Ausstellung

Bewegte Zeiten in Blankenese während der Weimarer Republik

Das Gästebuch der „Schmökerstube“ bildet das Ausstellungsplakat.

Das Gästebuch der „Schmökerstube“ bildet das Ausstellungsplakat.

Foto: Förderkreis Historisches Blankenese e. V.

Die Besucher erwartet eine reichhaltige Auswahl von Fotos, Zeitungs- und Zeitzeugenberichten und etliche andere Quellen.

Hamburg. Schon im vergangenen Jahr beeindruckte der Förderkreis Historisches Blankenese nicht nur Besucher aus den Elbvororten mit der Ausstellung „Blankenese 1918“. Nur ein knappes Jahr später präsentiert der Verein erneut Spektakuläres: „Blankenese in der Weimarer Republik. Kulturelle Entfaltung, wirtschaftliche Not, politische Radikalisierung“ heißt die neue Ausstellung, die vom morgigen Mittwoch an zu sehen ist.

Wie der Untertitel bereits ankündigt, wird hier ein bemerkenswert breites Spektrum abgedeckt – angereichert mit einer überaus reichhaltigen Auswahl von Fotos, Zeitungs- und Zeitzeugenberichten und etlichen anderen Quellen. „Hitler gewann in Blankenese alle Wahlen seit 1930“, schreibt Dr. Jan Kurz, Vorsitzender des Förderkreises. „Wie schlugen sich die Entwicklungen der Weimarer Wirtschaft, Kultur und Politik vor Ort nieder? Gab es den Umbruch oder prägten Kontinuitäten in Denken und Handeln das Geschehen?“

Die Verfasser der einzelnen Texttafeln liefern eine Fülle von Fakten, wie sie so nur selten in einer lokalhistorischen Schau zu lesen und zu sehen sind. Dabei wird deutlich: Blankeneses Bürgertum stand von Anfang an auf Kriegsfuß mit den Repräsentanten der Weimarer Republik, und bei jeder Gelegenheit wurde gegen „oben“ agitiert.

Wie eine Vertreibung aus dem Paradies

Schon die Ausstellung zu 1918 hatte deutlich gemacht, dass der verlorene Krieg und das Ende des Kaiserreichs nicht nur für Blankeneses Bürgertum wie eine Vertreibung aus dem Paradies gewesen sein muss. Vielen war es in der Zeit vor 1914 nicht schlecht ergangen, nun folgte eine Zeit, die als permanente Krise wahrgenommen wurde.

Zu dem Verlust der Ersparnisse und anderer materieller Werte, dem Zusammenschmelzen von Renten und dem Tod vieler Angehöriger während des Krieges kamen noch der Niedergang der Schifffahrt und der zeitweilige Ruin des Tourismus – Dramen auch für viele „kleine Leute“ in Blankenese, über die man gerne noch mehr erfahren würde.

„Die Allgemeinheit kann sich kein Bild von der furchtbaren Lage unserer Rentner machen“, heißt es in einem zeitgenössischen Zeitungsartikel, „eine Jahresrente von 2000 M ist jetzt 200 M wert.“ Wie diese massive Geldentwertung den Alltag prägte, erläutert Hans-J. Höhling in einem Beitrag über die Inflation. Bernhard Keller zeigt auf, wie der gewerbliche Mittelstand in Blankenese jahrelang um seine Existenz rang. 1925 wurden am Ort 728 Niederlassungen gezählt, davon 209 im Bereich Industrie und Handwerk sowie 419 im Bereich Handel/Verkehr. Viele von ihnen sahen sich nun in einer extrem schwierigen Lage, kämpften um Kunden – und gegen den drohenden Untergang.

Aus Frust wurde bei vielen Hass

Kühl-sachlich, manchmal auch etwas süffisant, werden diese Zusammenhänge in der Ausstellung dargestellt. Von der Verzweiflung, die viele Blankeneser vor allem in den ersten Jahren nach 1918 und dann wieder im Zuge der Weltwirtschaftskrise 1929 erfasst haben muss (und die in Briefen und Tagebüchern dokumentiert wurde), ist wenig zu lesen. Stattdessen arbeiten sich die Autoren einmal mehr an den bürgerlichen „Eliten“ ab, und wie schon bei der letzten Ausstellung kommt das tonangebende Bürgertum dabei nicht gut weg.

Aus Frust wurde bei vielen Hass. Verstörung, existenzielle Not und Zukunftsangst kulminierten vor Ort, so ergaben die Recherchen, in allgemeinem aggressivem Beleidigtsein und wildem Aktionismus, die sich jahrelang gegen die Regierenden richteten. Dass sich die Situation zeitweise besserte, änderte daran wenig. Wie Jan Kurz nachweist, stiegen in der zweiten Hälfte der 1920er-Jahre die Steuereinnahmen und Touristenzahlen. Mit der Eingemeindung nach Altona 1927 – zunächst von vielen abgelehnt und bekämpft – fand man sich dann doch schnell ab, und die vielen Bauprojekte in der Folgezeit hätten die finanziellen Möglichkeiten der früheren Landgemeinde deutlich überschritten.

Kulturelle Entfaltung

Dankenswerter Weise bildet der Versuch, eine Erklärung für den Aufstieg der Nationalsozialisten in den Elbgemeinden zu finden, einen wesentlichen, aber nicht den einzigen Schwerpunkt der Ausstellung. Denn auch der Teil der Geschichte der Weimarer Republik, der nicht auf 1933 hinauslief, ist spannend und berichtenswert, zum Beispiel die im Ausstellungstitel anklingende kulturelle Entfaltung.

Nicht selten hat man es in den vergangenen Jahren bei vergleichbaren Ausstellungen erlebt, dass der NS-Zusammenhang die einzige Kammer war und dass Interessantes aufgrund eines fehlenden Bezugs wegfiel. Hier ist das zum Glück nicht der Fall. Der Text über die „Schmökerstube“, den wohl nur Insidern bekannten Kunst und Kultursalon (Text: Ina Brockmann), ist nur ein Beispiel für einen solchen Beitrag.

Lesenswerte Beiträge

Bemerkenswert: Auch Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums Blankenese sind mit lesenswerten Beiträgen vertreten. Leonas Pausch beispielsweise hat den Blankeneser „Kolonialrausch“ bearbeitet und dabei Erstaunliches zu Tage gefördert: Von den zahlreichen Zweigstellen der vielen Kolonialverbände, die sich in den 1920er-Jahren in Blankenese gründeten, waren auch Frauenorganisationen wie der „Frauenbund der Deutschen Kolonialgesellschaft“ (Vorsitz: Frau Dr. Güttler) und der „Frauenverein vom Roten Kreuz für Deutsche über See“ (Leitung: Fräulein llgen).

Ein Satz, der sich wie ein tragisches Fazit jener Jahre liest: „Den Siegeszug der Nationalsozialisten und die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler begriffen viele heimatliebende Blankeneserinnen und Blankeneser (...) mehr als Chance für ein Aufblühen der Heimat denn als Bedrohung derselben.“

Alle Beiträge sollen noch in diesem Jahr in einem Buch erscheinen, das einmal mehr beim Verlag KJM erscheinen wird. Ein produktiverer Geschichtsverein ist kaum vorstellbar – Glück nicht für Blankenese und (hoffentlich) Garant für zahlreiche noch folgende Ausstellungen.