Axolotl

Ambystoma Mexicanum: Der Meister des Müßiggangs

Foto: Roland Magunia

Mit ihrem Bestseller machte Helene Hegemann den Axolotl berühmt. Und wie geht's ihm? Ein Abendblatt-Besuch in einer Axolotl-Pension.

Ein ziemlich doofes Buch, in dem die Lotl ja eigentlich überhaupt keine Rolle spielen", sagt Christina Allmeling streng und nippt an ihrem Kaffee, "aber ich habe es dann doch gelesen." Die Moderatorin des größten deutschen Axolotl-Forums im Internet (axolotl-online.de, rund 3000 registrierte Mitglieder) scheint zufrieden: Nachdem der umstrittene Berliner Szeneroman "Axolotl Roadkill" von Helene Hegemann den dauergrinsenden Querzahnmolch über Nacht in den Fokus einer bis dahin praktisch axolotlfreien Gesellschaft gerückt hat, ist die Aufregung inzwischen abgeebbt. "Wir registrieren zwar derzeit etwa 100 neue Mitglieder pro Monat", erzählt die 45 Jahre alte Wissenschaftlerin, die im Hauptberuf an der Medizinischen Hochschule in Hannover an einem Forschungsprojekt arbeitet, das sich mit der Regeneration menschlicher Nervenstränge mithilfe des Fadens der Radnetzspinne beschäftigt. "Aber das Interesse nimmt langsam ab. Insofern frage ich mich: Ist das Tierchen überhaupt hypefähig?"

Christina Allmelings Zweifel scheinen berechtigt. Dabei hat es bereits vor der Veröffentlichung von "Axolotl Roadkill" mehrere Versuche gegeben, die mexikanischen Schwanzlurche aus der großen Familie der Salamander einem großen Publikum bekannt zu machen: "Fest im Lebenskampfe steht, wer auf Axolotl geht!" heißt es beispielsweise in der Regieanweisung zur vierten Szene des ersten Aktes im "Hauptmann von Köpenick" von Carl Zuckmayer. In dieser Szene bewirbt sich der tragische Held Wilhelm Voigt erfolglos um eine Arbeitsstelle in der besagten Schuhfabrik, weil er weder den Militärdienst absolviert hat noch einen Pass besitzt. Natürlich handelte es sich in Wahrheit um die damals sehr populäre Schuhmarke "Salamander", und der Regisseur der Komödie in drei Akten, die am 5. März 1931 in Berlin uraufgeführt wurde, wollte Schleichwerbung halt unbedingt vermeiden.

Und dann existiert da noch eine unheimliche Kurzgeschichte von einem gewissen José Cortázar aus dem Jahr 1956: Sie erzählt von einem ganz normalen Mann, der jeden Tag in den Pariser Zoo geht, um einen Axolotl aus nächster Nähe im Aquarium zu beobachten. Was durch das bloße Betrachten eines blassrosafarbenen, schleimigen Urzeitwesens mit lidlosen Goldaugen hervorgerufen werden kann, nährt die angstvolle Gewissheit, dass zu intensives Hinschauen manchmal unabsehbare Folgen haben kann. Und wenn ein ansonsten vollkommen unwichtiger Unbekannter dadurch zu einem Axolotl mutiert, hat dies sicherlich mit der "mysteriösen Menschlichkeit" des Lurchs zu tun und der daraus folgenden Erkenntnis, dass Mensch und Axolotl als "Sklaven ihrer Leiber" gefangen sind. Dann kam aber auch schon die Hegemann. Und nun? Wie populär ist denn der Axolotl tatsächlich hierzulande geworden, nach mehr als vier verkauften Buchauflagen?

