So war's

Theater Neue Flora: Straßenschlacht um ein Musical

Foto: Morris Mac Matzen/mmacm.com / Stage Entertainment

Vor 20 Jahren störten Krawallmacher die Premiere des "Phantoms der Oper". Sie fürchteten eine "Yuppisierung" des Schanzenviertels.

Hamburg. Es liegt eine merkwürdige Atmosphäre über der Stadt in diesem ausgehenden Juni 1990. Angespannt ist sie und aufgeheizt, was nicht am Wetter liegt, sondern daran, dass ein Theaterstück aufgeführt werden soll. Das Erfolgsmusical "Das Phantom der Oper" des englischen Komponisten Andrew Lloyd Webber hat am 29. Juni 1990 in dem eigens dafür gebauten Theater Neue Flora Premiere - und die Eskalation zwischen kritischen bis gewaltbereiten Gegnern, die mit dieser Aufführung eine "Yuppisierung" des Schanzenviertels fürchten, und dem von der Stadt unterstützten Musicalproduzenten Friedrich Kurz steuert auf ihren Höhepunkt zu.

"Hier wird nichts vertuscht, hier wird alles auf den Tisch gelegt", sagt ein sichtlich angeschlagener Innensenator Werner Hackmann (SPD) am Tag nach der Premiere. "Englischer Komponist trotzt deutschen Terroristen", schreibt die englische Presse über den Premierenbesuch von Lloyd Webber. "Das hat sich bei allen beteiligten Polizisten eingebrannt als etwas, das nicht hätte passieren dürfen", sagt der damalige Polizeipräsident Dirk Reimers noch heute.

Er meint die Straßenschlacht, die vor der Neuen Flora an der Alsenstraße Ecke Stresemannstraße tobte, kurz bevor sich der Vorhang dort zur Premiere hob. Er erinnert sich an die Premierenbesucherin, der sogenannte Demonstranten auf den Stufen des Theaters die Perücke vom Kopf rissen. An die andere Dame, der sie Bier und Cola über den Kopf gossen. An die Tomaten und Farbbeutel, die auf in Smoking und Abendkleidern gekleideten Besuchern landeten. An die "Mörder! Mörder!"-Rufe, die auf dem Vorplatz den Menschen entgegenhallten, die sich nur auf eine festliche Premiere freuten.

Im Theater ist es ruhig an diesem Abend. Die dicken Betonwände halten den Lärm draußen. In ihrer Garderobe sitzt Anna Maria Kaufmann. Sie ist erst 27 Jahre alt und weiß, dass sie vor den Stunden ihres Lebens steht. In Kanada aufgewachsen, hat die klassische Sopranistin mit deutschen Vorfahren bisher weniger große Rollen in Opern und Operetten gesungen. Jetzt hat sie die Hauptrolle in dem opulenten Musical an der Seite von Deutschlands damaligem Star-Tenor Peter Hofmann.

Anna Maria Kaufmann ist die schöne Tänzerin Christine Daaé, die 1880 an der Pariser Oper als Tänzerin arbeitet. Von allen gefürchtet, aber nie gesehen lebt in den tiefen Katakomben der Oper ein entstellter Mann. Ein Genie, das "Phantom der Oper", das sein Gesicht hinter einer Maske verbirgt. Dass Produzent Friedrich Kurz dafür den Opernsänger Peter Hofmann gewinnen konnte, war ein Überraschungscoup.

Der Wagner-Tenor auf einer Musical-Bühne, das ist absolutes Neuland für ihn und seine Fans. Das Phantom verliebt sich in Christine, verhilft ihr zu einer Gesangskarriere und gibt sie nach vielen Wirrungen auch für ihren Geliebten frei. "Dafür, dass ich neben Peter Hofmann auf der Bühne stehen konnte, bin ich mein Leben lang dankbar", sagt Anna Maria Kaufmann noch heute. Zu dem inzwischen an Parkinson erkrankten Hofmann hält sie weiter Kontakt.

An diesem Abend aber spürt sie den Druck, der auf ihr lastet. "Er war der Star, ich musste mich beweisen", sagt sie. Im Publikum sitzen ihre aus Kanada angereisten Eltern, und als Anna Maria Kaufmann kurz ihre Garderobentür öffnet, sieht sie den Komponisten Andrew Lloyd Webber vorbeigehen. "Da wusste ich, jetzt wird es ernst", sagt sie und lacht bei der Erinnerung daran.

Mit ein wenig Proben, so meint die Sängerin, könnte sie auch heute noch ihre Rolle von damals spielen. Anfragen aus Kanada und Wien hat sie jedoch abgelehnt. "Ich habe meinen Traum in Hamburg erfüllt und in dieser Rolle alles erreicht." Doch nach zwei Jahren konnte sie nicht mehr. Sechs Tage pro Woche, manchmal zwei Vorstellungen am Tag: "Ich habe immer alles gegeben. Dann war ich am Ende meiner Kraft."

