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Neues von den "ehrlichen Arbeitern" aus Ottensen

Dieses Plakat in Ottensen erzürnt Werber

Dieses Plakat in Ottensen erzürnt Werber

Foto: Peter Wenig / HA

Nun schalten sich auch noch "Trittbrettfahrer" in die Diskussion um das Großplakat in Ottensen ein. Ein Agenturchef reagiert bedacht.

Hamburg. Fernet und kein Ende: Nachdem zwei pikierte Agenturchefs eine Diskussion über ein Großplakat in Ottensen losgetreten haben, wollen nun anscheinend auch andere ein Stück vom Aufmerksamkeitskuchen abhaben. Sowohl Kolle Rebbe als auch Scholz & Friends griffen die von der Hamburger Agentur pilot umgesetzte Kampagne auf, die besonders Benedikt Holtappels (GGH MullenLowe) und Raphael Brinkert (Jung von Matt/sports) erzürnt hatte.

In Wurfweite zum umstrittenen Zeise-Hof, in den im Frühjahr unter anderem Scholz & Friends eingezogen war, steht auf einem Großplakat "Früher gab es hier ehrliche Arbeiter. Jetzt gibt es Werber." Eigentlich ist der Slogan Teil der "Life is bitter"-Werbekampagne für den italienischen Kräuterschnaps Fernet-Branca. Doch für Brinkert und Holtappels ist er ein Affront gegenüber der gesamten Branche. Beide regten sich bei Facebook wortreich auf, Brinkert reichte sogar Beschwerde beim Deutschen Werberat ein.

Andere Agenturen als "Trittbrettfahrer" des Fernet-Streits

Kolle Rebbe griff den Streit bei Facebook auf. Sie posteten ein Bild des eigenen Firmensitzes mit der Aufschrift "Früher gab es hier ehrliche Hafenarbeiter. Jetzt gibt es hier ... (bitte ausfüllen)". Die Kopie des Originals stieß auf nur mäßige Begeisterung, ein Nutzer schlug lapidar "Trittbrettfahrer" vor, ein anderer "Agenturensöhne".

Die Agentur wiederum, die Brinkert und Holtappels mit ihrer Entrüstung in Schutz nehmen wollten, sie ignoriert den Kernpunkt des Streits gleich ganz.Stattdessen bedient sich Scholz & Friends bei einem anderen Motiv der Schnapswerbung: Neben das Plakat "In Hamburg arbeiten die besten Werbetexter Deutschland – und ich" hängten sie eines mit der Aufschrift "Alkohol ist keine Lösung" – und einer E-Mail-Adresse zur Bewerbung als Praktikant.

Hartwig Keuntje weist die erzürnten Werber in die Schranken

Eine ganz andere Reaktion kam von einem anderen Hamburger Agenturchef: Hartwig Keuntje von Philipp und Keuntje legte Brinkert und Holtappels in einem lesenswerten Kommentar bei "Horizont" nahe, "etwas Gelassenheit an den Tag zu legen und von ihrem hohen Ross der moralischen Empörung herunterzusteigen". Schließlich stecke in der Zeile "mehr als nur ein Körnchen Wahrheit", und mit der Ehrlichkeit sei es in der Werbung ja sonst nicht so weit her.

Seine eigene Branche beschreibt Keuntje so: "Wir sind nun einmal keine Feuerwehrleute oder Krankenschwestern. Wir helfen Unternehmen, Produkte zu verkaufen, Punkt. Mit allem Für und Wider, das diese Aufgabe mit sich bringt. Wir sind keinen Deut besser oder schlechter als jeder, der im kapitalistischen Warenwirtschaftssystem irgendetwas an den Mann oder die Frau bringen will." Er schließt mit der Forderung nach einem "umfassenden Ethik-Kodex für kommerzielle Kommunikation", der dem schlechten Ruf der Werber-Branche entgegenwirken könnte.