Gutsküche

Am Hofe ist sehr gut speisen

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Die Karte wurde auf wenige Gerichte verknappt - das erlaubt die Konzentration auf frische Produkte je nach Jahreszeit

Hamburg. Mutter will vorm Mittagessen noch ihr Horoskop lesen, aber Zeitungen gibt's jetzt nicht, der Kioskbesitzer macht ein Schläfchen von eins bis halb vier (!), auch sonst kaum Menschen auf der Straße, als ob Heiligabend wäre: Wir durchfahren Ohlstedt und Duvenstedt, überqueren die Grenze nach Tangstedt, und dort ist wieder Leben. Die Tiere meckern, blöken und gackern, da steht ein Bio-Supermarkt, dahinter ein Streichelzoo und das Gut Wulksfelde. Wir aber gehen in die Gutsküche, seit Oktober erreicht ihr Ruf auch viele Hamburger Restaurantbesucher, die sich Natur auf dem Teller wünschen - sämtliche Produkte bio-organisch!

Der Koch Matthias Gfrörer und seine Partnerin Rebecca Ulbrand nehmen nur, was die Jahreszeiten, der Tag und der Wochenmarkt bringen, die Speisekarte haben die beiden stets auf ein paar Gerichte verknappt, das freut jeden Kenner (die Gleichgültigen sitzen bei ihrem Stammchinesen und essen die Nummer 195, "hat smeckt"?).

In einem Holzbehälter liegt die Weinkarte, wir trinken zwei Pfälzer, einen Weißburgunder (Glas 6 Euro) und eine Flasche Spätburgunder (27,50 Euro), und obwohl ich mich ein bisschen schäme, entscheide ich nach einer Minute, dass hier die Diät endet (vor drei Tagen begonnen): Das Brot duftet in einem Wollkorb, aus der offenen Küche locken Fleischaromen, ach, Diät, ich bin doch nicht bescheuert, probiere ich vielleicht das Perlhuhn mit Brokkoli und Topinambur, dieser Ewigkeitskartoffel der Indianer?

Das Publikum (alle Generationen) wirkt gesünder als die meisten Gäste in Hamburger Lokalen, die Leute bleiben nach der Mahlzeit lange sitzen und müssen sich überwinden, wieder wegzugehen - so angenehm ist es in der Gutsküche. Dann möchte ich doch das Hof-Ferkel, ein Schweinchen der Sonderklasse mit Sauce, Kraut und Serviettenknödel (23,50), während Mutter sofort die Eismeerforelle mit Blumenkohl wählt (24 Euro): Die Gerichte sind ausgezeichnet, ebenso wie vorweg die Essenz vom Weideochsen; an den Nebentischen dampft eine mit Couscous gefüllte Paprika (14,50); der Felsenkrake und das Galloway-Rind sind auch im Angebot, und es imponiert Mutter, dass sie hier Milch ohne die böse Laktose bekommt.

Zum Abschluss kichert Mutter, als sie sich traut, den Apfel-Mohn-Schlüpfer zu bestellen, sie genießt diese Süßigkeit. Meine Käseauswahl von Schaf und Kuh (12,50) mit Sanddornhonig, Feigensenf und Röstzwiebeln kann eigentlich nur von einem Franzosen sein, ist aber von einem Deutschen - die Wirte haben ihn und seine Käsesorten gerade entdeckt. Die Kellnerin, frisch wie ein Morgen auf dem Lande, serviert statt Kaffee noch ein Ratsherrn Pils, dieses Meisterbier hanseatischer Braukunst, in Hamburg kaum mehr zu erhalten.

Sonntags ab 11 Uhr ist Brunch in der Gutsküche: Eher nichts für mich, denn ich mag kein Frühstück und auch keine Frühstücker, aber zum Brunch kocht Matthias Gfrörer immerhin auch mal eine Lammkeule, und das ist dann ja schon was Richtiges. Während der Rückfahrt liest Mutter dann eine Tageszeitung mit Horoskop, es weissagt ihr genau das, was sie bereits zwei Stunden lang hatte: "Heute außergewöhnliche Sinnesfreuden!"

Gutsküche Di-Sa 12.00-14.30 und 18.00-22.00, So 11.00-16.00 (Brunch), Wulksfelder Damm 15-17 (U Ohlstedt, S Poppenbüttel, Bus 176/276), T. 64 41 94 41; www.gutskueche.de