Altona

Brandbrief an Tschentscher: Holsten-Areal erst 2029 fertig?

Die Visualisierung zeigt, wie das  Holsten-Areal aus- sehen soll. Dort sind rund 1500 Wohnungen, Büros, Einzel- handel und ein Hotel geplant. Der Bau- beginn auf dem Grundstück in Altona soll 2021 erfolgen

Die Visualisierung zeigt, wie das Holsten-Areal aus- sehen soll. Dort sind rund 1500 Wohnungen, Büros, Einzel- handel und ein Hotel geplant. Der Bau- beginn auf dem Grundstück in Altona soll 2021 erfolgen

Foto: Oezen-Reimer + Partner

Neuer Eigentümer will das Grundstück weiter aufteilen, aber es gibt noch keine Einigkeit über die Baumasse.

Hamburg.  Die Entwicklung des Holsten-Areals in Altona ist eines der größten Bauvorhaben in Hamburg. Seit Kurzem gehört das rund 86.500 Qua­dratmeter große Brauereigelände alleine der SSN Development aus Düsseldorf. Im Juli war nach Abendblatt-Informationen auch das letzte Prozent, den die Gerch Group AG noch an der SG Development GmbH gehalten hatte und zu dessen Portfolio auch das Holsten-Areal gehört, von der SSN Group erworben worden.

„Wir haben in unserem Portfolio aktuell zwölf Projektentwicklungen in Deutschland mit einem Volumen von rund 3,9 Milliarden Euro. Das Holsten Areal in Hamburg ist für uns eines der wichtigsten Bauvorhaben“, sagt Bernhard Hansen, Vorsitzender der Geschäftsführung der SSN Development, dem Abendblatt.

Lebensraum für 3300 Menschen in Altona

Das Ziel von Hansen sei, dass auf dem einstigen Brauereigelände mit den Holsten-Quartieren ein neuer kleiner Stadtteil entstehe. „Ein Lebensraum für rund 3300 Menschen zum Arbeiten, Wohnen, Flanieren und Einkaufen“, so Hansen. Es seien rund 1500 Wohnungen geplant – und etwa ein Viertel der Gesamtfläche für Einzelhandel, Hotel, Gastronomie, Gewerbe, Handwerk. Dazu kämen die öffentlichen Angebote wie ein Community Center.

Auch die „Holsten Brauwelt“, als Standort ist das denkmalgeschützte Sudhaus angedacht, sei ein wichtiger Bestandteil, um den Charme des bekannten Brauerei-Standorts ein wenig zu erhalten, so Hansen.

Uneinigkeit mit der Stadt

Bevor es losgehen kann, muss aber noch ein sogenannter städtebaulicher Vertrag mit der Stadt geschlossen werden. „Wir wollen bis Ende des Jahres eine Einigung“, sagt Hansen. In dem Vertrag werden die Rahmenbedingungen zur Bebauung geregelt, er bildet die Grundlage für das Bebauungsplanverfahren. Es gebe dazu „konstruktive Gespräche“ zwischen allen Beteiligten.

Allerdings betont Hansen auch: „Über den Umfang der Bebauung müssen wir noch Einigkeit erzielen.“ Dass städtebauliche Qualität geliefert werde, sei selbstverständlich. Es gehe darum, welche Forderungen die Stadt konkret stelle. Hansen nennt ein Beispiel: „Wenn wir auf dem Gelände eine Schulerweiterung oder eine Sporthalle realisieren und bezahlen sollen, dann benötigen wir den Platz an anderer Stelle, um die Investition fürs Gemeinwesen gegenfinanzieren zu können.“

Es ist kein Geheimnis, dass die Politik nur rund 160.000 Quadratmeter Bruttogeschossfläche genehmigen möchte und dass die SSN Development aber mit rund 186.500 Quadratmetern Bruttogeschossfläche plant.

Brief an Tschentscher mit Kritik

Interessant ist allerdings, dass die SSN Group jetzt einen Brief an Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) geschrieben hat und darin verhalten und höflich, aber dennoch deutlich Kritik an der Planung im zuständigen Bezirk Altona äußert. Gespräche mit der Bezirksverwaltung und den bezirkspolitischen Vertretern „offenbaren, dass es Auslegungsdifferenzen im Hinblick auf die Rahmenbedingungen“ gebe, heißt es in dem Schreiben, das dem Abendblatt vorliegt.

Und weiter: „Da wir im ersten Schritt mit dem Erwerb des Grundstücks die Verlagerung der Holsten-Brauerei im Sinne einer Wirtschaftsförderung kofinanziert haben, würden wir nun gerne in einem zweiten Schritt die weitere Entwicklung des Areals zu einem neuen Stadtquartier vorantreiben“, schreibt das Unternehmen und bittet um einen Gesprächstermin.

