Am Tag, als der Schnee kam

Schneewittchen, ein cooler Bauer und der schippende Bürgermeister 30 Jahre ist es an diesem Sonntag her, dass Norddeutschland im Schneesturm erstarrte. Eine extreme Wetterlage brachte starke Schneefälle, heftige Ostwinde und einen Kälteschock. 17 Menschen erfroren. 150 Orte waren vom Schnee eingeschlossen, 80 Gemeinden ohne Strom. Der Verkehr kam selbst auf Autobahnen zum Stillstand. Am härtesten war Schleswig-Holstein betroffen: 100 Millionen Mark kostete das Land der brutale Winter, der im Februar erneut Schneestürme brachte. Hamburg kam hingegen glimpflich davon. Wir haben Zeitzeugen besucht und gehört, dass es auch viele schöne Erinnerungen an einen echten Winter gibt.

Hamburg/Munkbrarup/Torsballig. Peer Rechenbach muss ein Gespür für Schnee haben. Wochen vorher haben wir uns verabredet, an dem Morgen, an dem wir uns treffen, schneit es erstmals in diesem Jahr in dicken Flocken. Die richtige Einstimmung also auf ein Gespräch mit dem Mann, der in der Innenbehörde für Hamburgs Katastrophenschutz zuständig ist, sich also mit extremen Wetterlagen auskennt.

An den Winter 1978/79 erinnert sich Rechenbach noch genau, auch wenn er ihn nicht als katastrophal empfand, weil er in Hamburg moderat verlief. "Ich war Stellvertretender Leiter der Freiwilligen Feuerwehr in Sülldorf-Iserbrook", erzählt Rechenbach. Eigentlich wollte der Student der Elektrotechnik daheim für Klausuren "büffeln", doch als am 28.12. - seinem Geburtstag - der Kälteschock mit starken Schneefällen kam, musste Rechenbach zum Außeneinsatz. "Ich habe zunächst mit den Kameraden das Feuerwehrhaus frei geschaufelt, damit wir ausrückfähig waren", erzählt er.

In den folgenden Tagen musste der Nahverkehr wieder zum Laufen gebracht werden. "Wir halfen, Bahnstrecken frei zu schaufeln. Ich glaube, dass es in der Stadt keine chaotischen Zustände gab. Es hat alles länger gedauert, aber die Menschen sind angekommen. Das normale Leben fand nur etwas langsamer statt."

Auch der Flughafen war funktionsfähig: "Wir konnten von der Münchner Feuerwehr ausgeliehene Schneeketten einfliegen lassen." An Hamburger Hilfe für die schwerer betroffenen Nachbarn kann sich Rechenbach nicht erinnern. "Mit unseren technischen Ressourcen konnten wir uns nur langsam auf den Verkehrsachsen nach Norden vorarbeiten", sagt er. "Da war die Bundeswehr mit ihrem schweren Gerät und ihren vielen im Norden stationierten Soldaten effizienter."

Bürgermeister Klose saß zunächst auf Sylt fest Hans-Ulrich Klose hat kein Gespür für Schnee mehr. Der damalige Erste Bürgermeister Hamburgs kann sich zunächst nur dunkel erinnern ("Es gab mehrere heftige Winter in meiner Amtszeit"), aber dann fällt ihm ein, dass er vor Silvester auf Sylt war und nicht zurück nach Hamburg kam: "Wir waren total eingeschneit. Und bei dem Sturm konnte kein Helikopter fliegen. Bahnen fuhren auch nicht mehr." Klose versäumte damals den Neujahrsempfang im Rathaus. Kurz darauf sei er aber wieder in Hamburg gewesen.

Seiner stockenden Erinnerung hilft ein Foto nach, das ihn beim Schneeschippen zeigt: "Ach ja", sagt Klose, "das war der Versuch, das Rathaus frei zu schaufeln, mit freiwilliger Hilfe. Das war nett gemeint, aber völlig unprofessionell. Wir wussten ja nicht mal, wohin mit dem Schnee. Mir fällt jetzt auch wieder ein, dass der SPD-Landesvorsitzende Oswald Paulick sagte, dass wir besser die Profis ranlassen sollten, und das haben wir dann auch gemacht."

26 Menschen, gefangen auf dem Bauernhof Wie viel bedrohlicher die Situation in ländlichen Regionen Schleswig-Holsteins war, das kann Altbauer Dirk Iversen aus Munkbrarup erzählen. Sein Hof liegt im Angelner Land, zehn Kilometer von Flensburg entfernt.