"Axolotl können die Zeit anhalten. Sie wirken dadurch sehr beruhigend. Außerdem sind sie sehr freundlich. Nach einiger Zeit können ausgewachsene Tiere ihren Futtermeister aus der Entfernung erkennen und winken ihm zu. Nur dressieren kann man sie nicht, denn dafür besitzen sie ein zu kleines Gehirn", sagt Christina Allmeling, und ihre Stimme klingt nun beinahe träumerisch, Ihrer Meinung nach sind es dennoch nahezu perfekte Haustiere, die vor allem für diejenigen geeignet sind, die an einer Felltierallergie leiden. Was eingefleischte Aquarianer an den Molchen darüber hinaus schätzten, sei die Tatsache, dass "Lotl" längst nicht so schreckhaft seien wie Fische: "Wenn man mal an die Scheibe klopft, drehen sie sich jedenfalls nicht gleich panisch auf den Rücken."

Christinas Allmelings Mann Bernhard, 52, kann seiner Frau nur beipflichten. Der Erzieher hat mit kleinen runden Axolotl-Aquarien, die auf den Vorschultischen seiner Schutzbefohlenen stehen, verblüffende Ergebnisse erzielt: "Selbst schwierigste ADHS-Kinder können sich plötzlich viel besser konzentrieren", berichtet er. "Überdies können sie an eine verantwortungsvolle Aufgabe herangeführt werden, die sich mit Lotl weitaus problemloser erledigen lassen als mit den üblichen Pflegetieren wie Mäusen, Ratten oder Meerschweinchen." Ausgewachsene Axolotl können bis zu 14 Tage ohne Futter überleben. Darüber hinaus komme das unbedingt notwendige Kaltwasseraquarium ohne großen technischen Firlefanz aus. Bloß eine Filtermatte sei notwendig, da die Tiere einen regen Stoffwechsel besitzen.

Axolotl statt Ritalin? Das hört sich gut an. Diese Therapieform würde die Krankenkassen um mehrere Millionen Euro entlasten und gleichzeitig den Umsatz des Zoo-Einzelhandels fördern. In den Fachgeschäften kostet ein Mini-Axolotl durchschnittlich zehn Euro, auf dem privaten Markt dagegen häufig nur die Hälfte. Verdient wird am notwendigen Zubehör und dem Futter. Auch der Wert der Axolotl hat durch die "Geiz-ist-geil-Mentalität" gelitten. Für den Preisverfall sorgen Massenzüchtungen, vorzugsweise aus Osteuropa. Doch leider seien gerade diese Exemplare häufig krank, weiß Christina Allmeling. Sie litten oft schon von Kindeslarve an unter schwerem Pilzbefall, was meistens daran liege, dass sie in den Zoohandlungen im selben Wasser wie Zierfische leben müssten: "Und das ist definitiv zu warm. Besser ist es daher, Axolotl bei privaten Züchtern übers Internet zu kaufen, die ihre Eigenschaften und Vorlieben kennen."

Wer sich daher ernsthaft mit den charmanten Meistern des Verharrens beschäftigen möchte, sollte zunächst mal unbedingt kühler wohnen. Für die Allmelings kein Problem: In der hohen, rot geklinkerten Tenne ihres alten Niedersachsenbauernhauses im Flecken Röhrsen bei Peine, in der die Axolotl-Expertin acht große Aquarien aufgestellt hat, wird es auch im Sommer selten wärmer als 20 Grad. "Im Winter kann man sich schon mal den Hintern abfrieren", bemerkt ihr Mann, nicht ohne Süffisanz in der Stimme, und blickt versonnen auf den einsamen transportablen Gasofen. Die Allmelings halten sich bevorzugt in ihrer geräumigen Küche auf. Dort, auf der zugigen Fensterbank, stehen zwei weitere, jedoch kleinere Aquarien für Gäste-Axolotl oder kränkelnde Tiere. Das Ehepaar betreibt damit sozusagen eine kleine private Axolotl-Pension sowie eine Rehaklinik.

