Energie

Ausgerechnet Greenpeace: Windräder stehen seit Jahren still

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Die Greenpeace-Zentrale im Magdeburger Hafen in Hamburg. Die Windräder stehen still.

Die Greenpeace-Zentrale im Magdeburger Hafen in Hamburg. Die Windräder stehen still.

Foto: Thorsten Ahlf / Funke Foto Services

Die Anlage auf dem Dach der Zentrale ist defekt. Schon 2017 begann die Suche nach Ersatz. Woran es immer noch hakt.

Hamburg. Sie thronen hoch oben auf dem Dach der Elbarkaden am Magdeburger Hafen – und hätten ein weithin sichtbares Zeichen für die Nachhaltigkeit des Gebäudes sein können, das für die Verwendung lokaler, regenerativer Energiequellen ausgezeichnet wurde und Sitz der Deutschlandzentrale von Greenpeace ist

Doch die futuristische anmutenden vertikalen Windräder stehen seit mittlerweile fünf Jahren still. 2016, und damit nur drei Jahre nach Fertigstellung des Gebäudes, wurden erste Mängel an der Anlage entdeckt. Weil sie nicht behoben werden konnten, da der Hersteller mittlerweile insolvent war, und mittlerweile „Gefahr für Leib und Leben bestand“, wurde sie 2017 komplett abgestellt.

Auf der ein oder anderen Hafenrundfahrt, so berichten es Passagiere, wird – etwas hämisch – berichtet, dass statische Probleme der Grund für den Stillstand der Turbinen seien. Dass das 170 Meter lange, sieben Geschosse hohe Wohn- und Bürohaus mit den namensgebenden Arkaden an der Wasserkante, in dem neben Greenpeace auch die Design Zentrale Hamburg sitzt, für den Betrieb der Anlage nicht ausgelegt sei.

Greenpeace: Seit 2017 Stillstand bei Windrädern

Für den Laien wäre das vorstellbar. Denn die neun Meter hohe und knapp zehn Meter breite überdachte Passage, die wegen des gelegentlich ansteigenden Wasserspiegels um ein Geschoss erhöht liegt, verleiht dem Gebäude mit den großen Fenstern etwas Filigranes. Doch nach Auskunft von Greenpeace und der Bayerischen Versorgungskammer (BVK), die die Elbarkaden 2011 vom Entwickler GOD Green Office Development gekauft hat, ist das mit der mangelhaften Statik Seemannsgarn.

Denn von der Fertigstellung des Gebäudes 2013 bis 2017 drehten sich die Windräder – um bei einer durchschnittlichen Windgeschwindigkeit von fünf Metern pro Sekunde 12.000 Kilowattstunden im Jahr zu liefern. Zumindest laut der im Vorfeld erstellten Wind- und Ertragsanalyse. Welcher Ertrag tatsächlich in der Laufzeit eingespeist wurde, ist nicht mehr nachzuvollziehen. Denn die kaputten Windräder auf dem Dach waren beileibe nicht das einzige Problem, das die Elbarkaden im Laufe weniger Jahre ereilte.

Greenpeace: Fotovoltaik statt Windrädern

Ende 2016 wurden das Warftgeschoss sowie alle tieferliegenden Etagen überflutete und die darin befindliche Haustechnik für Heizung, Lüftung, Aufzüge und Gebäudeleittechnik (und somit auch die Aufzeichnungen über die Windkraft­erträge) zerstört. Die Schäden waren so immens, dass ihre Beseitigung laut Versorgungskammer bis Ende 2020 dauerten.

Weil die BVK und Greenpeace vergeblich versucht hatten, vergleichbare Hersteller von Windkraftanlagen zu finden, und für die bestehenden Windkraftanlagen weder Ersatzteile noch Spezialwerkzeug für die Wartung mehr lieferbar waren, vereinbarten sie, die Windräder gegen drehbare Fotovoltaikanlagen auszutauschen. „2018 gab die HafenCity GmbH die Freigabe für die geplanten drehbaren Anlagen, 2019 wurde der Auftrag vergeben – alles gleichzeitig zur Beseitigung der Flutschäden“, fasst es Greenpeace-Sprecher Michael Hopf zusammen. „2020 kam die Baugenehmigung, dann kam Corona.“

Corona verzögert Umbauarbeiten

Durch die Corona-Pandemie wiederum geriet eine Zulieferfirma der beauftragten Herstellerfirma 2020 in Konkurs, der Auftrag wurde storniert. „Es wurde ein neuer Hersteller für drehbare Fotovoltaikanlagen gesucht, der Ende Juli 2020 beauftragt wurde“, erinnert sich BVK-Sprecherin Belinda Burgmeier. Doch damit waren die Schwierigkeiten noch lange nicht gemeistert. Denn wegen des Herstellerwechsels mussten jetzt die statischen Windlasten an den drehbaren Fotovoltaikanlagen neu berechnet werden, das wiederum machte einen Änderungsbescheid der Baugenehmigung erforderlich.

„Die Einreichung und Bearbeitung der Unterlagen verzögerte sich durch die Pandemie an verschiedenen Stellen so stark, dass wir bis heute nicht mit dem Bau beginnen konnten“, so Burgmeier. In Kürze würden weitere Statik-Unterlagen vom Hersteller erwartet, die an das Amt für Bauordnung und Hochbau der Freien und Hansestadt Hamburg nachgereicht werden müssten, bevor mit dem Bau begonnen werden könne. Die BVK rechnet damit, dass die Windkraftanlagen im Laufe der zweiten Jahreshälfte gegen die drehbaren Fotovoltaikanlagen getauscht werden können.

Die fehlende Energieeinspeisung vom Dach war von Anfang an in die Energie­bilanz des Gebäudes eingerechnet worden – und daher mit ein Kriterium für dessen Nachhaltigkeitszertifizierung. Um diese jedoch müssen sich die Umweltschützer und ihre Vermieter keine Gedanken machen.

Das Gebäude erfüllt weiterhin den Gold-Standard der HafenCity GmbH und der Deutschen Gesellschaft für nachhaltiges Bauen. „Das Bürogebäude ist so nachhaltig gestaltet, dass es die gesetzlichen Anforderungen im Hinblick auf den Energiebedarf übertrifft“, so Burgmeier. Das anspruchsvolle Energiekonzept verbinde Maßnahmen, die den Bedarf verringern, mit dem Einsatz erneuerbarer Energien.

Greenpeace-Zentrale hat auch Sole/Wasser-Wärmepumpen

Tatsächlich wurden die drei Windräder auf dem Südflügel errichtet, um tageszeitbedingte Schwankungen in der hauseigenen Stromproduktion auszugleichen. Zur Deckung des eigentlichen Strombedarfs sorgen Fotovoltaikmodule auf dem Dach und den verbleibenden Sockelflächen der Elbarkaden. Während die Wohn-, Büro- und Gewerbeeinheiten mittels Fernwärme versorgt werden, wird in der Greenpeace-Zentrale die Energie zum Heizen und Kühlen von zwei Sole/Wasser-Wärmepumpen bereitgestellt.

Diese werden mit dem eigens erzeugten Solarstrom betrieben und von Energiepfählen und Erdsonden gespeist. Die Wärmeverteilung im Haus erfolgt über Heizflächen und Radiatoren, für Frischluft sorgt eine Lüftungs­anlage mit Wärmerückgewinnung. Auch begrünte Ausgleichsflächen, eine effiziente Beleuchtung und die Nutzung von Regenwasser gehören zum nachhaltigen Energiekonzept.

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