Hamburgs Geschichte

Die Zeit der Hanse - Alle Mann an Bord!

In Teil 2 der Historicus-Serie lässt Irene Haarmeyer Lilli und Filip mehr als 600 Jahre in die Vergangenheit reisen.

Gemeinsam mit Geschwisterpaar Lilli und Filip reist Historicus, ein Lebewesen außerhalb von Zeit und Raum, in der Zeitmaschine Time-Changer durch die Geschichte der Hansestadt. „Wisst ihr eigentlich, warum Hamburg Hansestadt Hamburg heißt?“, fragt Historicus. „Ich glaube, das hat was mit dem Handel zu tun“, meint Filip. „Genau“, sagt Historicus. ‚‚Schon damals wurden die Waren in weit entfernte Länder transportiert.“

„Das haben sie geschafft – ohne Lastwagen, Eisenbahnen oder Flugzeuge? Das ist ja irre“, sagt Filip bewundernd. „Ja, und um alles einfacher zu machen, haben die Deutschen viele Städte neu gegründet, wie zum Beispiel Riga oder Danzig. Und dann haben sich die Kaufleute von vielen Städten zu einem Städtebündnis zusammengeschlossen.“ „Das haben sie bestimmt ‚Hanse‘ genannt“, ruft Lilli dazwischen. „Du bist ja ein ganz schlaues Mädchen“, lobt Historicus sie. „‚Hansa‘ ist ein altes deutsches Wort und bedeutet Gruppe oder Schar. Zur Hanse gehörten damals bis zu 100 Städte aus Ländern wie Schweden, Dänemark, Norwegen, Polen, Russland und Holland. Die Stadt Lübeck an der Ostsee war die wichtigste von ihnen. Die Hanse war damals die größte wirtschaftliche Macht in Europa, sie hat sogar Kriege geführt.“

So viel wie 200 Autos oder 70 Elefanten – das konnte eine Kogge befördern

„Aber wie wurden die Waren denn transportiert?“, will Filip wissen. „Siehst du das Schiff dort im Hafen? Das ist eine Kogge, ein geniales Schiff“, schwärmt Historicus. „Es ist 20 bis 30 Meter lang und sieben bis acht Meter breit. Es kann bis zu 200 Tonnen Lasten befördern. Stellt euch mal vor – das ist so viel wie 200 Autos oder 70 Elefanten! Außerdem ist die Kogge mindestens dreimal so schnell wie ein von Pferden gezogener Wagen. Übrigens, was sollen wir eigentlich aus dieser Zeit mitbringen?“ Filip sieht nach. „Ein Stück Schiffstau“, ruft er. Historicus wühlt in seiner Hosentasche. „Ich hab doch immer ein Taschenmesser dabei.“

Schon steigt er aus der Kapsel, schlendert zur Kogge, klettert hinauf und schneidet von einer Rolle Tau ein Stück ab. Kaum ist er zurück, fragt Lilli: „Was tragen die Arbeiter denn da in die Kogge?“ Historicus lächelt. „Oh, das sind Bierfässer. In Hamburg gibt es in dieser Zeit ungefähr 460 Brauereien. Die stellen riesige Mengen Bier her und verschiffen es mit den Koggen in viele Länder. Deshalb wird Hamburg auch ‚das Brauhaus der Hanse‘ genannt.“ „Da haben die Besitzer der Brauereien sicher viel Geld verdient“, überlegt Filip. „Ja, durch den Handel sind viele Bürger sehr reich geworden – sogar steinreich“, erzählt Historicus. „Viele Leute wohnen in Fachwerkhäusern. Das sind Gebäude, die aus einem Holzgerüst bestehen. Die Zwischenräume werden mit Lehm und Holz gefüllt. Nur die sehr Reichen können es sich leisten, diese Lücken mit Steinen auszumauern.“ „Deshalb sagen wir heute noch: Der ist steinreich?“, staunt Lilli. „Genau. Aber jetzt geht’s weiter“, ruft Historicus.

