Stadtentwicklung

Von der Festung bis zu Planten un Blomen

Lesedauer: 9 Minuten
Matthias Schmoock
Mit Hut und bunt gekleidet ging’s zur Ausstellung: Palmfarne säumen den Weg durchs Cycadeenhaus bei der IGA 1963.

Mit Hut und bunt gekleidet ging’s zur Ausstellung: Palmfarne säumen den Weg durchs Cycadeenhaus bei der IGA 1963.

Foto: STAHH

Ein Buch schildert die 400-jährige Geschichte der Wallanlagen und zeigt ihren Einfluss auf unser heutiges Stadtbild.

Hamburg. Viele Hamburger passieren fast täglich die Reste der mehr als 200 Jahre alten städtischen Wälle – ohne es zu merken. Namen wie Millerntor, Holstenglacis und Deichtor gehören seit Ewigkeiten zu unserem Sprachgebrauch – ohne dass wir uns darüber heute noch groß Gedanken machen. Doch wie eng die einstigen Wallanlagen noch immer mit Hamburg verbunden sind, zeigt das Buch „Von der Festung bis Planten un Blomen. Die Hamburger Wallanlagen“, das jetzt im Verlag Dölling und Galitz erschienen ist.

Wohl noch nie wurde dieses Thema so ausführlich und zugleich so komprimiert vorgestellt. Von der barocken Verteidigungsanlage bis zur aktuellen Diskussion um das Bismarck-Denkmal werden die Jahrhunderte abgedeckt. Hunderte alte Zeichnungen, Pläne und Fotos garnieren das 360-Seiten-Werk, viele davon bisher unveröffentlicht. Erstaunlich ist, auf wie vielfältige Weise sich ein eben nur scheinbar altbekanntes Thema neu beleuchten und beleben lässt.

Skurrile Wallanlagen-Ansichtskarten

Einige Beispiele: Martin Spruijt präsentiert und analysiert die oftmals skurrilen Wallanlagen-Ansichtskarten, die mehr als 100 Jahre lang in alle Welt verschickt wurden. Barbara Engelschall und Helmut Poppendieck stellen die lange Kette der Anlagen-Gärtner und ihre verschiedenen Konzepte vor, und Herausgeber Heino Grunert macht deutlich, wie weitsichtig und phasenweise fast revolutionär bei der Planung zur schrittweisen Umwandlung einer Festungsanlage in eine öffentliche Grünzone vorgegangen wurde.

Der Vergleich von historischen Plänen mit aktuellen Luftaufnahmen zeigt überdeutlich die enorme Ausdehnung des Wallrings, der an vielen Stellen einst so breit war, dass auf seinem Scheitelpunkt mehrere Wagengespanne nebeneinander fahren konnten.

Ein Reisebericht aus dem 18. Jahrhundert schildert einen Rundgang von „mehr als ein und einer halben Stunde, der (...) auf mancher Stelle einem dicken Walde gleicht, der zu keiner Zeit von den Strahlen der Sonne durchdrungen werden kann“. Und der Reiseschriftsteller Johann Peter Willebrand stellte 1772 fest: „Ich kenne keine Stadt in Deutschland, wo man reizendere Spaziergänger antreffen könne.“

Viele repräsentative Bauten am einstigen Wallring

Die zweiphasige, 1804 beschlossene Entfestigung mit dem Abtragen der Wälle „war als deutlich sichtbares Zeichen der Neutralität gedacht“, schreibt Autor Dirk Brietzke. Zugleich verlieh sie Hamburgs Stadtentwicklung eine Dynamik, die vielen Menschen heute gar nicht klar sein dürfte, sich aber heute noch gut bei Spaziergängen nachvollziehen lässt.

Denn nach der weitgehenden Auflösung des engen Rings um die Stadt errichtete man unmittelbar an dieser einstigen Grenze zahlreiche repräsentative Bauten, um die sich wie eine Perlenkette die verbliebene Grünzone legte. Der 1903 eröffnete Dammtorbahnhof wurde dabei, das zeigen eindrucksvolle Bilder, mitten in ein noch bestehendes Wallfragment hineingebaut. Nicht selten standen und stehen diese Gebäude übrigens mit dem Rücken zur dicht bebauten Stadt, während sie nach vorne hin zur repräsentativen Parkanlage ausgerichtet wurden.

Dazu gehören unter anderem die Kunsthalle, das ehemalige Reichspostamt am Stephansplatz, das Ziviljustizgebäude und die ­Laeiszhalle. Das Gleiche gilt übrigens für die Anordnung von Denkmälern und Kunstwerken, wie Jörg Schilling nachweist. Zu diesem Thema bietet das Buch eine umfangreiche Liste mit Fotos und Standortangaben.

Rasante Entwicklung Hamburgs

„Vieles von dem, was wir heute um den Wallring herum wahrnehmen, erklärt sich aus der Zeit der befestigten Stadt oder aus der rasanten Entwicklung Hamburgs zur modernen Großstadt“, schreibt Heino Grunert. Mitunter seien die Spuren aber nur noch schwer lesbar oder fast ganz verschwunden. Das neue Buch hilft indes erheblich dabei, sie zum Beispiel im Rahmen einiger Spaziergänge wiederzufinden.

Für Nostalgiker bietet es aber auch einiges – zum Beispiel die ausführlichen Beschreibungen der diversen großen Ausstellungen vor Ort. Schon die Gestalter der Gartenbauausstellung 1869 hatten sich eine Menge einfallen lassen, um das Publikum anzulocken.

