Anwohner genervt

Widerstand in Ottensen gegen Profi-Spendensammler

Die Bezirksabgeordnete Anne-Marie Hovingh (SPD) in Ottensen

Die Bezirksabgeordnete Anne-Marie Hovingh (SPD) in Ottensen

Foto: Rosi Chankova / HA

Immer mehr gemeinnützige Organisationen setzen Agenturen ein, um auf der Straße Mitglieder zu werben - zum Ärger der Anwohner.

Hamburg. Wenn man im Herzen Altonas an der Ottenser Hauptstaße entlanggeht, stehen die Chancen gut, dass man den Satz „Haben Sie mal ‘ne Minute, um die Welt zu retten?“ hört. Anders formuliert: Die Chance, ihn nicht zu hören, ist ausgesprochen gering. Denn dort steht eine sogenannte Non-Profit-Organisation neben der anderen. Da geht es dann um Tiger in Not, Kinder in Angst, um den Regenwald und, und, und. Ehrenwerte Ziele meist seriöser Organisationen – doch die Methoden sorgen für Ärger.

„Zwischen dem Bahnhof Altona und dem Spritzenplatz ist es am schlimmsten“, sagt Nora Sternberger. Die 43-Jährige lebt seit zwölf Jahren mit ihrem Mann und ihrer Tochter in Ottensen und ist mittlerweile nur noch genervt von den vielen Informationsständen, an denen Jugendliche um Mitglieder und Spenden werben. „Es kommt mir so vor, als würden fast jeden Tag neue Gruppen verschiedenster Organisationen rumstehen“, ergänzt Sternberger. So wie sie sind viele Ottensener genervt.

„Seit Jahren häuft sich in Hamburg das systematische Einwerben finanzieller Unterstützung für Non-Profit-Organisationen durch kommerzielle Agenturen“, sagt die SPD-Bezirksabgeordnete Anne-Marie Hovingh. Sie will jetzt dagegen vorgehen.

Wie sehr diese Stände zum Problem geworden sind, verdeutlichen die Zahlen: 2012 wurden für das Aufstellen von Informationsständen für den gesamten Bezirk Altona 135 Genehmigungen ausgestellt. Im vergangenen Jahr waren es allein für die Ottenser Hauptstraße mehr als 320.

Die junge Politikerin Hovingh machte 2012 einen ersten Vorstoß gegen die kritisch betrachtete Werbemethode. „Aufgrund einer globalen Richtlinie kann man den Organisationen nicht verbieten, im öffentlichen Raum Werbung zu betreiben, allerdings muss darauf geachtet werden, dass dabei der Informationsfluss im Vordergrund steht und nicht die kommerziellen Spendenverträge“, sagt Hovingh. Sie selbst lebt in der Nähe der Ottenser Hauptstraße und bekommt als Anwohnerin viel von der Problematik mit: „Es ist wirklich störend, und ich empfinde das Verhalten der Promoter als sehr penetrant“, sagt sie verärgert. Im Vergleich zu anderen Bezirken sei Altona besonderes stark betroffen.

Als „Promoter“ verstehen sich die Menschen, die von Agenturen engagiert werden, um für die Organisationen auf der Straße neue Mitglieder zu werben. Meist sind das Studenten, die nebenbei etwas dazuverdienen wollen. Sie erhalten ein monatliches Fixum, im Schnitt etwa 1200 Euro, und können zusätzlich Prämien von bis zu 800 Euro erhalten, wenn sie viele neue Förderer gewinnen. „Es ist ein harter Job und wer kämpft, soll auch belohnt werden“, heißt es von einer Sprecherin der Agentur DialogDirect dazu.

Eine von ihnen war Clara Beene (Name geändert). „Im Nachhinein war ich oft von mir selbst überrascht, wie aggressiv ich auf Passanten zugegangen bin, damit sie den Vertrag unterschreiben“, sagt die Studentin. Sie ergänzt: „Wir hatten täglich bestimmte Quoten zu erreichen, was aber immer äußerst schwierig war, denn im Schnitt blieb bei 100 Personen, die man angesprochen hat, nur eine Person stehen und hat einem zugehört.“ Beene erzählt, dass sie einen Leitfaden habe auswendig lernen müssen, den sie schon nach zwei Wochen einfach runtergerattert habe. „Wir haben Konzepte gelernt, mit Fakten, die schockieren und Emotionen, die wir vermitteln sollten“, sagt die Studentin. Aus purem Frust über das Desinteresse der Passanten sei sie schon mal welchen nachgelaufen: „Das hätte ich wirklich nicht von mir gedacht.“

Dem Vorstoß der SPD-Abgeordneten Hovingh, Informationsstände mit solch kommerziellen Methoden stärker zu regulieren, kam der Bezirk Altona entgegen und beschloss „die bisherige Praxis zu ändern und gemeinnützigen Organisationen die Auflage zu erteilen, keine gewerblichen Personen zu betrauen“, wie es in einer Drucksache heißt. Dagegen liefen die Non-Profit-Organisationen Sturm – der Beschluss wurde 2013 kassiert. Sie argumentierten damit, dass die Informationsstände eine sehr erfolgreiche Methode der Mitgliederwerbung seien, wie ein Sprecher des World Wildlife Found (WWF) sagt.

Statt weniger wurden es folglich deutlich mehr Infostände – durchschnittlich 6,2 Stände pro Woche, sagt der Sprecher des Bezirksamt Altona, Martin Roehl. Er meint, dass diese Zahl nicht als groß anzusehen sei, eine Begrenzung daher „nicht erforderlich“.

Das sieht Hovingh anders: „Die stetige Zunahme macht mehr denn je deutlich, dass hier ein Konzept zur Regulierung erarbeitet werden muss.“ Es gehe nicht darum, den gemeinnützigen Organisationen zu schaden, allerdings ist die Situation aus Verbraucherschutzsichtweise sehr problematisch, so Hovingh. Sie plant einen neuen Vorstoß gegen die kommerzielle Spendensammlung in Altona.