Die Stadtteilserie

Eimsbüttel

| Lesedauer: 7 Minuten
Juliane Kmieciak und Oliver Schirg

Beliebt, aber nicht überlaufen: ein bunter Mix aus Wohn- und Geschäftsviertel

Es gibt zwei Wendepunkte in der Geschichte von Eimsbüttel: die Zeit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert, in der innerhalb weniger Jahre die Einwohnerzahl von wenigen Hundert auf mehr als 50 000 stieg, und die Nacht vom 24. auf den 25. Juli 1943, in der alliierte Bomber fast jedes zweite Wohnhaus zerstörten.

Heute fällt es schwer, Eimsbüttel einen passenden Stempel aufzudrücken. Der Stadtteil gilt weder als ein Ausgehviertel noch als grüne Lunge. Manchmal ist Eimsbüttel mondän, manchmal ist es gesellig. Aber niemals ist es protzig. "Eimsbuscher" - so heißen hier die Brötchen beim Bäcker - ist auf dem Teppich geblieben. Bei Menschen würde man "gut erzogen" und "aufgeschlossen" sagen.

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Beliebte Stadtoasen

Dabei war Eimsbüttel über viele Jahrhunderte ein verschlafenes, aus wenigen Höfen bestehendes Dorf. Eine erste Schule wurde 1693 gegründet, die erste Kirche - die Christuskirche - am 21. Januar 1886 geweiht. Seiner lieblichen Landschaft wegen war Eimsbüttel aber ein beliebtes Ausflugsziel. Christina Becker beschreibt in ihrem Stadtteillexikon das Fleckchen als "Ziel mondäner Landpartien" und "Lustdorf". Sicher ist, dass der 1784 eröffnete Heußhof, der dem heutigen Heußweg seinen Namen gegeben hat, wegen seiner Küche über Eimsbüttel hinaus geschätzt wurde.

Möglicherweise zeigt sich ein wenig von diesem Erbe heute, wenn Besucher aus anderen Stadtteilen vor allem deshalb hierherkommen, um Freunde wiederzusehen: zum Nachmittagskaffee oder zum gemeinsamen Kochen am Abend. Dann nimmt man zumeist das Rad, die Bahn oder den Bus. Parkplätze gibt es in Eimsbüttel ohnehin zu wenig. Wenn der Eimsbütteler sich austoben will, macht er das im nahen Schanzenviertel oder auf dem Kiez. Zum gemütlichen Plausch geht es in eine der vielen kleinen Kneipen um die Ecke.

In der Tiefe ihres Gemüts sind die Eimsbütteler wohl froh, dass ihre kleinen Stadtoasen nie so überlaufen sind. Der Park Am Weiher ist ein Beispiel. Den kleinen Teich umsäumen Wiesen und knorrige Bäume. Die Plätze vor dem Café, einst ein Klohäuschen, sind begehrt. Nirgendwo, so heißt es, scheine die Sonne abends länger als dort.

Der Weiher erinnert an jene Zeit, in der wohlhabende Hamburger die Eimsbütteler Gegend als Refugium nutzten, Sommerhäuser errichteten und weitläufige Parks anlegen ließen. Das trifft auch auf den Park Am Weiher zu.

Eng verbunden mit Beiersdorf

Die Idylle endet abrupt. Mit der Industrialisierung nach den 1850er-Jahren wird Wohnraum in Hamburg knapp. Spekulanten kaufen in Eimsbüttel ein Grundstück nach dem anderen und lassen Arbeiterwohnungen errichten. Mit dem Bau der Speicherstadt und dem einhergehenden Verlust von Wohnraum in der Altstadt siedeln viele nach Eimsbüttel um.

In diesen Jahrzehnten entfaltet der Stadtteil seine volle Blüte. Das Quartier wird an Hamburgs Wasserversorgung angeschlossen, die Straßen erhalten Namen; Schulen, Krankenhäuser und Kirchen werden errichtet. 1913 wird der U-Bahnhof Schlump in Betrieb genommen. Die rasche Entwicklung zeigt Wirkung. 1925 leben in Eimsbüttel rund 125 000 Menschen. Derzeit sind es etwas mehr als 54 000 Einwohner.