„Guckt mal, wir sind genau im Jahr 1400 auf dem Grasbrook. Oh, entschuldigt, ihr nennt das jetzt wohl ‚HafenCity‘.“ Filip zeigt aufgeregt nach unten. „Wow, der Mann hat ja ein Schwert in der Hand. Und dort – so viele gefesselte Männer.“ „Das sind alles Seeräuber“, weiß Historicus, „und der Erste in der Reihe ist der berühmte Klaus Störtebeker.“ „Den kenne ich“, sagt Filip stolz. „Weißt du auch, wie er zu seinem Namen kam?“ Filip schüttelt den Kopf. „Der Name Störtebeker bedeutet ‚Stürz den Becher‘, denn der Sage nach soll er einen Vierliterbecher ohne abzusetzen ausgetrunken haben.“ Filip ruft begeistert: „Das ist ja cool. Auf dem Block steht übrigens, dass wir einen Bierkrug mitnehmen müssen.“ Lilli ist unbeeindruckt. „Aber Piraten sind doch böse. Warum ist Störtebeker denn so berühmt?“„In dieser Zeit, Lilli, sind die meisten Menschen sehr arm und hungern“, sagt Historicus. „Die Adligen jedoch und einige Kaufleute sind sehr reich. Die Piraten greifen ihre Schiffe an und rauben sie aus. Dadurch fügen sie den Reichen großen Schaden zu. Die Beute teilen sie untereinander auf.“ „War Störtebeker denn immer ein Pirat?“, will Filip wissen. „Keiner weiß genau, wo und wann er geboren wurde“, sagt Historicus. „Doch sicher ist, dass er zuerst in der Ostsee sein Unwesen getrieben hat. Damals führte der König von Schweden gegen die Königin von Dänemark Krieg. Weil er selbst nicht so viele Schiffe besaß, stellte er für jeden, der bereit war, Dänemark zu schädigen, Kaperbriefe aus.“

100 Piratenschiffe mit 2000 Mann Besatzung kreuzten in der Ostsee

„Was sind denn Kaperbriefe?“, unterbricht ihn Lilli. „Das ist der Auftrag einer Regierung, Schiffe einer anderen Nation auszurauben und zu versenken“, erklärt Historicus. „Die Piraten haben damals sogar drei Jahre lang die Stadt Stockholm mit Lebensmitteln versorgt, als sie belagert wurde.“ „Dann waren sie ja so eine Art Soldaten“, meint Filip. „Ja, eine Zeit lang schon. Aber als die Seeräuber nicht mehr gebraucht wurden, überfielen sie weiterhin Schiffe. In dieser Zeit kreuzten 100 Piratenschiffe mit 2000 Mann Besatzung in der Ostsee. 1398 flüchteten die Seeräuber in die Nordsee. Dort führte Störtebeker seine Raubzüge von der Insel Helgoland aus. Vor der Insel wurde er nach schwerem Kampf gefangen. Tja, und jetzt sollen er und seine Männer geköpft werden. Ach, wer holt denn überhaupt unseren Beweis, den Bierkrug?“ „Das mache ich“, ruft Lilli. Unsichtbar entreißt sie einem Schaulustigen den Becher und rennt zum Time-Changer zurück. Filip ist richtig stolz: „Das hast du super gemacht! Übrigens habe ich gehört, dass Störtebeker versprochen wurde, dass die Männer, an denen er ohne Kopf vorbeigeht, begnadigt werden. Er soll elf Männer passiert haben, bis der Henker ihm ein Bein stellte. Jetzt können wir ja sehen, ob das wahr ist.“ „Das kommt gar nicht infrage“, sagt Historicus. „Wir machen, dass wir wegkommen.“

Nächste Woche: Die größte Stadt Deutschlands (1619) und die Grönlandfahrer (1678)