Seminare

Ina Finn ist die Wein-Lady von Hamburg

Ina Finn hat sich  schon vor 17 Jahren als Weinberaterin selbstständig gemacht.

Ina Finn hat sich schon vor 17 Jahren als Weinberaterin selbstständig gemacht.

Foto: Eva Häberle/Junius Verlag

Profund und unprätentiös geht es bei ihr zu. Sie hat mit der Villa Verde ein Refugium für Wein und Kulinarik geschaffen.

Hamburg. Mit der Villa Verde hat sich Hamburgs „Wein-Lady“ Ina Finn 2006 einen lang gehegten Traum erfüllt: Hier hat sie einen Raum für Wein, Kultur und Genuss geschaffen, der in dieser Form in der Hansestadt einmalig ist.

Geboten wird übers Jahr eine Fülle von Veranstaltungen und Seminaren, bei denen Wein und Kulinarik im Mittelpunkt stehen. An 200 Jahre alten Eichenholztischen unter stilvollen Kristalllüstern gibt es unprätentiöse Wein-Einsteigerseminare, Exkurse für Fortgeschrittene und spezielle Abende zu Themen wie Champagner, Sommerweine, Rosé, Südafrika, Südamerika, Antipasti e Vino, Deutsche Weinszene, Unbekanntes Italien, Tapas e Vino, Frankreichs Südwesten, Australien und Neuseeland – das unerschöpfliche Füllhorn der Weinwelt spiegelt sich in der Themenvielfalt wider. Dazu wird jeweils adäquat aufgekocht oder ein passendes Büfett geboten.

Auch die Spirituosenwelt hat sich die Gastgeberin auf die Fahnen geschrieben: Neben Abenden zum omnipräsenten Gin, dem prestigeträchtigen Whisky oder dem immer modischeren Rum sind auch mal ungewöhnliche Themen wie „Tequila versus Mezcal“ im Angebot. Als echter Weinfreak hat Ina Finn ihr Herznatürlich ans Burgund verloren, als dessen „Deutschland-Botschafterin“ sie auch fungiert: Diese zersplitterte, vielschichtige und ganz und gar unübersichtliche Region ist und bleibt die Wiege des Terroir-Gedankens und wartet in der Spitze mit unfassbar tiefgründigen Chardonnays und Pinot noirs in einer weltweit einzigartigen Dimension auf.

Ein Praktikum in den USA veränderte fast alles

Tagsüber geht’s in der Villa etwas trockener zur Sache: Als Leiterin der Hamburger Niederlassung der deutschen Wein- und Sommelierschule vermittelt Ina Finn angehenden Sommeliers (w/m) das nötige Rüstzeug – natürlich auch verknüpft mit praktischen Beispielen in Form von Verkostungen. Und wer als Vertriebs- oder Handelsunternehmen seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eine profunde Weinschulung angedeihen lassen will – voilà, Ina Finn steht auch dafür parat.

Der Weg zur Weinexpertin war jedoch verschlungen, wie sie selbst berichtet: „Geboren wurde ich im Februar 1975 in Dippoldiswalde in Sachsen. Da mein Vater Tierarzt und meine Mutter Zahnärztin war und beide Eltern keinerlei Anstalten machten, der SED beizutreten, war meinem älteren Bruder und mir als Akademikerkindern eine Universitätsausbildung in der DDR verwehrt. Um uns eine gute Zukunft zu sichern, planten meine Eltern ab 1988 akribisch die Flucht der Familie in den Westen. Unseren ursprünglichen Plan, von Rumänien aus nach Jugoslawien zu schwimmen, hatten wir jedoch begraben, weil unter Ceausescu noch scharf geschossen wurde – Lebensgefahr! Im Sommer 1989 reisten wir dann zum ‚Urlaub‘ nach Bulgarien. Ein Freund meiner Eltern chauffierte uns in seinem Westauto ins Grenzgebiet, wo wir über einen Nebenfluss der Donau nach Jugoslawien schwimmen wollten.