Die Großfamilie Iversen hatte gemeinsam Weihnachten gefeiert. Alle fünf Kinder mit Partnern und Enkeln waren da. "Die Stimmung war prima", erinnert sich Iversen. Am 28. 12. waren die Essensvorräte aufgebraucht, das Familienfest näherte sich dem Ende. Doch dann kam der abrupte Wetterwechsel mit starken Schneefällen und Sturm von der Ostsee her. Die Temperatur fiel auf minus 14 Grad, ein Blizzard fegte übers flache Land. Niemand konnte den Hof verlassen, der außerhalb von Munkbrarup auf dem freien Feld liegt. An Hofgebäuden bildeten sich bis zu acht Meter hohe Schneewehen, das Dach des Offenstalls für Mastferkel stürzte am Silvestertag unter der Last teilweise ein. Dirk Iversen erkannte schnell, dass die Lage bedrohlich werden könnte, denn die 26 Menschen auf dem Hof - 20 Familienmitglieder und der benachbarte Landarbeiter mit Frau und vier Kindern - waren unter widrigsten Umständen vollkommen auf sich gestellt: "Strom weg, Telefon kaputt, kein Wasser mehr, keine Heizung, die Lebensmittel fast aufgebraucht, der Weg ins Dorf abgeschnitten", sagt Iversen. "Keiner konnte raus, die Kälte war starrend, der Frost kroch sofort ins Haus."

Es wurde eine Bestandsaufnahme der restlichen Vorräte, vor allem der Einweckgläser und Konservendosen gemacht. Die Tagesration war ziemlich klein." Doch mehr Sorgen als das knappe Essen machte das fehlende Wasser - auch weil das Vieh versorgt werden musste. "Schweine sind kälteanfällig. Und wenn eine Sau kein Wasser bekommt, dann gibt sie keine Milch." Die Not machte erfinderisch: "Wir hatten noch Dieselkraftstoff, den pumpten wir in eine Wanne und zündeten ihn an. Darüber haben wir in Grapen Schnee geschmolzen." Was mühsam war: "Schnee ergibt nicht viel Wasser, wir mussten also ständig schmelzen."

Sauen und Ferkel im massiv gebauten Stall überstanden die Krise recht gut. "Wir haben einen Turm aus Stroh gebaut", erzählt Iversen. "Die Ferkel sind reingekrochen und haben sich gegenseitig gewärmt. Keines war mehr zu sehen, nur wenn's ans Füttern ging, kamen die alle rausgeschossen." Hart war es jedoch für die Mastferkel im Offenstall: Mehr als 150 starben.

Am 1. Januar war das Schlimmste überstanden. "Aus dem Schnee kamen zwei Männer. Sie waren aus dem Dorf und hatten Rucksäcke mit Brot dabei." Und der Energiekonzern Schleswag schickte Männer, die unter schwierigsten Bedingungen die Überlandleitungen reparierten. "Das war ein besonderer Einsatz", sagt Iversen anerkennend. "Der Strom war ausgefallen, weil die Leitungen vereist und schwer waren und im Sturm hin- und herschwangen, sodass unter der Spannung Seile rissen und Masten brachen. Doch nach der Notreparatur hatten wir wieder Strom." Am 9. Januar sorgte ein Bundeswehr-Panzer mit Räumschild dafür, dass es wieder eine Verbindung zur Außenwelt gab.

Als alles überstanden war, kaufte Bauer Iversen ein Aggregat, das über eine Gelenkwelle vom Trecker betrieben werden konnte. Woraufhin sein Landarbeiter im Dorf stolz verkündete: "Uns kann nichts mehr passieren, wir haben jetzt einen Alligator." Er hatte recht: Das neue Notstromaggregat erwies sich schon im Februar als hilfreich, als wieder ein schwerer Schneesturm das Land heimsuchte.

"Wir haben viele Tiere verloren. Das war das einzige Jahr, in dem wir ein Minus machten", sagt Iversen. "Aber wir lebten, und das war die Hauptsache." Die Enkel haben die Krise, bei der die Familie eng zusammenrückte, in bester Erinnerung: "Die sagen mir noch heute, dass das ihr größtes Jugenderlebnis war."

