Corona-Tagebuch Teil 6

Hamburgs letzte Mohikaner im Levantehaus

Coronavirus in Hamburg: Polizisten gehen durch eine Straße am Hansaplatz in Hamburg und kontrollieren, ob die Geschäfte auch geschlossen haben.

Coronavirus in Hamburg: Polizisten gehen durch eine Straße am Hansaplatz in Hamburg und kontrollieren, ob die Geschäfte auch geschlossen haben.

Foto: Christian Charisius/dpa

Aus den Straßen der Stadt weicht weiter das Leben zurück – es bleiben Paketboten, Handwerker und Sportwagen.

Sind Handwerker immun gegen Covid-19? Während die ersten Bundesländer Ausgangssperren verhängen, ist zumindest eine Branche offenbar noch nicht infiziert. An den Straßen und in den Baugruben der Stadt wird weiter gebaggert, gepresslufthämmert, geschleift und gebohrt. Jedes dritte Fahrzeug, das über Hamburgs Straßen rollt, ist ein Lieferwagen, jeder dritte Mann trägt Blaumann – oder DHL-gelb. So lange die Pakete kommen, bleiben die Deutschen entspannt.


Die Volkswirtschaft ist im Umbruch: Wir erleben gerade, wie unsere ganze Ökonomie auf den Kopf gestellt wird – oder muss man sagen zurück auf die Füße? Die Landwirtschaft, der sogenannte primäre Sektor, ist plötzlich wieder richtig wichtig, das Handwerk und die Industrie, der sekundäre Sektor“, steigern noch das Bruttosozialprodukt. Das große Heer der Dienstleister sitzt hingegen längst im Homeoffice. Die weißen Hemden sind derzeit fast entbehrlich geworden – das ist eine Lehre in Demut – nicht nur für Wäschereien.

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Um 12 Uhr läuten die Glocken der Petrikirche
. Immer mehr Gemeinden in Deutschland bringen das Bronze zum Klingen, weil sie ihre Gläubigen in den Gotteshäusern nicht mehr erreichen (dürfen). Das Läuten ist eine kleine Geste, eine leise Geste. Es gibt etwas, das ist viel größer als wir selbst. Und es gibt etwas, das viel kleiner ist. Covid-19.


Sieht so die Zukunft aus?
Wie man morgen einkauft, lässt sich heute in Yuanye Markt an der Bugenhagenstraße besichtigen. Der China-Shop bietet nicht nur Gewürzsaucen oder Pasten, Reis in Zehn-Kilo-Säcken oder Verpackungen in allen Farben des Regenbogens, sondern auch ein Stück Sicherheit.

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Am Eingang steht ein Desinfektionsmittelspender, alle Mitarbeiter und die meisten Kunden haben Mundschutz. Die Kassiererin trägt zudem Schirmmütze und Augenschutz, um auch die Bindehäute vor Infektionen zu bewahren. „Anfang der vergangenen Woche hat der Chef den Mundschutz angeordnet“, erzählt Mitarbeiterin Julia In. Wer viel mit China zu tun hat, hält diesen Schutz für eine Selbstverständlichkeit. Dort ist Corona unter Kontrolle, in Europa wütet das Virus. „Warum tragen Sie eigentlich keinen Mundschutz“, fragt uns eine Kollegin. „In der Apotheke gibt es keine mehr“, lautet unsere Antwort. Seien wir ehrlich: Es ist nur die halbe Wahrheit. Die andere Hälfte weicht der bitteren Erkenntnis: Wir nehmen es immer noch nicht ernst!

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Corona erweitert die Sinne. Schärft es sie? Oder verzerrt es die Wahrnehmung? Heute nehme ich überall Sportwagen und Luxuskarossen wahr, Porsche, Maserati, Ferrari. Liegt das daran, dass die normalen Pkw längst nicht mehr fahren? Ist das Posen in diesen Tagen besonders wichtig? Oder tanken sich die Jungs mit Benzin im Blut gerade in einen Rausch? Heute kostet der Liter Diesel gerade noch einen Euro. Für Autofahrer mag das der Himmel sein, für Ökonomen ein Indiz der Vorhölle.


Schilder mit roter Signalschrift
hängen an der Tür zum Bäcker am Eppendorfer Weg: „Achtung! 2 Meter Abstand halten“. Nötig ist das nicht, kein Kunde weit und breit. Ebenso beim Imbiss, der auf dem Schild vor der Tür mal nicht das Brathähnchen anpreist, sondern informiert, dass man bitte einen Mindestabstand von 1,50 Metern halten soll und ab 18 Uhr nur noch außer Haus verkauft wird.

Da die Friseurin in ihrem Geschäft in der Parallelstraße keine 1,50 Meter langen Arme hat, arbeitet sie mit Mundschutz und Handschuhen am Haar der einzigen Kundin im Salon. Auf einem Schild im Schaufenster steht: „Ich bin noch da“, wobei die Betonung vermutlich auf dem „noch“ liegt.

Auch die Konkurrenz schräg gegenüber informiert: „Noch geöffnet!“. Dass der Salonbetreiber Humor hat, zeigt sich schon in normalen Zeiten, auf dem Aufsteller vor der Tür ist immer ein lustiger Spruch zu lesen. Nun wirbt er mit Galgenhumor: „Jetzt Termin holen und gut gestylt in die Apokalypse“. (Jule Bleyer)


Die letzten Mohikaner
im Levantehaus harren weiter aus. Draußen vor dem Toto-Lotto-Laden packt die Weltpresse die Panik dieser Tage in Schlagzeilen, drinnen wartet der Verkäufer entspannt auf Kunden, die kaum noch kommen. Alle Zeitungen kennen nur ein Thema: Covid-19. In der Postfiliale nebenan gibt es erstmals seit den Siebzigerjahren keine Schlangen. Neben dem Geldautomaten hängen noch die Immobilienangebote aus einer anderen Zeit: Terrassenwohnung mit 168 m2 für nur 1,22 Millionen Euro. Träumt weiter.