Die "Wasserpuppe" (oder auf aztekisch "Wassergeist") wurde erst Ende des 18. Jahrhunderts in zwei brackigen Vulkanseen nahe Mexiko-Stadt entdeckt und klassifiziert. Für die europäischen Entdecker stand schnell fest, dass der Axolotl keine Delikatesse ist, obwohl er hie und da auf mexikanischen Märkten angeboten wurde. Uneins ist sich die Fachwelt jedoch bis heute darüber, ob es tatsächlich Alexander von Humboldt war, der im Jahre 1806 die ersten Axolotl nach Europa importierte. Ihre Heimat sind der Xochimilco-See und der Chalco-See, ein geschlossenes Gewässersystem, das durch mehrere halb verfallene Kanälen mit maximal zehn Meter Wassertiefe komplettiert wird. Nur hier kann man den Axolotl noch in freier Wildbahn paddeln sehen. Wenn überhaupt, denn er ist so selten geworden, dass ihm der ebenfalls gefährdete Feuersalamander schon lange das Du angeboten hat. In den Seen und den pittoresken Verbindungskanälen vermutet man nur noch wenige Hundert Exemplare.

Axolotl unterliegen daher auch dem Anhang B der EU-Artenschutzverordnung EG 338/79: die Ein- und Ausfuhr der Tiere in die oder aus der EU ist genehmigungspflichtig. Laut Bundesartenschutzverordnung sind die Tiere selbst jedoch ausdrücklich nicht genehmigungspflichtig. "Alle Lotl in Europa sind selbstverständlich Nachzüchtungen", beruhigt Christina Allmeling. Die Züchter haben dem ursprünglich matschbraunen Lurch, "Wildling" genannt, mittlerweile die unterschiedlichsten Pigmentierungen angekreuzt. Am beliebtesten sind die "Weißlinge", die eine weiße bis hellrosa Färbung besitzen, dicht gefolgt vom "Gold-Albino" und noch einigen anderen schicken Farbmorphen. Im Verhalten unterscheiden Axolotl sich jedoch nicht voneinander: Sie tun allesamt so gut wie nichts. Gar nichts. Sie sind bloß da und warten auf Godot. Nur wenn es ums Fressen geht, kommt Bewegung in die Lurche. Und wie. Die bis zu 30 Zentimeter langen Molche fressen alles, was gerade noch ins breite Maul passt. Krebse, kleine Fische und Weichtiere aller Art gehören zu ihren Lieblingsspeisen. Dabei ist es ihnen völlig schnurz, ob sie die Nahrung vertragen oder nicht. Die abgeflachten Zähne packen einfach jede Mahlzeit und lassen sie nicht mehr los. Gekaut wird kaum bis gar nicht, sondern es wird im Ganzen geschlungen. "Dieses ungestüme Fressverhalten hat leider auch zur Folge, dass Axolotl zur Vergesellschaftung nicht geeignet sind", bestätigt die erfahrene Aquarianerin Christina Allmeling. "Besser ist es, der Molch bleibt unter Molchen." Da Axolotl außerdem extrem weitsichtig sind und auf kurze Distanz praktisch blind, fressen sie auch schon mal Larven ihrer Artgenossen oder beißen sich gegenseitig ein saftiges Stück aus dem zarten Körper. Aber keine Sorge: Das so abhandengekommene Teil wächst nach.

Diese überaus praktische Eigenschaft ist der Clou des Molchs und macht ihn für Forschungsabteilungen interessant: Aufgrund eines genetischen Defekts - einer Dysfunktion der Hypophysen-Schilddrüsenachse - fehlt dem Axolotl das Hormon Tyrosin, das für eine vollständige Entwicklung notwendig wäre. So wird die übliche Metamorphose unterbrochen, und die Kreatur bleibt ihr Leben lang im juvenilen Larvenstadium stehen, ist jedoch trotz der ewigen Jugend sofort und dauerhaft geschlechtsreif.

