Letzte Zuflucht Hüttener Berge: Vier Tage Silvesterparty auf der Tankstelle

Während draußen der Sturm tobt und der Schnee bei Windstärke acht durch die Luft peitscht, sitzen und stehen in der Tankstelle Hüttener Berge die...

Kropp. Während draußen der Sturm tobt und der Schnee bei Windstärke acht durch die Luft peitscht, sitzen und stehen in der Tankstelle Hüttener Berge die Menschen dicht an dicht. Sie feiern. Trinken Bier und Jägermeister, spielen Mau-Mau, tanzen und singen. Insgesamt 200 Männer, Frauen und Kinder waren im Winter 1978/79 in den zwei Gebäuden beiderseits der A 7 bei Rendsburg eingeschneit. Vier Tage lang, vom 29. Dezember bis 2. Januar. "Der Schnee kam von allen Seiten, wir konnten kaum die Hand vor Augen sehen", erinnert sich Hans Schlünß, damals Pächter und 36 Jahre alt.

"Es begann wie ein ganz normaler Wintertag. Doch dann wehte der Wind immer stärker, es wurde kalt und schneite. Einzelne Menschen kamen zu Fuß durch das Schneegestöber von der Autobahn, teilweise mit Kindern auf dem Arm. Gegen Abend wurden es immer mehr. Manche schleppten Taschen mit sich, andere waren nur mit dünnen Jacken bekleidet. Sie waren auf der Fahrbahn stecken geblieben, mussten ihre Wagen stehen lassen." Schlünß hatte die Tankstelle ausbauen lassen, eine kleine Küche mit Theke, fünf Tischen, 18 Stühlen. "Es war eng, aber es gab etwas Warmes zu essen und Getränke. Viele Fernfahrer, die auf dem Parkplatz übernachtet hatten, saßen schon den ganzen Tag da." Italiener, Franzosen und Schweden seien dabei gewesen, auch viele Dänen. "Ein dänischer Reisebus auf dem Weg in den Süden hatte es gerade noch bis zu uns geschafft", so der 66-Jährige, "die haben all ihren Proviant spendiert, darunter große Mengen Faxe-Bier", so Schlünß. Schnell sei in der Not eine Gemeinschaft entstanden. "Die Fahrer der Lkw ließen die Kinder in ihren beheizten Kabinen schlafen. Später schaufelten wir einen Weg zur Dieselsäule und füllten die Heizungen mit Kanistern nach, damit sie warm blieben", sagt Schlünß.

Die Erwachsenen hätten in der Tankstelle auf dem Boden in den Fluren und den Lagerräumen geschlafen - abwechselnd, weil nicht genug Platz für alle da war. "Zum Glück hatten wir überall Fußbodenheizung, sodass niemand frieren musste. Damals lagen eine Menge Parkas in den Regalen, die zum Verkauf bestimmt waren. Die nahmen wir heraus und benutzten sie als Matratzen und Decken." Zum Glück sei Strom da gewesen, an beiden Tankstellen standen Notstromaggregate.

"Über Radio und Telefon hörten wir, was in Schleswig-Holstein los war. Uns war klar, dass wir uns auf eine längere Wartezeit einrichten mussten", sagt der Pächter. "Es war eng, aber gemütlich. Vor allem wurde viel getrunken, Bier und Schnaps, den ganzen Tag. Es war genug da, ich habe alles umsonst herausgegeben." Nur das Brot sei kurz vor Silvester ausgegangen. Da sei einer mit einem fünf Tonnen schweren Allrad-Laster ins nahe Dorf Kropp gefahren und habe dort alles aufgekauft, was zu kriegen war.

Silvester selbst war eine Mordsgaudi, sagt Schlünß. "Ich weiß gar nicht mehr, wann die Feier selbst begann, denn getanzt und gesungen wurde auch schon vorher. Um Mitternacht sind sich alle um den Hals gefallen. Haben ein Plakat zur Erinnerung gemalt. Zuvor hatten wir Polonaise getanzt, sogar draußen durch den Schnee, manche mit einer Wurst in der Hand", sagt der Pächter.

Manchen, glaubt Schlünß, hätte es an der Station Hüttener Berge so gut gefallen, dass sie gar nicht mehr nach Hause wollten: "Als nach vier Tagen auch für uns ein Räumungspanzer kam, wollten wir einen Konvoi bilden, der alle sicher nach Hamburg bringt. Darum habe ich ein sofortiges Alkoholverbot ausgesprochen. Später habe ich gehört, dass etliche Fernfahrer zur Tankstelle gegenüber gelaufen sind, um weiterzutrinken."

Schlünß selbst fuhr nicht mit im Konvoi. Doch vielen, so sagt er, sei erst dann das ganze Ausmaß der Katastrophe klar geworden. Hunderte Autos waren eingeschneit, wurden teils von Räumfahrzeugen beschädigt, weil sie unter der Schneedecke nicht gesehen werden konnten. Tausende Menschen saßen in ihren Wagen fest. Allein in der Nacht zum 30. Dezember wurden mehr als 500 Eingeschneite aus ihren Autos geborgen.

"Wir hatten Glück", sagt Schlünß heute. "Es entstanden viele Freundschaften, wir fühlten uns wie eine große Familie. Ich habe später oft Post bekommen. Oder es kamen Leute von damals vorbei, nicht um zu tanken, sondern nur, um Hallo zu sagen. So etwas habe ich nie wieder erlebt."