Der alte Wallgraben wurde als Flusslauf mit kleinen Inseln und schwimmenden „Teppichbeeten“ samt Palmen gestaltet, zur Elbe hin geöffnet und mit einer damals ziemlich spektakulären Kettenbrücke überspannt. Eindrucksvoll auch die Bauten der Gewerbe- und Industrieausstellung von 1889: Das Hauptgebäude beim heutigen Sievekingplatz sah mit Zinnen und Türmchen aus wie ein Disneyland-Schloss.

Wasserrutschbahn war ein Highlight

Nicht weniger eindrucksvoll wurde die Allgemeine Gartenbauausstellung 1897, die der Gartenbauverein anlässlich seines 25-jährigen Jubiläums veranstaltete – übrigens ohne staatliche Hilfe. Ein Highlight war zweifellos die „Wasserrutschbahn“, wie man sie noch heute aus Vergnügungsparks oder vom Dom kennt.

Ein Ausstellungsführer von 1897 pries die „Boote (…), die auf steiler, schräger Holzfläche zum Stadtgraben hinunterrollen und, nachdem sie in die aufspritzende Fluth getaucht sind, ihre Passagiere an einem vor der Bierhalle der Elbschlossbrauerei hergestellten Steg wieder absetzen“. Gewährleistet wurde auch: „Wer per Rad die Ausstellung erreicht, kann (…) seine Maschine sicher unterbringen.“

Die Ausstellung bot viele aufwendige Bauten, darunter zwölf Gaststätten wie das Union-Restaurant im Stil eines oberbayerischen Hauses, eine Stehbierhalle in der Wolfsschlucht und einen Palästina-Pavillon. In einem Ausstellungsgebäude gab es plastische künstliche Pflanzen und Blüten vor zehn mal 22 Meter großen Wandgemälden aus den fünf Erdteilen zu sehen. Dargestellt waren unter anderem eine brasilianische Urwaldlichtung und eine norwegische Gebirgsschlucht mit echtem Wasserfall.

Park- und Seilbahn sind inzwischen verschwunden

Viele Hamburger erinnern sich noch an die Internationalen Gartenbauausstellungen (IGA) unserer Tage. Zur IGA 1963 ging eine Parkbahn in Betrieb – inklusive Bahnhof und Lokschuppen, die zur IGA 1973 erneuert und vergrößert wurde. 1982 stellte man den nicht mehr wirtschaftlichen Betrieb dann leider ein, von 1985 an wurde die Strecke abgebaut.

Der alte Lokschuppen blieb übrigens erhalten, verrät das Buch – er dient heute als Lagerhalle. Zur IGA 1963 hatte es auch eine Seilbahn gegeben, die immerhin 1,4 Kilometer lang war. 120 Gondeln standen zur Verfügung – 80 halboffen, 40 verglast. Bis auf 26 Meter ging es an einigen Stellen hinauf, kaum vorstellbar, welche Bedenken heute gegen ein solches Projekt vorgebracht würden, und wie viele Sicherheitsvorschriften dafür nötig wären. Gleich nach der IGA war es damit wieder vorbei – schade eigentlich.

In einem Punkt unterschieden sich die historischen Ausstellungen übrigens nicht von denen unserer Zeit: Schon damals gab es regelmäßig Streit über zu hohe Kosten, falsche Konzepte und einen nicht für alle erkennbaren Nutzen.

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Der Blick auf die Fotos vieler Jahrzehnte macht deutlich, wie stark sich vor allem Planten un Blomen im Laufe der Zeit wandelte. „Nicht immer ist diese Entwicklung für den Park glücklich verlaufen“, schreibt Heino Grunert. „Nicht selten hat die Stadt auf der Suche nach geeigneten Flächen das Wallgrün in Anspruch genommen und in der Folge verkleinert.“

Ein Rest des alten Wallgrabens zwischen Museum für Hamburgische Geschichte und Zivilgerichtsgebäude war bis in die Zeit des Zweiten Weltkriegs mit Wasser gefüllt. Brücken überspannten die Anlage, alte Bäume standen an den Hängen, die stellenweise regelrechte Schluchten bildete. Nach der Kriegszerstörung verfüllte man den Graben mit Trümmern und ebnete die ganze Fläche ein. Neue Wasseranlagen blieben dann deutlich flacher und abgezirkelter – die vergleichenden Fotos dazu sind im Buch leider zu klein. Asphalt und Beton dominierten in den 1970er-Jahren – vieles davon ist mittlerweile zum Glück wieder verschwunden.

Auch das macht das neue Buch deutlich: Der Entwicklungsprozess der Anlage geht immer weiter – aktuell unter anderem mit der Planung für einen möglichen Neubau des Café Seeterrasse. Die 400-jährige Geschichte der Wallanlagen ist noch lange nicht zu Ende erzählt.

400 Jahre im Buch:

Das Buch „Von der Festung bis Planten un Blomen. Die Hamburger Wallanlagen“ ist bei Dölling und Galitz erschienen. Darin wird die historische Entwicklung der Anlagen in elf Einzelbeiträgen von den Anfängen bis heute untersucht und beschrieben. Es hat 360 Seiten, 560 Abbildungen und kostet 39,90 Euro. Es ist im Buchhandel erhältlich und auf abendblatt.de/shop