Flucht nach Deutschland

Jung, klug, nicht gewollt - trotz Abi-Note 1,6

Foto: Marcelo Hernandez

Mit zehn Jahren flieht Aischat nach Hamburg-Wilhelmsburg. Sie spricht kein Wort Deutsch. Jetzt hat sie ihr Abitur mit der Note 1,6 gemacht.

Die Aussicht ist gut. Aischat wacht auf und schaut auf die grünen Blätter der hohen Eichen vor ihrem Fenster. Weiter entfernt sieht sie Wiesen, Windkraftanlagen und den Energieberg Georgswerder. So heißt der 40 Meter hohe Hügel in Wilhelmsburg.

Im 5. Stock eines Neubaus lebt Aischat mit ihrer Großmutter, ihrem Vater und ihren zwei jüngeren Geschwistern Ilias, 17, und Mariam, 15. Jedes der fünf Zimmer ist sparsam möbliert. Aischat zeigt auf einen Schrank im Wohnzimmer. "Der Schein trügt. Der Schrank ist seit Jahren leer." Aischat teilt sich das Zimmer mit ihrer Schwester. Auf einem kleinen Tischchen neben ihrem Bett liegen der Koran auf Deutsch, eine Maske aus Venedig und das Buch "Der kleine Prinz" auf Französisch. "Das war meine mündliche Abi-Prüfung. Die Maske hat mein Bruder Ilias mir von seiner Klassenreise mitgebracht." Aischat lächelt und ihre großen Ohrringe wippen bei jeder ihrer Bewegungen mit.

Aischat ähnelt in vielem jungen Frauen ihres Alters. Die zierliche 19-Jährige trägt ein gepunktetes Kleid. Sie wirkt aufgeschlossen, ihr Blick ist offen. Aber sie hat Dinge erlebt, die ihre Mitschüler nur aus dem Fernsehen kennen.

Nach einer dramatischen Flucht aus dem zerbombten Grosny kam Aischat mit ihrer Familie vor neun Jahren nach Hamburg. Sie sprach kein Wort Deutsch. Trotz alldem schaffte Aischat ihr Abitur am Goethe-Gymnasium mit der Note 1,6. Ihre Duldung wurde zwar gerade wieder um drei Monate verlängert. Aber was kommt dann? Kann sie bleiben und hier studieren?

Wie Aischat haben 15,3 Millionen Menschen in Deutschland - das sind 20 Prozent - einen Migrationshintergrund. Aber nur etwa die Hälfte dieser Menschen besitzt einen deutschen Pass. Nach der Studie "Ungenutzte Potenziale - Zur Lage der Integration in Deutschland" des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung über Zuwanderer sind die meisten erwerbslosen Migranten schlecht qualifiziert. Allerdings liegt der Akademikeranteil unter Zuwanderern in Hamburg bei 29 Prozent. "Wir können auf kein einziges Talent in unserem Land verzichten", sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel auf einem Integrations-Symposium in Berlin.

Aischat ist so ein Talent, doch es zu nutzen wird ihr nicht leicht gemacht. Sie und ihre Familie kamen ohne Papiere nach Deutschland, also illegal. Nach der Einreise beantragten sie Asyl, durch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge wurde der Antrag geprüft und abgelehnt, ihr Aufenthalt aber geduldet. Auf Empfehlung der Härtefallkommission erhielt die Familie im Januar 2009 eine einjährige Aufenthaltserlaubnis, die mit dem Hinweis verbunden war, dass diese Erlaubnis nur verlängert werde, wenn der Lebensunterhalt einschließlich Krankenversicherungsschutz gesichert sei und gültige Pässe vorgelegt würden oder geeignete Nachweise. Genau das sei dem Vater bislang aber nicht möglich gewesen. Aber was kann Aischat dafür?

Aischat, das Mädchen mit dem Einser-Abitur, sitzt in ihrem Zimmer und erinnert sich. Am 31. Dezember 1994 dringt die russische Armee in Grosny ein. Luftangriffe, Artilleriebeschuss, die Zivilbevölkerung ist verängstigt. "Wenn die Bomben fielen, zitterten unsere Fenster", sagt sie und fährt sich mit der Hand durch ihre Haare. Zu Beginn des Krieges ist das Mädchen vier Jahre alt.

Als Aischat fünf ist, stirbt ihre Mutter. "Sie wurde auf der Straße von einem Heckenschützen erschossen, war sofort tot." Aischat sagt das ganz ruhig. Es sei ein Kopfschuss gewesen.

"Ich kann mich nicht an sie erinnern." Ihr schmales Gesicht ist ernst. Sie blickt aus dem Fenster und sagt: "Alle Verwandten beschreiben meine Mutter als ruhig und ausgeglichen." Aischat hat kein Foto von ihrer Mutter - nur ein wenig Schmuck. "Ihre schönen Ohrringe habe ich besonders gern getragen. Leider habe ich sie irgendwo in Hamburg verloren."