Einige Hobby-Darwinisten versuchen es angeblich immer mal wieder, dem Axolotl durch die künstliche Gabe des fehlenden Schilddrüsenhormons die Metamorphose zu ermöglichen. Doch zumeist endet solch ein massiver Eingriff in die Evolution in einem Fiasko, da der Molch bloß in einem weiteren Zwischenstadium hängen bleibt und lautlos jämmerlich verhungert. "Außerdem ist das ein eklatanter Verstoß gegen das Tierschutz- und das Arzneimittelgesetz", mahnt Christina Allemeling. In dem von ihr betreuten Internetforum sind nach ihrer Schätzung überproportional viele Akademiker vertreten, jedenfalls ernsthafte und seriöse Axolotl-Freunde und -beobachter und keine Freaks, die sich bloß aus Sensationslust, Thrill oder mangelndem Selbstbewusstsein ein extravagantes Tier wie den (harmlosen) Axolotl halten.

Die jüngste Statistik des Bundesamtes für Naturschutz zeigt, dass sich der Import exotischer Tiere in den vergangenen zehn Jahren von 44 506 auf 63 300 Tiere erhöht hat. So leben etwa 10 000 Giftschlangen, 200 000 Würgeschlangen und 10 000 Warane, Pfeilgiftfrösche und Chamäleons unter deutschen Dächern. Sowie Zigtausende von Vogelspinnen und Skorpionen. Jeder Laie kann sich in Deutschland eine außergewöhnliche, manchmal hochgiftige Kreatur kaufen, was am besten über Kleinanzeigen, Zoohandlungen und auf sogenannten Exotenbörsen funktioniert.

Aber damit beginnen in vielen Fällen auch massive Probleme: Durch die speziellen Anforderungen, die sich bei der Haltung exotischer Tiere ergeben, kommt es überproportional häufig zu Missständen. Tiere verkochen unter Wärmelampen, verhungern aufgrund falscher Ernährung, verdursten oder erfrieren. Und müssen von den überforderten Haltern dann vorzugsweise heimlich über die Biotonne oder die Toilettenspülung entsorgt werden.

Dem Axolotl jedoch wird das zweifelhafte Schicksal, zu einer Modeerscheinung zu avancieren, wohl erspart bleiben, trotz Helene Hegemanns Buch. Er hat ja in der Tat auch weniger zu bieten als ein Collie ("Lassie"), ein Chihuahua (Paris Hilton) oder eine Ratte (Punkmusik). Und auf die Dauer ist selbst das kleinste Aquarium zu schwer, um es mit sich herumzutragen. Immerhin werden Axolotl ziemlich alt: In der freien Wildbahn überleben manche Exemplare 20 Jahre, im Durchschnitt sind auch in "Gefangenschaft" mindestens sieben Lebensjahre drin.

"Von einer Molchschwemme kann man unmöglich ausgehen. Einen Hegemann-Effekt hat es niemals gegeben", stellt auch Klaus Oechsner fest, der in seiner Funktion als Präsident des ZZF (Zentralverband Zoologischer Fachbetriebe in Deutschland) in der vergangenen Woche auf der Nürnberger "Interzoo" von Meeting zu Meeting eilte, der größten Heimtiermesse der Welt. Oechsner steht trotz seiner 70 Jahre noch immer hinterm Ladentisch seines Zoofachhandelgeschäfts im hessischen Idstein und nennt selbst mehrere Lotl sein eigen. "Hier auf der Messe habe ich aber noch kein einziges Exemplar gesehen!" Aber der Roman sei eminent wichtig gewesen. "Ich nenne es Aufklärungsarbeit und nicht einen Run. Für den Axolotl hat sich endlich was in eine positive Richtung bewegt!" Der Hegemann-Roman hat bisher weit über 100 000 Käufer gefunden. Oechsner dagegen bringt höchst 15 bis 20 Axolotl pro Jahr an Aquarianer/-innen. So dürfen auch engagierte Tier- und Artenschützer jetzt mit einer gewissen Beruhigung feststellen, dass aus dem Urtier kein In-Tier geworden ist. Sondern bloß ein Maskottchen für Abschreiber.