Corona-Krise in Hamburg

Gastronomen rufen um Hilfe – und bieten Abholservice an

Tim Mälzer und viele andere Köche und Hoteliers kämpfen um die Rettung ihrer Betriebe in der Corona-Krise.

Tim Mälzer und viele andere Köche und Hoteliers kämpfen um die Rettung ihrer Betriebe in der Corona-Krise.

Foto: Michael Rauhe

Tim Mälzer und viele andere Köche und Hoteliers kämpfen um die Rettung ihrer Betriebe. Gleichzeitig bieten sie Unterstützung an.

Hamburg. Die Hamburger Szene-Gastronomie und Hotellerie bittet den Hamburger Senat in einem offenen Brief unter dem hashtag #wirsindbereit um Unterstützung. Wegen der aktuellen Corona-Krise, den eingeschränkten Öffnungszeiten und dem damit verbundenen drastischen Kundenrückgang bleiben ihre Restaurants leer, Reservierungen werden storniert. „Bitte sprecht mit uns“ lautet der Appell, den weit mehr als 200 Betriebe unterzeichnet haben – von der Fischbrötchenbude an Brücke 10 bis zum 25hours Hotel.

„Während die Tage verstreichen, sind wir dabei, unterzugehen. Wir haben keine Mittel mehr zur Verfügung, um unsere Existenz aufrechtzuerhalten“, schreiben sie. Gleichzeitig könnten sie die Verbindlichkeiten gegenüber Personal und Lieferanten nicht mehr erfüllen. Sie fordern Klarheit und echte finanzielle Soforthilfe. Wenn der Senat nicht dafür sorgen würde, dann „war es das für die nächsten Jahre mit Hamburgs bunter Gastroszene und den vielen schönen Hotels“.

Angekündigte Maßnahmen können die Restaurants nicht retten

Die bislang getroffenen und angekündigten Maßnahmen wie Überbrückungskredite würden „helfen, aber nicht retten“, sie bedeuteten Aufschub, aber keine Lösung. „Sprecht mit uns. Wir sind bereit, Verantwortung zu übernehmen“, heißt es. Sie könnten Lieferdienste für Risikogruppen ins Leben rufen oder einfache To-go-Mahlzeiten für die Menschen in ihren Vierteln bereitstellen. Wäre das nicht gewünscht, fordern sie rechtliche Klarheit und die komplette Schließung aller Gastro- und Hotelbetriebe.

Wenn sie aber weitermachen sollten, müssten die Bruttogehälter vollständig übernommen werden, da das Kurzarbeitergeld ohne Trinkgelder oft nicht ausreiche. Zudem müssten die ausgefallenen Arbeitsstunden der Minijobber und Aushilfen übernommen, rechtlicher Schutz vor Vollstreckungsmaßnahmen und Steuernachlässe gewährt werden. Unterschrieben wurde der Brief unter anderem von der Bullerei von Tim Mälzer und dem Restaurant Störtebeker Elbphilharmonie.

Insolvenzen werden erwartet

„Für viele Betriebe ist die aktuelle Situation eine Existenzfrage. Es wird Insolvenzen geben“, bekräftigt Fritz J. Klein, Präsident des Hamburger Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga) den Hilferuf. Er gehe davon aus, dass immer mehr Restaurants ganz schließen. „90 Prozent des gesamten Geschäfts werden zum Erliegen kommen.“ In Hamburg gibt es nach Angaben des Dehoga 4500 gastronomische Betriebe.

In der Branche arbeiten mehrere Zehntausend Beschäftigte. „Im Prinzip sind alle Arbeitsplätze bedroht“, sagt Klein. Von der Stadt Hamburg forderte er eine schnellere Abwicklung der bestehenden Hilfsangebote. „Außerdem brauchen wir einen Hilfsfonds für kleine und mittlere Unternehmen, um schnell Zuschüsse zu gewährleisten.“

Coronavirus: So können Sie sich vor Ansteckung schützen

  • Niesen oder husten Sie am besten in ein Einwegtaschentuch, das Sie danach wegwerfen. Ist keins griffbereit, halten Sie die Armbeuge vor Mund und Nase. Danach: Händewaschen
  • Regelmäßig und gründlich die Hände mit Seife waschen
  • Das Gesicht nicht mit den Händen berühren, weil die Erreger des Coronavirus über die Schleimhäute von Mund, Nase oder Augen in den Körper eindringen und eine Infektion auslösen können
  • Ein bis zwei Meter Abstand zu Menschen halten, die Infektionssymptome zeigen
  • Schutzmasken und Desinfektionsmittel sind überflüssig – sie können sogar umgekehrt zu Nachlässigkeit in wichtigeren Bereichen führen