Die Premiere aber ist erst der Anfang von allem und Anna Maria Kaufmann einfach nur glücklich. Andrew Lloyd Webber nimmt sie in den Arm. Er ist begeistert von der Aufführung seines Erfolgsstückes, das er 1986 im Londoner Her Majesty's Theatre uraufgeführt hatte. Hamburg ist die dritte Produktion außerhalb Londons neben Wien und New York. Webber achtet penibel darauf, dass die Inszenierungen überall genau gleich sind. Er hatte zuvor sein Creative Team von der Maske, über Bühnenbild, Tanz und Gesang alles in Hamburg überwachen lassen.

Nirgendwo aber auf der Welt sind Bühne und Theater, in dem das "Phantom der Oper" läuft, so groß. Mit Unterstützung der Stadt Hamburg hatte Friedrich Kurz innerhalb von zwei Jahren das 2000-Plätze-Theater für 120 Millionen Mark hochziehen lassen, nachdem die Wiederbelebung der Roten Flora zu einem Theater am Schulterblatt an gewalttätigem Protest gescheitert war. 18 Millionen Mark zusätzlich kostete die Produktion.

Dieses Musical könne sieben Jahre in Hamburg laufen, meinte Produzent Kurz damals, und niemand wollte ihm glauben. Doch so war es. Erst 2001 nach elf Jahren und 4500 Vorstellungen fiel der Vorhang zum letzten Mal. Auch wenn damals schon die beiden Webber-Musicals "Cats" in Hamburg und "Starlight Express" in Bochum liefen, schaffte das "Phantom der Oper" für die kommerziellen Musicals den endgültigen Durchbruch in Deutschland.

Genau das ist es, woran sich Protest entzündet, der auch den Bau der Neuen Flora begleitet. Nur unter Polizeischutz kann das neue Gebäude entstehen. "Kurz-Kultur im Fast-Food-Stil macht nur dumm und kostet viel", steht auf den Spruchbändern der Demonstranten am Premierenabend vor der Tür. Diese Bedenken der Anwohner machen sich etwa 800 bis 1000 teils zugereiste und gewaltbereite Musical-Gegner zu eigen. Barrikaden bauen, Steine und Flaschen werfen, Krähenfüße auslegen, Autos anzünden - diese Protestrituale hatten sie schon drei Tage proben können. Mehr als 2100 Teilnehmer eines Kongresses der Internationalen Handelskammer hatten in Hamburg über Brennpunkte der Wirtschaft diskutiert. Für die Polizei war es ein Vorgeschmack auf das, was sie am 29. Juni erwarten würde, als Kongressgäste auf dem Weg zum Begrüßungsdinner in der Fischauktionshalle bespuckt und beworfen wurden, ein Taxi eingekesselt und angegriffen wurde.

"Die Stimmung in der Stadt war aufgeheizt", erinnert sich der damalige Polizeipräsident Dirk Reimers, der heute als Geschäftsführender Vorstand die Deutsche Nationalstiftung leitet. Den Demonstranten standen bis zu 4000 aus dem Bundesgebiet zusammengezogene Polizisten gegenüber, von denen sich viele in Hamburg nicht auskannten. Das sollte zu einem zentralen Problem werden.

Einheiten des Bundesgrenzschutzes (BGS) - heute heißt er Bundespolizei - aus Bayern hatten die Aufgabe, für die Absperrung am Theater zu sorgen. "Sie waren nicht einsatzerfahren", sagt Reimers. Der Einsatzleiter setzte nach seiner Erinnerung zunächst nur einen Teil seiner Beamten direkt an der Neuen Flora ein. Der andere Teil verharrte in Wartestellung am Volkspark. "Das war der Fehler", sagt Reimers. "Als er die Kräfte brauchte, kamen sie nicht mehr schnell genug durch."

Mit wachsender Fassungslosigkeit verfolgt Reimers das Geschehen an dem Abend nur wenige Hundert Meter entfernt in der Einsatzzentrale der Polizeidirektion West an der Stresemannstraße. Vor dem Theater spielen sich chaotische Szenen ab. Die Besucher müssen sich paradoxerweise erst durch den Ring der Demonstranten und dann durch den Ring der Polizisten, die den Eingang sichern wollen, drängeln. Wieder und wieder fordert der Einsatzleiter die BGS-Kollegen über Funk auf: "Platz räumen, alle Kräfte einsetzen." "Aber nichts passierte", sagt Reimers. "Das ist, als wenn man im Auto bei voller Fahrt auf die Bremse tritt und nichts passiert." In seiner Stimme schwingt noch immer eine gute Portion Fassungslosigkeit mit. "Die Polizei war hilflos", sagt er. "Sie konnte ihrem Anspruch, die Menschen zu schützen, nicht gerecht werden." Diese Erinnerung schmerze noch heute. Die Bilder gingen damals um die Welt.

Dabei, so sagt Reimers, habe es eigentlich nur zehn kritische Minuten gegeben. Die riesige Leistung der Polizei, die nach der Aufführung 2000 Premierengäste unbeschädigt zur Feier in die Fischauktionshalle brachte, die sei völlig untergegangen.

Auf dem Weg dorthin im Bus sieht auch Anna Maria Kaufmann zum ersten Mal die Reste der Straßenschlacht vor dem Theater. Schon damals kann sie den Sinn darin nicht erkennen. "Aber", sagt sie heute, "die Demonstranten haben ja das Gegenteil erreicht."