Erstes Problem war eine Rotte Wildschweine

Das erste Problem war eine Rotte Wildschweine, die durch das Maisfeld zog, in dem wir uns versteckt hatten, und alle Grenzer aufscheuchte. Nachdem alles wieder dunkel war, fanden wir endlich irgendwann den Fluss. Mein älterer Bruder trug einen Rucksack mit Klamotten für die Familie, und wir waren alle aneinander angeseilt. Zum Glück – denn kaum waren wir im Wasser, riss die reißende Strömung uns fort. Mit übermenschlichen Kräften konnten wir uns auf eine Insel im Fluss retten und meinen Bruder, der sich mit dem Seil im Rucksack verheddert hatte und fast ertrunken wäre, bergen. Nachdem wir auf zwei weiteren Flussinseln gestrandet waren, erreichten wir endlich das rettende Ufer in Jugoslawien, wo uns unser Freund zum Glück auch fand und nach Belgrad in die westdeutsche Botschaft brachte.

Von der Botschaft aus kamen wir nach Westdeutschland und landeten schlussendlich ein Jahr in Tuttlingen, wo es mir sehr gut gefiel. Aber da meine Eltern ja Geld verdienen mussten, zogen wir nach Osterholz-Scharmbeck, wo meine Mutter eine Praxis als Zahnärztin übernehmen konnte. Um die Familie beim Broterwerb zu unterstützen, mieteten wir einen Tante-Emma-Laden an der Bundesstraße 6, wo mein Bruder und ich morgens ab fünf den Fernfahrern Brötchen schmierten, bevor wir zur Schule gingen. Da war ich 16.

Exzessives Gläserpolieren

Vormittags half die alte Dame, von der wir den Laden gemietet hatten, aus, nach der Schule traten wir wieder an. Nachdem ich mit Ach und Krach mein Abi geschafft hatte (ich war ja immer nur am Arbeiten), dachte ich mir ‚Dienstleistung kannst du ja!‘ und absolvierte eine Lehre zur Hotelfachfrau im Europäischen Hof in Hamburg. Während der Ausbildung habe ich in der Gastronomie gejobbt und dabei erstmals meine Leidenschaft für Wein entdeckt. So habe ich mich dann ganz mutig als Stellvertretende Sommelière im Hotel Louis C. Jacob beworben und dort im Januar 1998 angefangen.

Nach zwei Jahren bin ich in den Vertrieb des Weinguts Schloss Proschwitz in Sachsen gewechselt – als ‚Ost-Rückkehrerin‘ eine interessante Erfahrung. Noch während der Zeit im Louis C. Jacob hatte ich zum Glück durch exzessives Gläserpolieren während einer Veranstaltung die wohlwollende Aufmerksamkeit des kalifornischen Kultwinzers Jim Clendenen geweckt, sodass meine Bitte, bei ihm ein Praktikum machen zu dürfen, positiv beschieden wurde. Diese sechs Monate in Kalifornien waren der Durchbruch – bei dem äußerst großherzigen Jim durften alle Mitarbeiter ständig die großen Gewächse der Welt probieren, und ich habe unendlich viel gelernt!

Zurück in Deutschland, habe ich mich mit 27 Jahren als Weinberaterin selbstständig gemacht, Getränkevertriebe und Cash-&-Carry-Märkte bei der Optimierung des Weinsortiments unterstützt und nebenbei im Restaurant Nil gejobbt. In dieser Zeit habe ich auch mein Diplom beim Wine & Spirit Education Trust (WSET), eine der forderndsten und anerkanntesten internationalen Ausbildungen für Weinfachleute, geschafft. Mit etwas gespartem Geld habe ich dann die Villa Verde eigenhändig renoviert und eröffnet und nach recht schwierigen Anfangsjahren in die heutige Form weiterentwickelt.“