Lehmweg

Hamburgs Gastromeilen: Wo Hamburg wie London isst

Am Lehmweg hat man bei dem britischen Flair fast den Eindruck, durch Notting Hill zu spazieren. Teil 15 der großen Serie.

Hamburg. Ein eigenes Buch über die Gastronomie am Lehmweg zu schreiben wäre kein Problem, denn die Auswahl an guten Cafés und Restaurants ist so groß, dass sie auch hier nicht vollständig abgebildet werden kann. Läden wie das Piment, Mama’s, Le Bureau, Niko und die Küchenfreunde haben wir im Abendblatt bereits mehrfach vorgestellt. Wer sie dennoch nicht kennt, fährt am besten am 14. April nach Eppendorf, da feiert der Lehmweg von 11 Uhr an das Frühlingserwachen, bei dem sich die ansässigen Geschäftsleute vorstellen und sich Besucher wie die Raupe Nimmersatt durch diese wunderschöne Straße futtern können.

1. Henk & Henri Versuchen Sie mal, mit Kindern an dieser Backstube vorbeizugehen. Klappt nicht. Es riecht schon auf der Straße so köstlich nach Keksen, als würde das Krümelmonster hier wohnen. „Nur eine Zimtschnecke, Mama!“ Gut, die 2,90 Euro für diese im Stadtteil inzwischen berühmte Hefekreation will man ja gerne noch ausgeben. Aber dann erspähen die Kinderaugen drinnen noch Einhorn-Kekse, Osterhasen am Stil, künstlerische Torten, witzige Ausstecher, Girlanden und viele weitere süße Dinge, die irgendwie alle sofort in den persönlichen Besitz übergehen müssen. Konsumgefahr geht also von diesem Geschäft aus, auch für Menschen, die Schönheit schätzen. Die gläserne Backmanufaktur, in der man Besitzerin Nadja Bruhn (ihre Söhne gaben dem Laden den Namen) bei der Verzierung herr­licher Kleinigkeiten beobachten kann, wird durch eine Terrassentür aus einer alten Villa vom Verkaufsraum getrennt.

Der Shabby-Chic passt gut zur Gegend und zur Kreativität, die hier produziert wird. „Meine Arbeit bei der EU in Brüssel erschien mir zu nüchtern, ich wollte etwas Gestalterisches tun“, sagt Bruhn, die ihre Liebe zum Backen schließlich zum Beruf machte und Deutschlands erste Keksdesignerin wurde. Wer von der 50-Jährigen lernen möchte, kann Kurse besuchen, für Hochzeiten lässt sie sich Romantik zum Essen einfallen, und für Firmen gestaltet sie außergewöhnliche Werbeträger. Der Designer Michael Michalsky ließ kürzlich seine Kollektion in Keksform nachbilden, und Tiffany bestellte 1700 Herzen für ein Event. „Jede Schleife sollte gleich aussehen“, erzählt Bruhn. „Ich konnte die Bewegung bei der Verzierung irgendwann im Schlaf.“
Lehmweg 46, Di bis Fr 11–17 Uhr, Sa 10–16 Uhr, 0172/45889­89, www.henkundhenri.de

2. Kittel’s Fine British Goods Der Halb-Brite Alexander Kittel an sich ist schon einen Besuch in seinem Laden wert. So höflich, so versiert, wenn es darum geht, die englische Kultur außerhalb des Empire hochzuhalten: „Ich verstehe mich als Botschafter, der zeigen möchte, was Großbritannien abseits der typischen Klischees von Rosamunde Pilcher und Miss Marple zu bieten hat.“ Der 36-Jährige arbeitete früher als Architekt, doch dann reiste er durch sein Traumland auf der Suche nach besonderen Produzenten und Manufakturen. Seine Recherche-Ergebnisse verkauft er nun in seinem noch angenehm überfüllten Geschäft.

Möchte jemand einen High-Tea mit Sandwiches und Scones einnehmen (17,50 Euro), müssen erst einmal ein paar Stühle verrückt werden. Dann nimmt man Platz und genießt ausgewählte Tees, zum Beispiel von der Marke Newby (die kennen sonst nur Menschen mit Yachten oder Privatflugzeugen) und Scones nach einem Rezept von Kittels Urgroßmutter. Dazu natürlich Clotted Cream. Das Burleigh Porzellan, die Decken aus Wales, die Schokolade mit Gin-Tonic-Aroma, der sorgsam ausgewählte Whisky oder das Bartöl, das auch Prinz Harry benutzt – hier wird Frau fündig, wenn sie mal ein Geschenk für den Mann braucht.

