Organspende

Das Geschenk des Lebens

Foto: Roland Magunia

Einer jungen Mutter versagen die Nieren. Ihr Mann kommt als Spender nicht infrage. Da springt ihre beste Freundin ein.

Wenn man Petra und Anni fragt, was für sie Freundschaft bedeutet, sagen sie Sätze wie: "Das blinde Verstehen." Für sie ist damit alles gesagt. Die Fähigkeit, sich ohne Worte zu verständigen - sich blind zu verstehen. Das Unausgesprochene zu erkennen. Im Herzen zu wissen, wie es der anderen geht, ohne dass sie es sagen muss. Ja, genau, das meinen sie. Aber irgendwie auch noch mehr. Nur gibt es dafür keine Worte. Weil sich eine Freundschaft wie die von Petra (41) und Anni (42) nicht mit Worten beschreiben lässt, wenn man die Geschichte dazu nicht kennt. Die Geschichte von Petra und Anni.

Es ist eine Geschichte über die Macht von Freundschaft und über zwei Frauen, von denen die eine der anderen eine Niere gespendet hat. Es ist eine Geschichte, die erzählt werden muss, auch wenn Petra und Anni das selbst nicht gern tun. Weil es etwas sehr Persönliches ist. Und weil man die Geschichte vielleicht nur mit dem Herzen begreifen kann. Denn manche Momente im Leben, so heißt es, kann man nicht beschreiben. Nur fühlen.

Es sind Momente wie der, in dem Anni von ihrem Hausarzt angerufen wird. "Sie müssen an die Dialyse", sagt er. Einfach so. Es ist, als ob sich ein Puzzle zusammenfügt, als ob all die Symptome mit einem Mal einen Sinn ergeben. Warum Anni immer so müde ist, seit Monaten rote Augen hat und so einen komischen Geschmack im Mund. Damals hält sie es für Salmiak. So, als ob man zu viel Lakritze gegessen hat. Heute weiß sie, dass es Ammoniak war.

Die Symptome sind klar, die Ursache ist es nicht. Warum die Nieren versagen? Vielleicht, weil ein Virus sie geschädigt hat.

Es ist das Jahr 2005. In Deutschland brauchen 8800 Menschen eine neue Niere. Anni ist eine von ihnen. Auch wenn sie sich das erst Monate später eingesteht.

Hier finden Sie einen Vordruck des offiziellen Organspendeausweises sowie Informationen für Angehörige von Organspendern.

"Am Anfang habe ich noch gedacht, dass ich meine Nieren mit der Dialyse nur entlasten muss und sie irgendwann wieder richtig arbeiten", sagt sie und erzählt, wie sie es zuerst mit Homöopathie und Akupunktur versucht habe. Am Anfang, als sie noch dachte, dass alles ein "böser Traum" sei. Dass sie im "falschen Film" sei. Es sind Phrasen, wie man sie in solchen Situationen immer wieder gebraucht - weil keine Worte ausreichen, um die Angst, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit spürbar zu machen. Weil es keine Worte gibt, um das Unbeschreibliche zu beschreiben.

Wenn Anni und Petra ihre Geschichte erzählen, spricht die eine von ihnen oft für die andere. Weil es manchmal leichter ist, über die Gefühle der anderen zu sprechen als über die eigenen. Und weil man manche Dinge selbst vielleicht nicht erzählen würde. Die Dialyse zum Beispiel. Dreimal pro Woche muss Anni ins Krankenhaus zur Blutwäsche. Meistens geht sie nachts, damit sie tagsüber für ihre beiden Kinder da sein kann. Aber darüber kann sie wirklich nicht sprechen. Petra ist es, die erzählt. Wie sie versucht haben, den Kindern das Unerklärliche zu erklären. Ihnen die Angst zu nehmen, obwohl sie selbst so große Angst hatten. Und ihnen klarzumachen, dass ihre Mutter eine neue Niere braucht. Auch wenn ihnen das selbst nicht klar war. Weil sie es nicht wahrhaben wollten. Verdrängt haben. Bis es sich irgendwann nicht mehr verdrängen ließ.

Es ist das Jahr 2006. In Deutschland warten 8400 Menschen auf eine neue Niere. Anni ist jetzt eine von ihnen. Sie ist 38 Jahre alt.

Wenn Petra über die Zeit damals spricht, redet sie immer von "wir". Nicht von den anderen - nicht von Anni und ihrem Mann, den beiden Kindern. Nein, sie spricht immer von "uns" - von Anni und ihr. Weil Annis Geschichte auch ihre ist.

Ihre Geschichte beginnt an der Berufsschule für Arzthelferinnen, wo sich die beiden kennenlernen. Anni hat ihre Kontaktlinse verloren, Petra hilft beim Suchen. Gemeinsam krabbeln sie auf dem Boden herum. Lachen. Freunden sich an. Sie stellen fest, dass sie nur ein paar Kilometer voneinander entfernt aufgewachsen sind, in Bothfeld und Altwarmbüchen, und die gleiche "Macke" haben: Sie essen beide so gern Salz. "Die Chemie hat einfach gestimmt", sagt Petra. Es ist wieder eine von diesen Phrasen, wie man sie verwendet, wenn es keine anderen Worte gibt. Weil es für ihre Freundschaft kein passendes Wort gibt. Nur Umschreibungen. Parameter.