Auch große Unternehmen der Systemgastronomie wie die Block Gruppe stehen massiv unter Druck. Die Gästezahlen in den Steakhäusern sind innerhalb einer Woche auf die Hälfte eingebrochen. „Es ist kein Problem, den geforderten Mindestabstand zwischen den besetzten Tischen von 1,5 Metern in unseren Restaurants einzuhalten“, sagt Geschäftsführer Stephan von Bülow. Er befürchtet im schlimmsten Fall Umsatzrückgänge von 80 Prozent.

Neue Ideen sollen Kosten hereinholen

Das Unternehmen, das den Hilferuf auch unterschrieben hat, beantragte bereits für einen Teil der 2500 Mitarbeiter Kurzarbeit. Block hat angekündigt, das Kurzarbeitergeld von 60 beziehungsweise 67 Prozent des Gehalts, die von der Arbeitsagentur übernommen werden, auf 100 Prozent aufzustocken. Das könne allerdings nur für einen gewissen Zeitraum aufrechterhalten werden, so von Bülow. Die Asia-Kette Mai-Mai, die mehr als 40 Mai-Mai-Imbisse und Hanoi-Deli-Restaurants betreibt, darunter 16 in Hamburg, weiß nicht, wie es weitergeht. „Alle Bundesländer haben unterschiedliche Regelungen. Das ist ein großes Problem“, sagt Juniorchef Ahn Do Duy.

Viele Gastronomiebetriebe versuchen mit neuen Ideen zumindest einen Bruchteil der Kosten wieder hereinzuholen. Block baut den Abholservice in den Restaurants aus, wo die Kunden auch nach 18 Uhr telefonisch von der Karte bestellen können und die Gerichte später selbst abholen. Auch Bestellungen im Onlineshop können neben den üblichen Versandmöglichkeiten direkt in der Zentrale in Hummelsbüttel abgeholt werden. Die Burgerkette Peter Pane liefert jetzt auch über die Internetseite „Peter bringt’s“ zwischen 12 und 21 Uhr direkt nach Hause.

Coronavirus: Die Fotos zur Krise

Johannes Schröder, der den Hilferuf auch unterschrieben hat, bietet im Restaurant Küchenfreunde am Lehmweg und im Café „Was wir wirklich lieben“ an der Leverkusenstraße verschiedene vakuumverpackte Gerichte an, die man sich zu Hause warm machen kann. Außerdem öffnet Schröder seine Restaurants zwischen 18 und 20 Uhr für den Außerhausverkauf. Schröder, der mittlerweile seine 30 Aushilfen entlassen und für den überwiegenden Teil seiner 46 fest angestellten Mitarbeiter Kurzarbeit beantragt hat, findet es wichtig, dass die Restaurants zur Versorgung der Bevölkerung geöffnet bleiben: „Viele kümmern sich im Homeoffice um Kinder oder auch Kranke und haben keine Zeit, selber zu kochen.“

Auch das Restaurant Ufer an der Bismarckstraße hat wegen der Corona-Krise sein Konzept umgestellt. Das Lokal öffnet sonst erst ab 17 Uhr. Jetzt macht es schon morgens auf – und bietet Lunch- und Dinnerboxen zum Mitnehmen an. Klassiker wie Spinatknödel, Bärlauchpasta oder Ziegenkäsesalat kosten 9 Euro, eine Anleitung für die Zubereitung bekommen die Gäste mit.

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Im Casa Nova gibt es ab 18 Uhr alles „to go“ – und als Clou das „Couch Menü“ für zwei Personen: Antipasti, eine Pizza und eine Flasche Prosecco für 30 Euro. Das Restaurant Mexikostraße am Eppendorfer Weg wird „ein Taco-Kit zum Abholen und Selbermachen geben“, so Chef Miguel Zaldivar, der die zweite Niederlassung auf St. Pauli leitet. Er stamme aus Mexiko und sei „katastrophenerfahren“. „Wir haben schon vieles erlebt, von Erdbeben bis Inflation, aber so etwas wie hier habe ich noch nicht erlebt.“