ein schönes Gefühl, gebraucht zu werden.

So wie hier auf dem Kiez. Ein Ort, an dem die Franziskaner-Schwester auffällt. Durch ihre hochgeschlossene schwarze Tracht und ihre aufgeschlossene Art. Auch an diesem Morgen zieht sie die Blicke auf sich. Touristen drehen sich nach ihr um. Frauen in knappen Miniröcken, die vermutlich gerade von der Arbeit kommen, nicken ihr freundlich zu. Zwielichtig aussehende Kerle mit breiten Schultern grüßen die Schwester in respektvollem Tonfall. "Gerade die Türsteher sind immer sehr höflich", sagt sie. Und so manche Gestalten, die vermutlich im Kiezmilieu zu Hause sind, stecken der Ordensfrau mit einem knappen "Für die Kaffeekasse" schon mal Geld zu. Es ist ihre ganz eigene Art zu helfen. Ohne viel Aufsehen. "Sie wissen, dass ich in der Alimaus arbeite", sagt Schwester Clemensa. So wie die meisten, die täglich auf der Reeperbahn anzutreffen sind.

+++Liebe Leserinnen, liebe Leser+++

Ja, diese Leute pflegten schon einen anderen Lebensstil. "Aber deshalb sind es ja keine schlechten Menschen. Sie sind nur anders", sagt die zierliche Frau, die auch schon der Kultkneipe Zum Silbersack einen Besuch abstatte. Interessant sei es, in diese anderen Welten einzutauchen. "Jeder lässt jeden nach seinem Stil leben."

Ablehnung bekomme sie nicht zu spüren auf Hamburgs Amüsiermeile. Umgekehrt begegnet sie jedem mit Respekt. Egal, ob oder womit er sein Geld verdient. "Es ist eine sehr tolerante Gegend hier", sagt Schwester Clemensa, während sie am Café Möller am Beatles-Platz vorbeigeht ("Hier trinke ich ab und zu einen Kaffee"). Um hier glücklich zu werden, sei es wichtig, jedem unvoreingenommen gegenüberzutreten. "Man muss sich für die Menschen hier interessieren - und sie ein Stück weit lieben."

Weniger geliebt hat sie das Bauernhofleben in niedersächsischen 4000-Einwohner-Ort Merzen, in dem Clemensa Möller 1941 zur Welt kam. "Das war nicht mein Ding", sagt sie und rümpft für einen kurzen Augenblick die Nase. "Ich hatte keinen Draht zum Bauernhof." Groß geworden ist sie fernab von grell blinkender Leuchtreklame in einem katholischen Elternhaus. Zusammen mit drei Brüdern und einer Schwester. "Gottesdienstbesuche gehörten für uns dazu wie das Essen und Trinken."

Mit Ordensschwestern kam sie das erste Mal in Kontakt, als sie auf ein Internat im Emsland kam, wo sie ihre mittlere Reife machte. "Aber eine Ordensschwester wollte ich damals noch nicht werden", sagt sie und lacht.

Als Teenager träumte sie noch vom Heiraten und Kinderkriegen. "Das Leben der Schwestern war mir fremd." Aber sehr geschätzt habe sie diese Frauen. Und sie beobachtet. "Mit der Zeit wuchs der Wunsch, denselben Weg einzuschlagen."

Mit 20 stand ihr Entschluss fest, ins Kloster zu gehen. Eine Entscheidung, die ihre Familie wenig begeisterte. "Meine Geschwister fanden es sogar unmöglich", erinnert sich die Frau mit dem hübschen Lächeln. Ihre Mutter habe es akzeptiert. "Sie hat es hingenommen, weil sie wusste, dass es wenig Sinn macht, mich davon abzubringen." So sei sie schon als Kind gewesen. "Wenn ich mir etwas fest vorgenommen habe, habe ich es auch gemacht."

Schwester Clemensa schmunzelt, und für eine Sekunde scheint das kleine, dickköpfige Mädchen von früher vor einem zu stehen. Dass sie in dem Franziskanerkloster in Thuine bleiben wollte, sei ihr eigentlich von Anfang an klar gewesen. "Ich hatte dieses Gefühl: Hier gehöre ich hin. Die Gemeinschaft zu erleben war schön. Und wir hatten viel Spaß - wir waren ja alle noch sehr jung damals", sagt Schwester Clemensa, die im Laufe der Jahre unter anderem in verschiedenen Kinderheimen als Erzieherin tätig war und vor ihrer Hamburger Zeit in der "Wärmestube" in Osnabrück gearbeitet hat.

Eines haben all ihre Stationen gemeinsam: die Nächstenliebe, die für Schwester Clemensa wesentlicher Bestandteil ihres Selbstverständnisses ist.

"An Nächstenliebe fehlt es immer", sagt sie und geht zielstrebig Richtung Nobistor. "Man bemüht sich, das zu geben, was jeder braucht - aber erfüllen kann man es nicht." Entmutigt klingt sie dabei nicht. Eher bescheiden.

Den Gästen in dem Haus Alimaus, das durch Spenden finanziert wird, hat sie gemeinsam mit vier anderen Schwestern und 200 ehrenamtlichen Helfern viel zu geben. Mehr als nur Frühstück und Mittagessen. Hier können die Mittellosen auch die Seele auftanken. "Manchmal hilft es schon, wenn sich jemand ihre Sorgen und Nöte anhört und man einfach nur zuhört", sagt Schwester Clemensa. Sie steuert den Eingang der Sozialeinrichtung an.

Sie wird bereits erwartet. Rund ein Dutzend Bedürftiger steht vor der Tür. Die Männer schenken der Ordensfrau ein Lächeln, das sie erwidert. Berührungsängste hat sie nicht. Es sind keine Leprakranken, die dort auf sie warten. Aber Menschen, die zum Teil schon längere Zeit nicht mehr geduscht haben. Die ihre Alkoholsucht nicht im Griff haben. Ebenso wenig wie ihr Leben. Schwester Clemensa gibt ihnen ein Stück ihrer Würde zurück.

Spendenkonto: Hilfsverein St. Ansgar, Hamburger Sparkasse, Kontonummer 103 824 60 60, BLZ 200 505 50, Stichwort "Alimaus"