Eingeschult wird Aischat in dem Dorf Belgatoj, in der zweiten Klasse wechselt sie auf die Schule in Grosny. Sie ist sieben Jahre alt, als ihr Vater wieder heiratet. "Wir hatten ein schönes Leben, wohnten in einem dreistöckigen Haus und mein Vater hatte seine Praxis im Keller. Er ist Augenarzt."

Seitdem der Vater in Deutschland ist, hat er nicht wieder gearbeitet. Bis Oktober 2005 hätte der Vater nach Aussage der Hamburger Innenbehörde arbeiten dürfen. Da sich die Familie nicht um die Beschaffung von Pässen bemühte, wurde die Arbeitsaufnahme danach untersagt. Erst seit der Erteilung der Aufenthaltserlaubnis könnte er wieder, doch es fehlen ihm die Möglichkeiten. Bislang fehlte ihm sein Augenarzt-Diplom, jetzt soll es vorliegen, allerdings muss es noch beglaubigt werden. Bei Aischats Familie handelt es sich nun um ein schwebendes Verfahren, dessen Ausgang offen ist.

1999 beginnt in Tschetschenien der zweite Bürgerkrieg. Bomben fallen, Häuser brennen. Aischats Familie pendelt zwischen dem Stadthaus in Grosny und ihrer Datscha auf dem Land. Die Bomben schlagen täglich näher ein. "Eines Tages krachte es unbeschreiblich und alle Fenster im Haus waren kaputt", erinnert sich Aischat. Die Familie zieht aufs Land. "Mein Vater hat dann notgedrungen als Taxifahrer gearbeitet. Aber wir mussten immer an russischen Streckenposten vorbeifahren. Es wurde lebensgefährlich." Die Nachbarn und Freunde - längst weggezogen oder tot. "Für uns gab es in Tschetschenien keine Perspektive mehr."

Einziger Ausweg für Vater, Großmutter, Stiefmutter, Aischat und ihre drei Geschwister war die Flucht. Jeder hatte nur einen Rucksack dabei. "Meinen Teddy konnte ich nicht mitnehmen. Er war zu groß." Aischat zeigt etwa 70 Zentimeter mit ihren beiden Händen.

An die lange beschwerliche Reise über Land bis nach Deutschland erinnert sich die junge Frau nur noch bruchstückhaft. "Wir wurden streckenweise geschleust, denn wir hatten ja kein Visum. Zeitweise mussten wir uns in einen stickigen Kofferraum quetschen. Dann wanderten wir wieder stundenlang durch den Wald." Weiter ging es mit Autos und Zügen. Ihr Vater sei voller Angst, nervös und gereizt gewesen. "Wir Kinder haben nicht viel gefragt", sagt Aischat.

An einem Freitag im März 2001 kommt die Familie in Hamburg an. Aischat weiß heute nicht mehr, wo. "Nach stundenlangem Warten auf der Polizeiwache - es gab Knäckebrot und Streichwurst - konnten wir endlich spätabends auf das Flüchtlingsschiff. Wir waren todmüde und wollten nur noch schlafen." Ihre erste Adresse für vier Monate: "Bibby Challenge", Neumühlen. Aischat ist zehn Jahre alt.

Am 28. März 2001 kommt das Mädchen in eine Auffangklasse für Flüchtlinge ohne Deutschkenntnisse. Schicksal, Zufall oder Glück? Die Klasse ist am Goethe-Gymnasium, weil es zu der Zeit in Hamburg gerade einen Personalüberhang unter Lehrern gibt. Aischat lernt schnell, vor allem die neue Sprache Deutsch. Bereits nach einem halben Jahr mit Beginn der sechsten Klasse geht sie in die reguläre Klasse und bleibt. Heute spricht Aischat fünf Sprachen fließend, außer Tschetschenisch auch Russisch, Englisch, Französisch und Deutsch, das sie ohne Akzent beherrscht. Die Korrespondenz mit den Behörden hatte von Anfang an sie übernommen. Eine Juristin aus Kasachstan habe ihr geholfen. "Sie hat die Papiere durchgesehen und mir gezeigt, wie man einen Aktenordner anlegt." Drei Ordner sind es mittlerweile geworden. Sie habe sich sogar eine Vollmacht von ihrem Vater geben lassen, um allein mit den Sachbearbeitern sprechen zu können, sagt die 19-Jährige. "Eine Sachbearbeiterin rief mich immer in der Schule an." So blieben Aischat lange Wartezeiten auf dem Amt erspart. Dennoch sammelten sich 331 Fehlstunden in zwei Schuljahren an.

Immer wieder geht es auch um Geld für das tägliche Leben. "Wir haben 800 Euro pro Monat für vier Personen. Das reicht gerade für das Nötigste", sagt Aischat. Einige ihrer ehemaligen Mitschüler haben 800 Euro pro Monat für sich allein, für Wohnung, Auto, Kleidung, Restaurantbesuche. Sie sagt dagegen: "Ich komme mit sehr wenig Geld zurecht."

