Abendblatt-Serie, Teil 2

Heidi Kabel: Schauspielerin mit Herz und Biss

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Zweiter Teil der großen Abendblatt-Serie. Bewegende Augenblicke aus dem Leben der Hamburger Theater-Legende Heidi Kabel.

Hamburg. Mit 17 hat man noch Träume. Ein wenig zaghaft, hochrot die Wangen, standen die beiden Deerns an diesem Frühlingstag des Jahres 1932 vor der Niederdeutschen Bühne am Schopenstehl. "Nein, Herr Dr. Ohnsorg ist nicht da", beschied ein bärbeißiger Mitarbeiter barsch. Aus seiner Sicht war das Gespräch beendet. Guten Tag!

Eva wollte auf dem Absatz kehrt machen. Heidi jedoch hatte nicht nur Träume, sondern auch Biss. Und Chuzpe. "Vorgestern hat uns Herr Dr. Ohnsorg hierher bestellt, damit wir uns mal eine Probe angucken können", sagte sie mit der ganzen Kraft ihres jungen Herzens. Recht kreativ, um es höflich zu formulieren. Notlüge wäre treffender.

In jedem Fall funktionierte der Trick. "Nu lot jem doch er's mol rin", rief eine Stimme. Tatsächlich öffnete sich die Tür, die beiden Mädchen durften eintreten. Vor ihnen stand ein formidables Mannsbild, welches das Wangenrot der Besucherinnen noch markanter färbte: Hans Mahler.

Der 31-jährige Schauspieler musterte das kecke Pärchen, wohl einen Hauch zu unverschämt grinsend. Eine hatte er besonders im Visier. "Darf ich Sie nach Hause bringen", fragte er die adrette Blonde ungeniert. Heidi Kabel, eine anständige Deern aus bürgerlichem Hause, war empört. "Nein", entgegnete sie schnippisch, "ich finde den Weg allein. Wir haben ja schließlich auch hergefunden." Gemeinsam mit ihrer Freundin Eva Stolze trat Heidi Kabel den Heimweg an. Vom amüsierten Mahler mit dem Tipp ausgestattet, es am folgenden Nachmittag erneut zu versuchen. Dann sei Richard Ohnsorg vor Ort.

Im Theater wäre in diesem Moment der erste Akt beendet. Da das Leben indes mehr Fantasie offenbart als das Rollenspiel auf der Bühne, folgt das Happy End in unserer Serie schon jetzt: Beide, die 17-jährige Heidi und der 14 Jahre ältere Hans, wurden ein Paar. Und was für eins! "Dieser Tag im März 1932 gab meinem Leben die entscheidende Wende", schrieb Heidi Kabel später in ihren Memoiren. Titel: "Wo sind nur die Jahre geblieben?"

Gute Frage; denn tatsächlich lebte sie 95 Jahre zumeist im Sauseschritt. Und auch, wenn alle Welt meint, ihr Sprung auf die Volksbühne sei einem Zufall geschuldet, so ist dies nicht korrekt. Er ist ihrem guten Herzen und ihrer Hilfsbereitschaft entsprungen. Eben weil Heidi ihrer Busenfreundin Eva zur Seite stehen wollte, als diese bei Theaterboss Ohnsorg vorsprechen wollte, um eine Chance auf der Bühne zu ergattern. Fräulein Kabel übte seit dem achten Lebensjahr fleißig am Klavier, wollte Konzertpianistin werden.

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Auch die weitverbreitete Angabe, Heidi sei vom Fleck weg engagiert worden, ist eine Mär. Weil sich Altmeister Ohnsorg beharrlich weigerte, mit Eva zu sprechen. Irgendwie jedoch schaffte es das beharrliche Duo, sich hinter den Kulissen unersetzlich zu machen. Charme, Willen und das fröhlich-hanseatische Naturell der beiden trugen dazu bei, dem großen Ziel näher zu kommen. Einen Schritt nach dem anderen. Erst betätigten sie sich als Anziehhilfen der Schauspielerinnen, dann zählten sie als technisches Aushilfspaar praktisch zum Inventar. Nächste, entscheidende Station: Eva wurde Requisiteurin, Heidi durfte als Souffleuse einspringen.

Letztere haute daheim nur noch in die Tasten, um Vater Ernst Kabel, einem gut situierten Druckereibesitzer von den Großen Bleichen, die Erlaubnis für immer häufigere Theaterbesuche abzutrotzen. Er gab gerne nach. Spürte er doch, dass seine Tochter längst unheilbar vom Bazillus der Bühne befallen war. Den Hauptgrund indes ahnte er nicht: Heidi war mächtig verknallt. In Hans Mahler. "Heimlich begann ich von ihm zu schwärmen", bekannte Heidi Kabel später. Ganz aufgeregt saß Heidi im Publikum, als Hans den Knecht Hinnerk in der "Swienskomödie" spielte. Im Conventgarten zwischen Kaiser-Wilhelm-Straße und Fuhlentwiete, dort, wo heute das Abendblatt zu Hause ist. In dessen Edition Anfang August das Buch "In Hamburg sagt man Tschüs" erscheint, das weitere spannende Episoden aus dieser Zeit preisgibt.

+++ Der Nachruf des Ohnsorg Theaters +++

Zum Beispiel aus den ersten Jahren des seit 1937 verheirateten Paares. Hitler war an der Macht, und das Dritte Reich steuerte dem Untergang zu. Geld war knapp oder nichts wert. In dieses Chaos hinein wurde im Januar 1938 Sohn Jan-Rasmus geboren, der heute als Grafiker aktiv ist. Dass die Eltern überhaupt einen Grundstein für die gemeinsame Lebensführung legen konnten, basierte auf Glück im Unglück. Als Taxipassagier war die junge Schauspielerin in einen Unfall verwickelt. Mit Schnittwunden an Stirn und Oberlippe sowie einer Gehirnerschütterung wurde sie ins Krankenhaus St. Georg eingeliefert. Als Entschädigung gab es 3700 Reichsmark Schmerzensgeld.

Bitteres Schicksal: Insgesamt 38 Jahre gemeinsamer Glückseligkeit auf hohem Niveau endeten für Heidi Kabel genau dort, wo sie entstanden: im Ohnsorg-Theater, einstmals Niederdeutsche Bühne. Es war der 25. März 1970. In "Suuregurkentied" brillierte Heidi Kabel als Haushälterin des alten Grantlers Henry Vahl. Noch als der Vorhang fiel, bogen sich die Zuschauer vor Lachen. Gut, dass sie nicht sahen, wie die große Volksschauspielerin im Umkleideraum weinend nach Luft schnappte. Vor dem dritten Akt hatte sie die Hiobsbotschaft erhalten, persönlich, überbracht von ihrem Sohn: Ehemann Hans war daheim in Nienstedten tot im Keller gefunden worden - mit Hammer und Gartenschere in den Händen. Herzinfarkt. Nachmittags hatten sich beide noch verabschiedet. Herzlich wie immer. "Alles Gute für die Vorstellung, Heidsche", sagte er. "Ich schneide noch die Rosen und repariere die Heizung." Fröhlich antwortete sie: "Tschüs, Hänschen."

Und nun das. "Fahr nach Hause", forderten die Kollegen. "Nein!", sagte Heidi Kabel. Aufrecht, äußerlich aufrecht, trat sie hinaus auf die Bühne.

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