Neben all den Damenboutiquen in Eppendorf tut ein Ort, in dem an die Jungs gedacht wird, mal ganz gut. Wenn Kittel über den Lehmweg geht, hat er das Gefühl, er befinde sich im Londoner Stadtteil Notting Hill: „Keine Stadt ist so herrlich anglophil wie Hamburg.“
Lehmweg 47, Di bis Sa 11.30–18.30 Uhr, 040/84706706, www.kittels.com

3. Vo Sie haben eine Erkältung? Dann gehen Sie ins Vo und bestellen eine Pho-Suppe (9 Euro). Wirkt tatsächlich. Die Brühe wird acht Stunden lang gekocht, dadurch entfalten sich die Aromen. Auf Glutamat wird im erst vor drei Monaten eröffneten Vo bei allen Gerichten verzichtet, sogar Frühlingsrollen, die Soßen und die Säfte werden selbst gemacht. Am besten, man bestellt gemeinsam mit Freunden viele kleine Speisen, das ist dann wie Tapas essen, nur auf Vietnamesisch­. Und unbedingt fragen, was es mit den fliegenden Nudeln auf sich hat.
Lehmweg 49, Mo bis Sa 11–22 Uhr, So 13–22 Uhr, 040/30753211, www.vorestaurant.com

4. Jussi Ein paar Stufen runter geht es hinein ins Jussi. Das Café wurde benannt nach dem Hund von Kommissar Wallander, und so ahnt man auch schon, dass es hier nicht nur um Kaffee, sondern auch um Literatur geht, um skandinavische Literatur wohlgemerkt. Bücher von Astrid Lindgren oder Hans Christian Andersen stehen neben den Werken der großen Krimiautoren. Die Gäste, darunter eine 85 Jahre alte Stammkundin, sitzen auf kuscheligen Stühlen im Bullerbü-Stil und blättern in verschiedenen Ausgaben, was Besitzerin Bianca Jarske ausdrücklich gestattet. Die 42-Jährige verkauft die Bücher, die sie selbst gerne liest: „Je weiter nördlich sie leben, desto besser die Autoren.“

Zurzeit empfiehlt sie „Der Reisende“ von Arnaldur Indridason, einem Isländer. Erstaunlich, dass in einem Land, in dem es nahezu keine Kriminalität gibt, so viele erfolgreiche Verbrecher-Storys geschrieben werden. Zu essen gibt es selbst gemachten Kuchen, auch vegan, oder Smørrebrød mit Lachs (5 Euro). Das Café hat mehrere Zimmer, hinten arbeitet sogar ein Friseur. Das Jussi ist also eine Art Gemischtwarenladen für den Bauch, für den Kopf und für die Haare.
Lehmweg 35, Di bis Fr 14–19 Uhr, Sa 10–19, So 14–18 Uhr, 040/18299958, www.jussi-krimicafe.de

5. Ono Dieses Restaurant muss man womöglich nicht mehr groß vorstellen. Jeder, der gerne Sushi isst, hat das Ono von TV-Koch Steffen Henssler wahrscheinlich schon einmal besucht. Ono ist hawaiianisch und heißt so viel wie „frischer Fisch auf den Tisch“. Er kommt in unterschiedlichsten Variationen daher, besonders beliebt sind die Crispy Shrimps mit Avocado und Gurke (12,50 Euro) sowie das Tuna-Tataki (18,50 Euro). So bombastisch die Aromen, so schlicht ist das Interieur. Der Gastraum mit den 80 Plätzen wirkt pur, durch die großen Fenster kommt viel Licht herein. Besonders schön wird es im Sommer auf der großen Terrasse. Im Sonnenschein ein Mittagsmenü für 22,50 Euro (inklusive einer Karaffe Wasser) bestellen – das schmeckt nach Ferien.
Lehmweg 17, Mo bis Sa 12–15 Uhr und ab 18 Uhr, 040/88171842, www.onobysteffenhenssler.de

6. Balz und Balz Fast ganz am Ende des Lehmwegs, an der Ecke, die eigentlich nicht mehr so an Notting Hill erinnert, liegt noch ein kleines Juwel: Im Balz und Balz gibt es erstklassigen Kaffee und Tee. Wie oft erlebt man es, dass man lieblos einen Beuteltee für unfassbar viel Geld hingestellt bekommt, hier wird der Genuss von grünem Tee regelrecht zelebriert. Die Geschwister Kathrin und Chris Balz haben sich bei der Eröffnung des Cafés vor zwei Jahren vorgenommen, den hohen kulinarischen Anspruch, den sie von zu Hause aus kennen (ihre Eltern führen eine Fleischerei), unbedingt nach Hamburg zu exportieren. Es gibt zwar wenig Auswahl, aber der Kuchen und die Brote, die dann auf den Tisch kommen, sind dafür erstklassig. Die Rote-Bete-Stulle für 4,10 Euro zum Beispiel. Rustikal, keine große Kunst und dennoch: superlecker. „Ein Produkt ist immer nur so gut wie sein schlechtester Bestandteil, wir wollen daher nur die besten Zutaten verwenden“, sagt Kathrin Balz, während ihr Bruder den losen, grünen Tee aus Japan aufgießt.

Er kontrolliert mit dem Thermometer genau, ob das Wasser 70 Grad heiß ist. Der Tee wird dreimal aufgebrüht, der Gast muss nur auf seine leere Tasse hinweisen, schon kommt die nächste Runde. Herrlich, wenn ein Lebensmittel so geschätzt wird. Schmeckt gleich noch besser. Aber ist das nicht schwierig, wenn Geschwister gemeinsam ein Geschäft führen? „Nein“, sagt Chris Balz. „Wir haben dieses Urvertrauen, da läuft es einfach.“
Lehmweg 6, Di bis Fr 8–18 Uhr, Sa, So 9–17 Uhr, 040/60438833, www.balzundbalz.de

Alle Teile der Serie unter abendblatt.de/gastromeilen