Sie teilen sich eine Wohnung, fahren gemeinsam in den Urlaub, wollen zusammen in derselben Klinik arbeiten. Doch weil die eine abgelehnt wird, geht auch die andere nicht. Gemeinsam - oder gar nicht!

Wenn man Petra fragt, welches Lebensmotto sie hat, sagt sie Sätze wie: "Ich bin nicht nur für das verantwortlich, was ich tue, sondern auch für das, was ich nicht tue." Und dann fängt sie an zu erzählen. Dass sie Anni sofort nach der Diagnose eine Niere spenden wollte. Weil es für sie unmöglich war, es nicht zu tun. "Ich wusste einfach, dass es richtig ist." Sie hätte nie damit leben können, es nicht getan zu haben. Obwohl, oder gerade weil sie selbst eine Familie hat. Weil sie weiß, wie es für Anni und ihre Familie sein muss. Für ihre Kinder. "Es war einfach eine Eingebung", sagt sie. Punkt. Aus. Ende. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen. Weil das Herz manchmal Gründe hat, die der Verstand nicht begreift. Sie weiß, dass sie das Richtige machen würde - und dass ihre Niere richtig für Anni wäre. Besser als jede andere, die sie bekommen könnte.

Sogar besser als die von Annis Mann. Zuerst ist es nur eine Ahnung, ein Gefühl, doch dann wird es zur Gewissheit, als Anni und ihr Mann im Krankenhaus sind und er ihr eine seiner Nieren spenden will, aber der Transplantationstermin kurz vorher abgesagt werden muss. Obwohl alle Voruntersuchungen positiv verlaufen waren, hat Anni plötzlich Antikörper gegen das Blut ihres Mannes entwickelt. Seit eineinhalb Jahren ist Anni bereits an der Dialyse, fünf liegen noch vor ihr. Laut Statistik.

Es sind Zahlen, die nichts über die Menschen dahinter sagen. Menschen, die nicht mehr arbeiten können, weil sie zu schwach sind. Die kaum etwas trinken dürfen. Die kein Salz essen sollen. Und die Angst haben. Menschen wie Anni - und wie Petra. Denn auch sie wird zum Teil der Statistik, als sie Anni ihre Niere spendet. Rund 600 solche sogenannten Lebendspenden gibt es jährlich in Deutschland (siehe Interview rechts). 600-mal pro Jahr spendet ein gesunder Mensch eine seiner Nieren einem kranken Menschen. Meist sind es Eltern, Kinder, Ehepartner, Verlobte. Nur selten Freunde. Freunde wie Anni und Petra. Vielleicht liegt es daran, dass die gesetzlichen Bestimmungen für Lebendspenden streng sind. Dass genau überprüft wird, ob der Spender physisch und psychisch geeignet ist. Dass kein Zwang besteht und kein finanzieller Anreiz. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass es einfach nicht viele Freunde wie Anni und Petra gibt.

Wenn sie ihre Geschichte erzählen, wollen sie anderen Mut machen. Und Hoffnung. Weil sie selbst wissen, wie es ist, keine Hoffnung mehr zu haben. Und trotzdem, oder gerade deswegen, will Petra nicht als Heldin bezeichnet werden. Weil die Lebendspende für sie nichts Besonderes war, sondern "ganz normal". Für sie war es normal, sich monatelang medizinisch testen zu lassen. Eine Magenspiegelung über sich ergehen zu lassen, dann eine Darmspiegelung, eine Knochenmarkspunktion. Es war normal für sie, ihre Gründe einer Ethikkommission zu erklären - und ihrem Mann.

Und es war normal für sie, mit Anni ins Krankenhaus zu gehen. Sich eine Niere entnehmen und sie Anni einsetzen zu lassen. Damit Anni wieder leben kann. Normal leben. "Für mich hat sich nach der Spende nichts geändert - für Anni alles", sagt Petra. Sie hat ihrer Freundin damit ein Geschenk gemacht. Ohne Bedingungen und Forderungen. "Was Anni jetzt damit macht, ist ihre Sache", sagt Petra. Dieser Punkt ist ihr ganz wichtig. Dass der Spender keine Ansprüche stellen darf. Dem Empfänger nicht vorschreiben darf, wie er mit dem neuen Organ zu leben hat. Sie weiß, dass das in manchen Familien vorkommt. Dass der Empfänger sich für jedes Glas Wein rechtfertigen muss, dass er dafür sogar verurteilt wird. Das lehnt sie ab. "Das ist allein Annis Sache", sagt Petra. Sie hat sich von ihrer Niere verabschiedet, jetzt gehört sie Anni. Anni, mit der sie im Krankenhaus in einem Zimmer gelegen hat und die ihr am Tag nach der Operation das schönste Geschenk gemacht hat: einen vollen Urinbeutel. Ein Zeichen dafür, dass die Niere arbeitet.

Es ist das Jahr 2007. In Deutschland warten 8000 Menschen auf eine neue Niere. Aber Anni gehört nicht mehr dazu.

Fast drei Jahre ist das jetzt her. Drei Jahre, in denen Petras verbliebene Niere den Ausfall voll kompensiert hat. In denen Annis Körper das neue Organ angenommen hat. In denen sie wieder in den Urlaub fahren kann, Sport machen darf. Und Salz essen.

Wenn man Petra und Anni fragt, was für sie Freundschaft bedeutet, sagen sie noch etwas anderes. Ein Zitat von Aristoteles. Freundschaft, das ist eine Seele in zwei Körpern.