Was wünscht sich die Familie? "Wir möchten endlich ein normales Leben leben." Erstaunt reagiert Aischat auf die Frage, was ihr am meisten Freude in der Schule gemacht habe. "Kann ich sagen, dass ich gern zur Schule gegangen bin?", fragt sie vorsichtig. Schule und Lernen waren Aischats Lebensinhalt. "Es ist traurig, dass die Schulzeit zu Ende ist." Ihre Freude über die Abi-Note 1,6 ist aber verhalten. "Damit hat man noch nicht einmal die freie Studienplatzwahl." In der neunten Klasse lag ihr Notenschnitt bei 1,3. "Alle dachten, ich mache ein Abi mit 1,0."

Sie habe zu viele Pflichten gehabt, sich nicht immer aufs Lernen konzentrieren können, bestätigt Egon Tegge, Direktor des Goethe-Gymnasiums. Zeitweise lebte die Familie zu siebt in zwei Zimmern. "In den USA wäre Aischats Status längst geklärt und es würde schon lange Förderer für sie geben, damit das Mädchen mit einem Stipendium in Ruhe hier studieren kann, ohne Angst vor einer Ausweisung", sagt Direktor Tegge. Am Goethe-Gymnasium haben 35 Prozent der Abiturienten einen Migrationshintergrund. "Aber im deutschen Recht ist so ein Fall nicht vorgesehen." Und Tegge wird noch deutlicher. Es sei "eine Schande, wenn ein so talentiertes Mädchen mit diesem tollen Abi hier nicht studieren kann".

BAföG könne sie nicht beantragen, "weil ich keine Deutsche bin und keine Aufenthaltsgenehmigung habe", erklärt Aischat. Aber Klagen kommen nicht über ihre Lippen. Alles, was sie sagt, sagt sie ruhig. "Ich hatte wenig Möglichkeiten, mich zu entfalten", stellt sie sachlich fest. Eines wolle sie auf gar keinen Fall: Mitleid. Dann sagt Aischat: "Ich habe in meinem Leben viel Glück gehabt. Und ich habe nichts dazu getan." Ihre Worte überraschen und beschämen.

Was gibt Aischat Halt und woraus schöpft das Mädchen aus Tschetschenien seine Kraft? Es sei wohl der amerikanische Traum: Wenn du dich anstrengst und dir Mühe gibst, schaffst du es, meint sie. Auf die Frage: "Wer bist du und womit identifizierst du dich?", kommt Aischats Antwort prompt: "Muslimin, Tschetschenin, Mädchen, große Schwester und Tochter." Täglich liest sie drei Seiten im Koran - auf Deutsch. Sie sei mit klaren traditionell geprägten Regeln aufgewachsen. Rauchen, trinken, bis in die Nacht weggehen, ein Freund - das sei für sie undenkbar, obwohl sie volljährig ist. "Volljährig gibt es bei uns nicht, nur ein vor und nach der Heirat."

Dass sie durchsetzungsstark ist, bewies sie beim Fußballspielen. Fußball, das ist viel mehr als nur ein Hobby. Es wird zu einer Art Zuflucht für Aischat. Wenn sie von den Spielen mit dem SV Osdorfer Born erzählt, beginnt ihr Gesicht zu strahlen. Lebhaft berichtet Aischat von den Wochenenden mit der Mädchenmannschaft, den Fahrten zu Turnieren und von ihrem Trainer, Roman Netzlaw. Er ist Vorbild und Leitfigur. Netzlaw unterstützt Aischat, kauft ihr sogar Sportschuhe und Kleidung und zahlt den Mitgliedsbeitrag für sie. "Dabei hat er drei Jobs und ist kein reicher Mann", sagt Aischat. Mit 17 Jahren hört sie mit dem Fußball auf, weil ihr Vater das so will und "weil es sich für eine junge Frau aus meinem Kulturkreis nicht gehört".

Hat sie Angst vor einer Ausweisung? "Ich erwarte es nicht. Bisher wurde das Papier immer alle drei Monate verlängert. Passiert es trotzdem, fürchte ich mich nicht." Mittlerweile nehme sie die Dinge, wie sie kommen.

Das Papier: Fiktionsbescheinigung steht da. "Es ist eine Schande, wenn man diesen Ausweis vorzeigen muss. Das klingt, als wenn es uns gar nicht gibt." Ihre Stimme wird leise.

Die Frage bleibt: Wie fühlt es sich an, nie wirklich planen zu können? Immer auf Abruf, im Ungewissen. "Ich lebe Tag für Tag und habe bei den vielen Behördengängen Gelassenheit gelernt." Auch eine andere Eigenschaft habe ihr geholfen. "Ich reagiere sofort auf Veränderungen und passe mich an."

"In meinem Leben habe ich mir immer kleine Ziele gesetzt." Und dann spricht sie doch kurz über ihre Träume: Reisen und die Welt kennenlernen. "Ich möchte noch viel lernen und anderen Menschen helfen." Wie ihrer Tante in der Heimat, die arbeitslos geworden ist. Auch deshalb setzt Aischat alle Hoffnungen auf einen Studienplatz. Sie möchte Medizin studieren und hat sich in mehreren Städten beworben. "Am besten wäre, wenn es mit Dresden klappt. Denn dort sind die Mieten niedrig und das Essen ist günstig. Wenn ich dort jobbe und damit für mich selbst sorgen kann, kann ich auch meiner Familie noch viel besser helfen."