Auf der richtigen Frequenz: Die Stunde der Amateurfunker Ohne die Funkamateure ging in diesen Tagen kaum etwas. Denn die Funksysteme von Bundeswehr und Polizei waren verschlüsselt, die Hilfskräfte konnten nicht miteinander sprechen. Zudem waren viele Telefon- und Sendemasten eingeknickt und lagen nutzlos unter Schneewehen vergraben. "Am 30. Dezember bat mich die Schleswag um Hilfe", sagt Amateurfunker Ernst-August Nielsen. "In vielen Ortschaften bei Schleswig war der Strom ausgefallen. Bergungspanzer sollten Stromgeneratoren in die Dörfer bringen." Nielsen packte sein mobiles Funkgerät ICOM IC-2E ein und traf östlich von Flensburg auf einen Panzer, der ihn erwartete. "Wir waren zu viert, es war irrsinnig laut in dem Panzer. Zum Funken musste ich aussteigen", sagt Nielsen. Neun Ortschaften haben sie in zwei Tagen mit Strom versorgt. Am ersten Januar war die Funkstelle der Schleswag repariert.

Schneewittchen wurde unterwegs geboren Dass die zweite Geburt oft leichter ist als die erste, hat sich für Anke Dikun aus Torsballig (zwischen Schleswig und Flensburg) nicht bewahrheitet: Ihre zweite Tochter Julia konnte sie erst nach mehr als fünfstündiger Odyssee zur Welt bringen. In der Nacht zum 29. Dezember setzten bei ihr um 2.30 Uhr die Wehen ein. Ehemann Hans-Werner wollte sie eiligst ins Krankenhaus nach Flensburg bringen, doch weiter als einen Kilometer kam er im nächtlichen Schneesturm nicht. Das Ehepaar bat einen Nachbarn mit Schneepflug um Hilfe. Nach einiger Wartezeit starteten die Dikuns erneut. Doch auch mit Schneepflug schafften sie nur sieben, acht Kilometer, und es dauerte. Hans-Werner Dikun rief die Klinik an und bat um einen Krankenwagen, der ihnen entgegenkommen sollte.

Die Fahrt der Dikuns verlief weiter chaotisch, mit Stopps, Schneeschaufeln, Umwegen und Staus. "Um fünf Uhr platzte die Fruchtblase", erzählt Anke Dikun. Als sie kurz vor Satrup definitiv festsaßen, ging es im Auto eines fremden Mannes weiter: "Ich weiß bis heute nicht, wer das war", sagt sie. Kurz darauf konnte sie in den Krankenwagen umsteigen, der zu ihr gelotst worden war. Für die Fahrt zur Klinik war es inzwischen zu spät. Um 7.50 Uhr brachte Anke Dikun Tochter Julia zur Welt, mit Hilfe zweier Rettungssanitäter, von denen der eine bei "seiner ersten Geburt" vom Vater beruhigt wurde.

Um 10 Uhr waren Mutter und Kind schließlich in der Diakonie in Flensburg, um 11 Uhr stand ein Reporter der Sydslesvig-udgaven, einer dänischen Zeitung, am Bett. Das erste "Schneebaby" dieses Extremwinters wurde zur kleinen Berühmtheit: Hermann Rockmann taufte es im NDR spontan "Schneewittchen".

In Julias Geburtsurkunde findet sich als Geburtsort die vage Angabe: "Auf dem Transport von Torsballig nach Flensburg in Satrup". Und was sagt Julia, das "Schneewittchen", das am Montag 30 Jahre alt wird und noch heute von Leuten aus der Gegend auf die abenteuerliche Geschichte angesprochen wird? Trockener Kommentar: "Ich möchte das lieber nicht erleben."

Die Lehren aus dem Zivilisationsschock Was sind die Lehren aus dem Zivilisationsschock, der offenbarte, wie anfällig ein hochtechnisiertes Land bei einer Naturkatastrophe sein kann? Wären wir heute besser vorbereitet? Die Prognose des Katastrophenschützers Peer Rechenbach ist nicht optimistisch: "Es könnte sich schwerer auswirken, weil wir erstens nicht mehr über die Bundeswehrressourcen von damals verfügen, zweitens die Gesellschaft noch abhängiger ist von der Bereitstellung der Energieversorgung und drittens. die Viehbestände auf Höfen noch gewachsen sind, während das Personal weniger wurde. Fütterung von Hand ist unmöglich." Es müsse, so sagt Rechenbach, mehr für den Selbstschutz getan werden: "Jeder Bürger sollte vorbereitet sein, das heißt: immer Trinkwasservorräte im Haus haben, ein batteriebetriebenes Transistorradio, Taschenlampe, Kerzen, Zündhölzer. Je weiter weg von der städtischen Infrastruktur, desto dringlicher wird die eigene Vorsorge."