Mit der regen Bautätigkeit geht die wirtschaftliche Entwicklung Eimsbüttels einher. Von unschätzbarer Bedeutung ist das Unternehmen Beiersdorf, das noch heute als weltweit agierende Aktiengesellschaft seinen Stammsitz an der Grenze zum Stadtteil hat. Der Apotheker Oscar Troplowitz hatte 1890 das Laboratorium von Paul C. Beiersdorf gekauft und ein Markenartikel-Unternehmen daraus entwickelt. 1892 wählte Troplowitz Eimsbüttel als Standort für seine neue Fabrik aus.

Eine Straße, die nie schläft

Dieser Mix aus Wohn- und Geschäftsviertel mag ein Grund dafür sein, warum Eimsbüttel heute zu den angesagten Stadtteilen gehört. Hinzu kommt, dass in Teilen des Quartiers prächtige Altbauten die Zeitläufte überstanden haben. Noch heute kann man die mit Medaillons und Skulpturen versehenen Fassaden bewundern.

Dass Eimsbüttel heute weniger als halb so viele Einwohner zählt als vor gut 100 Jahren, hat vor allem mit der Schreckensnacht im Juli 1943 zu tun. Ganze Straßenzüge wurden beim Angriff der Alliierten auf Wohngebiete schwer in Mitleidenschaft gezogen. Fast 40 Prozent aller Gebäude waren betroffen.

Als die Stadt wieder aufgebaut wurde, erfuhr der Stadtteil gravierende Änderungen. Die Eimsbütteler Chaussee verlor ihren Status als beliebteste Einkaufsstraße mit Tanzrestaurants und Theatern. Das ist heute die Osterstraße, die durch inhabergeführte Geschäfte, gut sortierte Supermärkte, Eisdielen und Cafés zur Flaniermeile wurde. Im Sommer wird sie für eine Nacht zur längsten Tafel der Stadt. Beim Weißen Dinner bringen Tausende Menschen Essen, Getränke und Mobiliar mit, um unter freiem Himmel gemeinsam zu speisen. Ruhig wird es an der Osterstraße so gut wie nie. An Sonntagen, wenn die Schlange vor der Kleinen Konditorei bis weit auf die Straße reicht, geht es allerdings gelassener zu. Warten in der Schlange wird hier zum Kult: Man schwatzt und genießt den ersten Kaffee.

Riesiges Interesse an Breitensport

Den Wiederaufbau nach dem Krieg nutzten die Stadtplaner für modernen Wohnungsbau. Zwischen Häusern wurde viel Platz für Grünanlagen gelassen. Die einst privaten Gärten sind heute öffentliche Grünanlagen: der Unnapark und der Wehbers Park. Platz ist auch für Sportanlagen. Das parkähnlich gestaltete Kaifu-Bad lockt Fitnessbegeisterte genauso an wie die Kaifu-Lodge oder das MeridianSpa an der Quickbornstraße. Der mehr als 120 Jahre alte Eimsbütteler Turnverband ist dank seiner 12 000 Mitglieder einer der größten deutschen Breitensportvereine.

Am Abend verschiebt sich das Ausgehen im Stadtteil oft in Richtung der Bellealliancestraße. Den klangvollen Namen bekam die Straße von dem einstigen Gasthaus Belle Alliance. So richtig voll wird es aber nie. Vielleicht, weil Kneipen wie das Café Gloria zwischen Wohnhäusern versteckt sind. Ebenso versteckt ist ein Privatkeller, der 1985 der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde: Das Birdland gilt als die Nummer eins der Hamburger Modern-Jazz-Lokale. Nichts für Laufkundschaft, eher für jene, die suchen. Die Betreiber sprechen von einer guten Adresse für Freunde von Swing, Mainstream, Bebop, Latin und Modern. Besucher sind mit Komplimenten großzügiger: "Super Atmosphäre, echter Jazzclub."

Und so schließt sich der Kreis: Eimsbüttel, das Dorf in der Stadt. Der Stadtteil, der nie trutschig daherkommt, sondern immer urban, ohne das angestrengt in Szene zu setzen.

In der nächsten Folge am 30.4.: Horn

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