Wie berichtet, baut Holsten ein neues Brauereigebäude in Hausbruch und wird dort ab Anfang 2019 die Produktion aufnehmen. Allerdings wird die Verwaltung des Unternehmens mit rund 200 Mitarbeitern an dem Standort in Altona bleiben und dort ein neues Gebäude beziehen.

CDU über Brief erschrocken

Dass die Düsseldorfer sich nun an den Bürgermeister wenden, obwohl die Planungshoheit im Bezirk liegt, wird in der örtlichen Politik unterschiedlich bewertet. CDU-Bauexperte Sven Hielscher zeigte sich „erschrocken“ über das Schreiben und vermutete darin den Versuch, die Planungshoheit des Bezirks auszuhebeln. Die Verzögerung bei dem Projekt habe zudem an den Investoren gelegen, die mehrere Monate gebraucht hätten, neue Masterplan-Entwürfe vorzulegen, die die Forderungen des Bezirks berücksichtigen.

Der baupolitische Sprecher der SPD-Bezirksfraktion Gregor Werner sieht indes kein „nachhaltiges Pro­blem“ mehr bei den Verhandlungen. Die Unterschiede in den Forderungen seien nur noch sehr marginal und das Projekt daher jetzt auf gutem Weg, wie er sagt. „Letztlich sind wir froh, dass wieder Bewegung in die Sache gekommen ist.“

Eine Kritik an Altona könne er in dem Schreiben an den Bürgermeister daher auch nicht sehen. Werner: „Wichtig ist, dass man nun einen kurzen Draht beibehält.“

Baubeginn ist für 2021 geplant

Zunächst muss die Politik allerdings Geduld haben. Im Abendblatt-Gespräch nennt Hansen auch erstmals einen neuen Zeitplan für die Realisierung der Holsten-Quartiere. Während Mathias Düsterdick angekündigt hatte, dass ein Erstbezug 2021 realistisch wäre, sagt Hansen: „Das war schon bei der Verkündung utopisch. Unsere Ziele sind ein Baubeginn in 2021 und die Fertigstellung erster Gebäude 2024.“

Allerdings sagt Hansen auch: „Es kann bis zur kompletten Fertigstellung des Holsten-Quartiers ab Baustart sechs bis acht Jahre dauern. Das hängt damit zusammen, dass wir das Areal aufgrund seiner Dimension aufteilen müssen und einzelne Baufelder an Partner, die wir uns derzeit suchen, vergeben werden.“ Bei Bauvorhaben dieser Größenordnung sei aus Gründen der Kapazität und Baustellen-Logistik eine Gesamtentwicklung auf einen Schlag nicht realistisch.

Aber kann es passieren, dass das rund 86.500 Quadratmeter große Holsten-Areal zeitnah – bei einem entsprechend hohen Kaufangebot – wieder komplett an den nächsten Investor weitergereicht wird? Dazu Hansen: „Wir sind angetreten, um zu bauen. Die Entwicklung des Holsten-Quartiers wollen wir langfristig begleiten.“

Gerch Group zahlte 100 Millionen für Grundstück

Zum ersten Mal äußert sich auch Mathias Düsterdick, Vorstandsvorsitzender der Gerch Group, im Abendblatt-Gespräch zu dem Verkauf des Brauereigeländes: „Als wir 2016 das Holsten-Areal erworben haben, war nicht geplant, diese Projektentwicklung weiterzuverkaufen. Aber da ich der Meinung war, wir würden uns mit der SSN Group als Partner bei der Entwicklung dieses Quartiers ergänzen, sind wir diese Partnerschaft schließlich im vergangenen Jahr eingegangen. Einer der Gründe war, dass wir dachten, unter anderen vom technischen Know-how der SSN profitieren zu können.“

Diese Entscheidung habe sich im Nachhinein als falsch erwiesen, und deshalb habe man darunter einen Schlussstrich gezogen und die Zusammenarbeit mit der SSN beendet. Zum Grund der Trennung sagt Düsterdick: „Die Herangehensweise beider Unternehmen im Bereich der Projektentwicklung ist völlig unterschiedlich.“

Die Stadt hatte ein großes Interesse daran, dass die Holsten-Brauerei auch künftig in Hamburg produziert. Für das Grundstück in Altona soll die Gerch Group eine Summe von mehr als 100 Millionen Euro bezahlt haben. Zu der Entscheidung sagt Holsten-Chef Sebastian Holtz: „Wir haben mehrere Runden gedreht und gemeinsam mit der Stadt und dem Bezirk Vorgaben entwickelt, bevor wir mit wenigen Interessenten in die finale Runde gegangen sind und die Gerch Group den Zuschlag erhalten hat.“ Weiterverkauft wurde dennoch.