Geburtshilfe

Immer mehr Hebammen geben auf

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Nach Erhöhung der Haftpflichtprämien lohnt sich Geburtshilfe nicht mehr. Auch für eine Hamburger Hebamme ist jetzt Schluss.

Hamburg. Neun Jahre lang hat Simone Uth in der Asklepios-Klinik Heidberg Babys zur Welt gebracht. Sie mochte den Job als Beleg-Hebamme sehr. Diesen engen Kontakt zu ihren Frauen, wenn diese erst wenige Wochen schwanger zum ersten Mal zu ihr kommen und während der Entbindung und der Zeit danach von ihr betreut werden. Dennoch musste Simone Uth die Geburtshilfe aufgeben.

Mit der drastischen Erhöhung der Haftpflichtbeiträge für freiberufliche Hebammen lohnt es sich finanziell für die 34-Jährige nicht mehr. Schon ein Zehntel der Hebammen, die bundesweit freiberuflich Beleg-Geburtshilfe anbieten, haben aufgehört. Und es werden wohl noch mehr werden. Susanne Lohmann vom Hebammenverband Hamburg: "Eltern können in Zukunft den Geburtsort für ihr Kind nicht mehr frei wählen, vor allem die sozial benachteiligten Stadtteile werden nicht ausreichend mit Hebammenhilfe versorgt werden können." Ihr Verband macht bundesweit mit Mahnwachen auf die Existenznot aufmerksam. In Hamburg kamen viele Hebammen gestern an der Reesendammbrücke zusammen.

"Mir fehlen die Geburten", sagt Simone Uth aus Norderstedt. Dieses schöne Gefühl, das sie mit der Schwangeren teilt, wenn das Kind da ist, vermisst sie. Sie hätte gern weiterhin in der Geburtshilfe gearbeitet, aber sie muss auch Geld verdienen. Durchschnittlich vier Geburten hatte sie im Monat als Beleg-Hebamme betreut. Beleg-Hebamme bedeutet, dass die Frau die eigene Hebamme mit in den Kreißsaal nimmt. Um überhaupt noch Geld zu verdienen, müsste Frau Uth bis zu 20 Frauen im Monat bei der Geburt betreuen. "Das kann ich gar nicht leisten." 237,85 Euro zahlen die Krankenkassen einer sogenannten Beleg-Hebamme bislang pauschal für die bis zu elfstündige Geburt in einer Klinik. Zum 1. Juli stieg trotz heftiger Proteste und einer elektronischen Petition die vorgeschriebene Berufshaftpflicht für Hebammen von bislang 2370,48 Euro im Jahr auf nun 3689 Euro jährlich. Durchschnittlich erzielt eine freiberufliche Hebamme 23.300 Euro Umsatz im Jahr. Das zu versteuernde Einkommen liegt im Schnitt bei 14 150 Euro im Jahr, netto bleibt ein Verdienst von 7,50 Euro pro Stunde. Welche Hebamme ist schon bereit, allein für die Haftpflicht zu arbeiten? "Inzwischen kann die freiberufliche Hebammenarbeit bestenfalls als Nebenjob gelten", sagt Susanne Lohmann.

Wenn es nicht gelinge, eine realistische Perspektive für die freiberuflich tätigen Kolleginnen zu entwickeln, werden noch viele die Geburtshilfe aufgeben. Damit wird es auch in Hamburg schwieriger sein, eine von rund 40 zurzeit noch tätigen Beleg-Hebammen zu finden. Susanne Lohmann: "Zudem wird diese individuelle Geburtshilfe künftig nur wohlhabenden Familien vorbehalten sein." Die Hebammen werden über eine Anhebung der Rufbereitschaftspauschale einen finanziellen Ausgleich schaffen, sodass eine Geburt die Familien mehr als 500 Euro kosten kann. Die Hamburger SPD-Bundestagsabgeordnete Aydan Özuguz kam gestern zur Mahnwache in die Innenstadt. Sie sagt: "Die Unterstützung von Hebammen muss wesentlicher Bestandteil von Familienpolitik sein. Sie brauchen eine gesicherte Vergütung. Wir wissen alle, dass die Krankenkassen nicht unter Geldknappheit leiden."

Simone Uth arbeitet nur noch in der Vorsorge, gibt Kurse und betreut die Frauen nach der Geburt. Ihr zweites berufliches Standbein ist mittlerweile das medizinische Taping bei Schmerzen.